Dr. Stefan Fulst-Blei
Vielen herzlichen Dank. – Frau Präsidentin, Kolleginnen und Kollegen! Den Titel dieser heutigen Debatte kann ich ganz persönlich mit vielen Ausrufezeichen versehen. Als Absolvent einer dualen Ausbildung bei einer Sparkasse, der weiß, was man dort an Praxiserfahrung – auch im Umgang mit Kolleginnen und Kollegen sowie mit Kunden – erwirbt, muss ich sagen: Das hilft bis heute. Das ist eine ganz zentrale Grundlage. Natürlich weiß ich dies auch als Berufsschullehrer, der immer wieder mit großer Freude sieht, was aus den ehemaligen Schülerinnen und Schülern geworden ist und welchen Weg sie gehen – übrigens ein toller Beruf, für den ich hier auch gern ausdrücklich werben möchte. (Beifall bei der SPD – Vereinzelt Beifall bei den Grü- nen und der FDP/DVP) (Dr. Stefan Fulst-Blei) – Danke schön. – Die duale Ausbildung ist eine zentrale Grundlage der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte unseres Landes und auch vieler erfolgreicher individueller Karrieren. Deshalb haben wir in unserer Regierungszeit hart dafür gearbeitet, das strukturelle Defizit an den Berufsschulen innerhalb von fünf Jahren mehr als zu halbieren. Die SPD hat auch hier geliefert. (Beifall bei der SPD) Kollege Dörflinger, Kollegin Häusler, ich könnte all das, was Sie gesagt haben, unterschreiben. Frau Häusler, ich bin Ihnen dafür dankbar, dass Sie auch noch ein paar Blicke nach vorn gerichtet haben. Denn wenn das alles so super ist und funktioniert, warum haben wir dann die Bewerberlage, die wir jetzt haben? Ich glaube, wir sollten uns an dieser Stelle einmal ein bisschen ehrlich machen. (Beifall des Abg. Hans-Peter Hörner AfD) Zur Beantwortung dieser Frage eine kurze Begebenheit. Vor ein paar Jahren war ich bei der IHK im Rahmen einer Weihnachtsfeier als Referent zum Thema Bildung eingeladen. Wie immer kamen wir auch zur dualen Ausbildung, und auch dort gab es wieder zahlreiche Beschwerden über die unzureichende Bewerberlage. Es wurde gesagt, man müsse doch jetzt endlich einmal zur Kenntnis nehmen, dass nicht jeder studieren müsse; die Ausbildung sei doch auch ein sehr erfolgversprechender Weg. Stimmt! Ich habe mir dann erlaubt, einmal in die Runde zu schauen und zu fragen: Wer von Ihnen hat denn ein Kind, das in einer dualen Ausbildung ist oder diesen Weg beschritten hat? (Abg. Catherine Kern GRÜNE hebt die Hand. – Abg. Christiane Staab CDU: Bundeswehr, gilt das als du- al? – Zuruf von der AfD: Ich!) Dann gingen fast alle Blicke nach unten. Bei einem einzigen – übrigens ein Kind von dreien – war das der Fall. Ich habe dann schon einmal die Frage gestellt, warum eigentlich die Kinder derjenigen, die – durchaus zu Recht – vehement dafür werben, dass man den Weg der dualen Ausbildung geht, dann aber „natürlich“ in Richtung Studium gegangen sind. Umgekehrt antworte ich auf den Hinweis „Es muss ja nicht jeder studieren!“ immer mit den Gegenfragen: Wer denn, bitte, dann nicht? Wer entscheidet darüber? Und dies gerade vor dem Hintergrund eines Bildungssystems, welches sich noch immer durch eine zum Teil knallharte Selektion nach Bildungsstand und Geldbeutel der Eltern auszeichnet. Des Weiteren müssten wir schon zur Kenntnis nehmen, dass wir in den letzten 20 Jahren – das war übrigens gerade gestern auch Tischgespräch beim Parlamentarischen Abend mit der Chemieindustrie – eine Entwicklung hatten, die ich in einer Publikation einmal als „Kannibalisierung“ bezeichnet habe. Attraktive Ausbildungsberufe mit gutem Zugang zu höheren Aufgabenfeldern, etwa der Beruf Industriekauffrau/Industriekaufmann, wurden seit dem Jahr 2000 in großem Ausmaß abgebaut bzw. umgebaut in Richtung Duale Hochschule. Gleichzeitig müssen wir uns der Tatsache bewusst sein, dass man als Absolvent einer dualen Ausbildung häufig an eine gläserne Decke auf dem Karriereweg stoßen kann, Stichwort oder eriode – 38. Sitzung – Donnerstag, 12. Mai 2022 Idee: „Du brauchst allein für den Gruppenleiter schon das Diplom.