Niklas Nüssle
Nein, heute nicht. – Entscheidend bleibt, welches Ziel wir vor Augen haben. Wir wollen, dass Baden-Württemberg in weniger als 18 Jahren klimaneutral ist, um Prosperität und unsere Freiheit zu erhalten. Wer heute in Baden-Württemberg das Licht der Welt erblickt, wird im Jahr 2040 in einem klimaneutralen Bundesland volljährig, einem Bundesland, dessen Energieversorgung zu 100 % auf erneuerbaren Energien beruht. (Beifall bei den Grünen und des Abg. Raimund Ha- ser CDU – Lachen bei Abgeordneten der AfD) Energie bedeutet dabei nicht nur Elektrizität. Klar, für die Energiewende, wie wir sie fordern, ist grüner Strom ein zentraler Punkt. Aber auch die Wärmeversorgung auf erneuerbare Energien umzustellen ist unser unbedingtes Ziel. Jetzt kommt der Clou: Beides können wir hier vor Ort zum Erfolg bringen. Der Wind weht auf den Gipfeln von Schwarzwald und Schwäbischer Alb häufiger, als so manch einer in diesem Haus denkt. (Beifall des Abg. Michael Joukov GRÜNE) Besonders Südbaden gilt als eine der sonnenreichsten Regionen Deutschlands. (Beifall bei den Grünen sowie der Abg. Raimund Ha- ser CDU und Gernot Gruber SPD – Zuruf des Abg. Daniel Karrais FDP/DVP) Auch den Wärmebedarf können wir mit dem unfassbar großen Potenzial von Erdwärme und den vielen dezentralen Anstrengungen für die Nutzung von industrieller Abwärme, Biomasse und Kraft-Wärme-Kopplung schon zu einem guten Stück aus dem Land selbst decken. (Vereinzelt Beifall bei den Grünen – Zuruf des Abg. Anton Baron AfD) Mir ist bewusst: Ohne Importe wird es sowohl bei der Elektrizität als auch bei der Wärme – hier z. B. über synthetische Kraftstoffe, Wasserstoff oder Ammoniak – nicht funktionieren. (Beifall des Abg. Winfried Mack CDU) eriode – 32. Sitzung – Donnerstag, 10. März 2022 Aber nur mit grüner Politik werden wir auch Zeiten haben, in denen wir grüne Energie und grüne Technologie exportieren. (Zuruf des Abg. Bernd Gögel AfD) Meine Damen und Herren, Baden-Württemberg ist auf diesem Weg auch nicht allein. Schauen Sie z. B. die Situation in Hamburg an, wo durch industrielle Abwärme, Müllverbrennung, Großwärmepumpen, Solarthermie, Tiefengeothermie, aber auch die Abwärme von Hydrolyseuren die Wärmewende jetzt schnell angegangen wird. Hier können wir auch den Bogen zu uns spannen, wenn wir die Großkraftwerke in Mannheim und Karlsruhe anschauen. Für beide Städte ist die Tiefengeothermie geradezu prädestiniert. Sie sehen also, meine Damen und Herren: Die Rohstoffe für die Energie von heute und morgen sind in Hülle und Fülle gegeben. Schauen wir uns also einmal die Kostenseite an. Meine Kolleginnen und Kollegen von der AfD, insbesondere Sie frage ich: Wann haben Sie das letzte Mal für den Wind, der durch das Windspiel auf der Veranda klingelt, gezahlt? Wem haben Sie Ihre Gebühr für die Sonne beim letzten Sonntagsspaziergang überwiesen, und wann haben Sie Ihren Anteil am Bachund Flusswasser-Abonnement zuletzt beglichen? (Abg. Anton Baron AfD: Die stellen auch keine Rechnung aus! – Zuruf von der AfD: Sie kommen auf komische Ideen!) Wenn Sie auch nur für eine der drei Sachen bezahlt haben, fragen Sie dringend bei Ihrer Finanzberaterin oder Ihrem Finanzberater nach. Selbiger wird sich bei Ihnen melden, wenn Sie Ihre letzte Ölrechnung, Gasrechnung oder die letzte Kohlelieferung nicht bezahlt haben. Sie sehen, worauf ich hinauswill. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU sowie des Abg. Florian Wahl SPD – Abg. Udo Stein AfD: Als ob Ihre Energie nichts kosten würde!) Technik und Verfügbarkeit, aber auch der Rohstoffpreis machen sich nämlich bei den Gestehungskosten bemerkbar. Hier kommen die harten Zahlen vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE ins Spiel. Fotovoltaik liegt in Deutschland zwischenzeitlich bei Gestehungskosten von 3 bis 11 Cent pro Kilowattstunde, Wind bei 4 bis maximal 12 Cent pro Kilowattstunde. Bei Kosten von 11 Cent pro Kilowattstunde fängt es bei den fossilen Kraftwerken gerade erst an, und Atomkraftwerke sprengen die Skala