Dr. Dorothea Kliche-Behnke
Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! In der Tat, das Problembewusstsein in den Regierungsfraktionen ist da. Wir haben gesehen, es gibt einige Programme, die sich in Baden-Württemberg auch oder ganz gezielt an Gründerinnen richten. Meine Vorrednerinnen sind ausführlich darauf eingegangen; diese Programme sind auch gut. Positiv hervorheben will ich, dass die Hälfte der 5 000 Gründungsinteressierten, die Beratungsangebote annehmen, Frauen sind. Das gibt immerhin Hoffnung. Ich möchte ein kommunales Beispiel herausgreifen: In Mannheim gibt es seit rund 20 Jahren das Gründerinnenzentrum „FeMale Business“, das ausschließlich Frauen berät, und zwar mit sehr großem Erfolg. (Beifall bei der SPD und Abgeordneten der Grünen) Wir unterstützen es ausdrücklich, wenn vorrangig Gründerinnen über das Modul „Start-up BW@School“ an die Schulen geschickt werden. Das haben Sie in Ihrer Stellungnahme ausgeführt. Das gibt Sichtbarkeit, und das ist nötig in diesem Bereich. Mit einer dieser Gründerinnen, die in baden-württembergische Schulen geht, habe ich gesprochen und möchte sie hier kurz vorstellen. Die Tübingerin – natürlich – S. P. hat mit ihrem Mann und einem Bekannten 2020 die Firma Cytolytics gegründet. Dieses MedTech-Unternehmen will mit KI Zellanalysen extrem beschleunigen. Dabei geht es vor allem um die Früherkennung von Krebs. Die 25-Jährige hat beim Startup-Wettbewerb FEMALE FOUNDERS CUP den ersten Platz belegt, und das Unternehmen wurde bereits 2021 vom „Handelsblatt“ als eines unter den Top-Ten-Start-ups aufgeführt. Wenn man mit ihr spricht, wird klar, dass es für eine Gründung vor allem erst einmal eine gute Idee braucht, ebenso aber Energie und Mut. Und es bedarf des richtigen Umfelds – das bei uns in Tübingen mit dem Cyber Valley natürlich gegeben ist. Wichtig für sie waren auch der Coworking Space, der Neckar Hub, und VC-Geld. Sie stellt die Frage, warum ein so reiches Bundesland wie Baden-Württemberg nicht mehr Venture-Capital-Gelder aufzuweisen hat. Übrigens – wir haben es heute schon kurz gehört –: Baden-Württemberg hat zwar beim Wagniskapital aufgeholt, aber wir liegen beim Later Stage noch immer klar hinter Berlin und Bayern. Das sollte sich dringend ändern. (Beifall bei der SPD und der Abg. Katrin Schindele CDU) (Dr. Dorothea Kliche-Behnke) Zurück zur Gender-Perspektive. Bei allen Bemühungen tritt das Land doch auf der Stelle; das haben Sie letztlich ja auch eingeräumt. Beim Frauenanteil bei Gründungen lagen wir im Jahr 2019 in Baden-Württemberg bei 21,9 %. Bei Betriebsgründungen von Gewerbetreibenden sind gerade einmal 17,3 % Frauen. Das können wir uns nicht länger leisten. Wir brauchen mehr Fachkräfte, wir brauchen mehr Gründerinnen in Baden-Württemberg. (Beifall bei der SPD) Als meine Großmutter nach dem Krieg gemeinsam mit ihrem Mann unser heute mittelständisches Unternehmen gegründet hat – Sie können sich vorstellen: das sage ich nicht ganz ohne Stolz –, tat sie das in erster Linie aus wirtschaftlicher Not. Diese Situation gibt es heute nicht mehr – Gott sei Dank. Es braucht also neben dem Mut noch bessere Bedingungen für Frauen zur Gründung. Dazu gehört die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Business. Dass wir von einer flächendeckenden verlässlichen Kinderbetreuung und Ganztagsschule in Baden-Württemberg so weit entfernt sind, ist ein echtes Problem für Gründerinnen. (Beifall bei der SPD) Und wir brauchen mit Blick auf die Wissenschaft einen fließenden Übergang aus Studium und Promotion in die Gründung – ohne administrative Hürden –, Anschubfinanzierung und rechtliche Absicherung bei eventuellen Patenten, die aus eigenen Forschungsarbeiten entstanden sind, sowie unbürokratische Möglichkeiten, z. B., die Promotion ein Jahr lang über das Projekt „Start-up“ verlängern zu können. Sie sehen, da ist noch Luft nach oben. Außerdem: Frauen sind in Baden-Württemberg bekanntlich nicht nur an der Spitze von Unternehmen und bei Gründungen unterrepräsentiert, sondern in besonderem Maß auch bei den Professuren an unseren Hochschulen. Vielleicht rächt sich jetzt, dass die ressortübergreifende Gleichstellungsstrategie, die Sie ja im Koalitionsvertrag versprochen haben, bis heute nicht auf dem Tisch liegt. (Beifall bei der SPD) S. P. sagt: „Wir fühlen uns wohl in Baden-Württemberg, aber da geht noch mehr.“ Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Vielen Dank. (Beifall bei der SPD und Abgeordneten der Grünen sowie des Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP)