“ So die Aussage einer Führungskraft, eines Technikers bei ABB mir gegenüber. Letzten Endes hat auch Frau Professorin Sliwka im Landtag einmal dargelegt, dass es durchaus eine rationale Entscheidung sei, den akademischen Weg zu gehen, gerade vor dem Hintergrund des Verdienstes auf Lebenszeit, welcher noch gut 50 % über dem des Wegs der dualen Ausbildung liegt. Nach aktuellen Zahlen des IAW Tübingen liegt der Lebenszeitverdienst durchschnittlich bei 1,45 Millionen € für einen Akademiker gegenüber 965 000 € für einen Absolventen der dualen Ausbildung. Um finanziell also wirklich wettbewerbsfähig zu sein, gerade mit Blick auf stärkere Bewerbende, muss am Lohngefüge und an den Aufstiegsoptionen wirklich etwas geändert werden. Die entsprechenden Effekte sehen wir ja heute schon mit Blick auf das Handwerk. Der Fachkräftemangel hat diesen Wirtschaftszweig zu einem Anbietermarkt werden lassen. Die Zeiten, in denen ein Handwerker Abschläge beim Gehalt zubilligen musste, sind lange vorbei. Sie können heutzutage sozusagen jeden Preis verlangen. Gleichwohl ist diese Entwicklung noch nicht so deutlich im Geldbeutel der Beschäftigten wahrzunehmen, dass es schon bei jungen Menschen ankommt, dass Handwerk in der Tat goldenen Boden hat, (Beifall des Abg. Joachim Steyer AfD) wohingegen mancher mit akademischen Karriereambitionen sich am Ende mit Silber oder gar mit Eisen zufriedengeben muss. Das ist eine Aufgabe, deren sich die Arbeitgeber annehmen müssen. Bessere Bezahlung, Aufstiegsoptionen mit Perspektiven für Absolventen der dualen Berufsausbildung, die Gleichwertigkeit von akademischer und dualer Berufsausbildung müssen in den Betrieben aktiv gelebt werden. (Beifall bei der SPD sowie Abgeordneten der Grünen und der FDP/DVP – Vereinzelt Beifall bei der CDU) Jetzt stellt sich natürlich die Frage – denn wir sind ja Fans der dualen Ausbildung, wir sind überzeugt von der dualen Ausbildung –: Was können wir machen? Eine große Baustelle ist für mich die Informationspolitik. Ich halte es im Jahr 2022 für völlig unzureichend, dass die neue faktische Volksschule – das ist nicht böse gemeint –, nämlich die Gymnasien, laut Schulgesetz noch immer nicht den Auftrag haben, auf die berufliche Ausbildung vorzubereiten. Dies wird auch der Realität nicht gerecht. Knapp 30 % derjenigen, die eine duale Ausbildung anfangen, haben eine Hochschulreife. Es verhindert auch, dass in ausreichendem Maß Berufsinformationen in den Gymnasien ankommen. Ich rede da übrigens als Vater durchaus vor dem Hintergrund dessen, was mir meine Söhne erzählt haben. Meines Erachtens muss daher § 8 Absatz 1 Satz 1 des Schulgesetzes entsprechend ergänzt werden und den Gymnasien neben der Vermittlung der Studierfähigkeit auch der klare Auftrag zur Vorbereitung auf eine Berufsausbildung erteilt werden. (Beifall bei der SPD und Abgeordneten der AfD so- wie des Abg. Dr. Alexander Becker CDU) (Dr. Stefan Fulst-Blei) Jetzt noch ein konkreter Vorschlag, wie wir nun vor dem Hintergrund der rückgängigen Zahlen der letzten zwei Jahre handeln können. Ich fordere Sie auf, dass wir vor den Herbstferien in Baden-Württemberg eine