förmlich, vor allem dann, wenn man die Kosten für Entsorgung und Rückbau ehrlich mit einpreist. (Abg. Anton Baron AfD: Warum haben wir die höchsten Strompreise in ganz Europa?) Ein Energiesystem auf der Basis erneuerbarer Energien liefert also bezahlbaren Strom und Wärme, und das auch zuverlässig. Sie werden jetzt denken: Was ist mit der Grundlast? Geht bei uns bald das Licht aus? Ich versichere Ihnen: nein, keinesfalls. (Beifall bei Abgeordneten der Grünen – Vereinzelt Beifall bei der CDU – Abg. Anton Baron AfD: Wir haben ja die Atomkraftwerke aus Frankreich!) (Niklas Nüssle) Wir leben in einer Zeit, in der viele neue Technologien entwickelt werden, gerade was die Themen Netzstabilität und Ertragsprognose angeht. Fotovoltaikanlagen produzieren Strom nur dann, wenn die Sonne scheint. (Zuruf von der AfD: Ja!) Das ist aber keine Blackbox; denn – hier möchte ich Udo Jürgens zitieren – immer wieder geht die Sonne auf. (Vereinzelt Heiterkeit) Gleichzeitig wissen wir dank der vielen emsigen Meteorologinnen und Meteorologen zu jeder Zeit, wo welche Wolke ist. Auch Wind entsteht nicht aus dem Nichts. Wieso nehmen Sie morgens einen Regenschirm mit, wenn Ihnen Ihr Handy für den Abend Regen voraussagt, aber wettern dann immer dagegen, wenn Ihnen erklärt wird, wie gut die Strommenge aus den erneuerbaren Energien inzwischen prognostiziert werden kann? Elektrizität und Wärme können wir schon heute sehr gut speichern, und die dafür nötigen Technologien werden auch jede Sekunde weiterentwickelt. All dies deutet darauf hin, dass Elektrizität und Wärme aus erneuerbaren Quellen in Zukunft noch günstiger und zuverlässiger werden. (Lachen des Abg. Ruben Rupp AfD – Abg. Ruben Rupp AfD: Das glauben Sie doch selbst nicht!) Die von Ihnen aber immer propagierten Energieformen werden nur teurer und teurer. Alles, was ich Ihnen in den vergangenen Minuten dargelegt habe, funktioniert aber nur, wenn wir den Ausbau von Windund Solarenergie sowie Geothermie, die Weiterentwicklung von Speichertechnologien, die Ertüchtigung der Netze und, was wir viel zu oft vergessen, unsere eigene Energieeffizienz jetzt schnell voranbringen. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Das heißt, nicht nur diskutieren und ankündigen, sondern jetzt endlich auf allen Ebenen umsetzen. Im Land sorgen wir schon mit der Taskforce dafür, dass es schneller geht. (Abg. Ruben Rupp AfD: Noch höhere Preise!) Mit der Fotovoltaikpflicht geht es schon jetzt vorwärts. Aber wir brauchen trotzdem den Einsatz aller hier im Land. Auch mit einem Balkonkraftwerk und einem ÖPNV-Ticket – über Mobilität haben wir noch gar nicht gesprochen – kann man den Despoten dieser Welt den energetischen Mittelfinger zeigen. (Beifall bei Abgeordneten der Grünen – Abg. Anton Baron AfD: So eine vulgäre Sprache hier!) Denn inzwischen müsste jeder verstanden haben: Der Ausbau der erneuerbaren Energien bedeutet nicht nur Klimaschutz, sondern er garantiert auch den Schutz unserer Freiheiten und sichert die Zukunft unserer Wirtschaft. iode – 32. Sitzung – Donnerstag, 10. März 2022 (Beifall bei den Grünen – Vereinzelt Beifall bei der CDU – Abg. Ruben Rupp AfD: Wer es glaubt!) Meine Damen und Herren von der AfD, nehmen Sie daher den Windkraftgegnern in Ihren Reihen den Wind aus den Segeln – denn den brauchen wir noch –, sorgen Sie dafür, dass nicht nur der Fotovoltaikanlage auf meinem Dach, sondern auch Ihnen endlich ein Licht aufgeht, und unterstützen Sie uns dabei, eine nachhaltige und zukunftsfeste Energieversorgung zu planen und umzusetzen. Denn für eine bezahlbare und zuverlässige Energieversorgung in Baden-Württemberg müssen wir alles tun, was wir können, werden wir alles tun, was wir können, und wir können, was wir tun. Vielen Dank. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU sowie des Abg. Florian Wahl SPD – Abg. Andreas Schwarz GRÜNE: Bravo! – Abg. Anton Baron AfD: Die höchsten Strompreise in ganz Europa! Das war ungefähr so: „Der Strom kommt aus der Steckdose“! So ein Niveau war das gerade!)