Aktionswoche durchführen, bei der in allen Schulen drei bis fünf Tage lang ausdrücklich für die duale Ausbildung geworben wird (Beifall des Abg. Joachim Steyer AfD – Zuruf der Abg. Christine Neumann-Martin CDU) und Gesprächspartner breiten Zugang finden. Führen Sie insbesondere die Gymnasien aus dem Tal der Ahnungslosen, und vermitteln Sie den dortigen Schülerinnen und Schülern die Attraktivität der dualen Ausbildung. (Abg. Katrin Schindele CDU: Und den Eltern!) Hierfür braucht es keine Sonntagsreden, sondern klare Handlungsanweisungen. Die Rückmeldungen, die ich aus den Schulen habe, zeigen, dass Berufsorientierung in Baden-Württemberg während der Pandemie zum Teil massiv versäumt wurde. Zwei Jahre lang hat das Kultusministerium in Sachen Berufsorientierung viel zu wenig erreicht, um den Zugang an den Schulen sicherzustellen, und das Wirtschaftsministerium hat weggesehen. Das muss sich ändern. (Beifall bei der SPD und Abgeordneten der AfD so- wie des Abg. Rudi Fischer FDP/DVP) Und schließlich, Kolleginnen und Kollegen: Die Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt ist auch nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen, wie uns manchmal vermittelt wird. Ja, es gibt mehr offene Stellen als Bewerbende. Aber ja, auch in dieser Situation gibt es jene, die es schon in der Vergangenheit viel schwerer hatten, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, als andere. Ich habe in der letzten Woche mit fünf Realschulklassen ein Gespräch zum Thema „Zwei Jahre Corona, und wo steht ihr heute?“ geführt. Die Schülerinnen und Schüler haben mir mitgeteilt, dass sie vor allem einen sehr großen Druck verspüren. Einige haben eine Ausbildungsstelle, viele wollen aus Angst um das Versäumte noch einmal auf eine berufsbildende Schule gehen, aber eine ganze Reihe dieser jungen Menschen haben auch versucht, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, haben ihn aber nicht erhalten. Ich habe dann in den Klassen gefragt, wer sich denn eine Ausbildungsgarantie wünschen würde. Da sind so gut wie alle Hände hochgegangen. (Zuruf des Abg. Raimund Haser CDU) Wir, die SPD, werden zu diesem wichtigen Thema am 30. Mai hier im Plenarsaal einen Ausbildungsgipfel durchführen. Dabei wird es auch um die zentrale Frage der Ausbildungsgarantie gehen. Ich möchte aber heute hier an dieser Stelle gern von Ihnen wissen – dazu habe ich nämlich noch nichts gehört –, wie Sie jetzt eigentlich damit umgehen. Ist es einmal mehr eine Formulierung, die in Ihrem „Wünsch dir was“-Koalitionsvertrag steht, aber am Ende doch nicht umgesetzt wird? Wie ist der aktuelle Stand? Wird die Ausbildungsgarantie noch vor dem Sommer dieses Jahres kommen? Wenn ja: Wie wird sie denn konkret umgesetzt? Glauben Sie mir, die Antwort interessiert nicht nur mich als Sozialdemokraten und Wirtschaftspolitiker, sie interessiert vor allem die zahlreichen Schüleriniode – 38. Sitzung – Donnerstag, 12. Mai 2022 nen und Schüler, mit denen ich in der letzten Woche diskutiert habe. Stellvertretend stehen diese für all jene Menschen in diesem Land, die gern einen Ausbildungsplatz hätten, ihn aber nicht bekommen haben. Diese jungen Menschen brauchen klare Zusagen, nicht nur Sonntagsreden. (Beifall bei der SPD – Abg. Rudi Fischer FDP/DVP: Ich hätte schon einen kurzen Hinweis: Wenn ich in die Reihen der Grünen schaue, sehe ich das Interesse an Bildung, Ausbildung und dualer Ausbildung! Leere Ränge! Das muss man mal ganz klar festhalten! – Beifall bei der FDP/DVP und der SPD sowie des Abg. Joachim Steyer AfD)
