Dr. Alexander Becker
Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Das Ziel der AfD scheint zu sein, im Landtag Debatten direkt aus der Rubrik „Leserbriefe“ zu führen. Parlamentarisch ergibt die Mischung von halb garen Forderungen und Allgemeinplätzen nichts Brauchbares. Um es klar zu sagen: Es gibt keinen Genderzwang. Aber es gibt Grundsätze der Höflichkeit, von denen die AfD manchmal nichts weiß oder nichts wissen will. ode – 17. Sitzung – Mittwoch, 27. Oktober 2021 Der Landtag von Baden-Württemberg regelt nicht die Orthografie der deutschen Sprache. Ebenso wenig korrigiert er Klassenarbeiten oder Klausuren. Die maßgebende Instanz in Fragen der Orthografie ist vielmehr der Rat für deutsche Rechtschreibung. Er ist damit betraut, die Einheitlichkeit der Rechtschreibung im deutschen Sprachraum zu wahren. Ihm gehören Fachleute aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, aus Liechtenstein, Belgien, Luxemburg und der Provinz Bozen-Südtirol an. Seine Vorschläge erhalten durch Beschluss der staatlichen Stellen Bindung für Schulen und Verwaltung, so auch in Baden-Württemberg. Das ist gut so; denn orthografische Kleinstaaterei bringt nun wirklich niemanden weiter. Der Rat hat zuletzt Ende März 2021 Empfehlungen zur geschlechterneutralen Schreibung veröffentlicht und allgemeine Kriterien aufgestellt. Geschlechtergerechte Texte sollen demnach sachlich korrekt, verständlich und lesbar und auch vorlesbar sein, sie sollen Rechtssicherheit gewährleisten und nicht zuletzt die Konzentration auf Inhalte sicherstellen. Sonderzeichen wie den Genderstern zur Kennzeichnung verschiedener Geschlechtsidentitäten hat der Rat bewusst nicht in das amtliche Regelwerk aufgenommen, jedenfalls noch nicht. So gilt das nun in den Schulen in ganz Deutschland, auch in Baden-Württemberg. Ich persönlich halte die Einschätzung des Rates für richtig. Die Verwendung von Sonderzeichen besticht zwar durch ihre Einfachheit, sie verleitet aber gerade deshalb zum stereotypen Gebrauch. Hier entstehen böse Fehler. In musikhistorischen Aufsätzen kann man inzwischen schon einmal Ausführungen über „Hofkapellmeister*innen“ oder „Librettist*innen“ lesen. Als Autor ist man dann froh, wenigstens die „Kastrat/-innen“ wieder herausredigiert zu haben. Ich mache da keine Witze. Einladungen, die an „Mitglieder/-innen“ adressiert sind, hat jeder von uns schon oft erhalten, und das ZDF hat im Sommer über den Einmarsch der „Islamist/-innen“ in Kabul berichtet. (Vereinzelt Heiterkeit) Jeder blamiert sich eben, so gut er kann. Viel schwerer wiegt für mich als Editionsphilologen, dass die Sternchenschreibweise kein korrektes Deklinieren erlaubt. Im Grunde genommen ist sie nur im Nominativ korrekt zu gebrauchen, also insbesondere bei der Anrede. Wer schon den Tod des Genitivs durch den Dativ nicht beklagen mochte, dem wird auch das kaum Akzeptanzprobleme bereiten. Jedenfalls gilt: Sprache entwickelt sich immer fort. Was heute falsch erscheint, mag morgen weithin akzeptiert werden. Hinter „Hanna Meier, Bankkaufmann“ vermuten wir heute einen Tippfehler. In der Anrede „Frau Präsident“ erkennen wir natürlich die gezielte Unhöflichkeit, oder genauer gesagt, das Buhlen des Klassenflegels um Aufmerksamkeit. (Heiterkeit und Beifall bei der CDU, den Grünen und der SPD) Schon jetzt aber bietet die Sprache viele Möglichkeiten für differenzierte Formulierungen. Als Beispiel nennen die Nachrichtenagenturen Doppelformen wie „Schülerinnen und Schüler“, geschlechtsneutrale Plurale wie „die Angestellten“ oder (Dr. Alexander Becker) Plural statt Singular wie „alle, die“ statt „jeder, der“. Wenn eine Gruppe ganz überwiegend aus Frauen besteht, kann natürlich auch das generische Femininum verwendet werden. Sprachlich problematisch, aber weit verbreitet sind substantivierte Partizipien wie die viel zitierten „Studierenden“. Wir haben uns daran gewöhnt. Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir leben glücklicherweise in einer Gesellschaft, in der Diskriminierung negativ belegt ist. Gleichwohl ist dezidierte Gendersprache auch ein Mittel der Distinktion. Kluges und sprachlich ansprechendes Gendern setzt einen großen Sprachschatz und Sprachgewandtheit voraus. Wir dürfen es nicht nach dem Motto gebrauchen: „Ich kann etwas, was du nicht kannst. Ich bin besser als du.“ Denn damit wird die Sprache zum Machtmittel. Wenn Sprache verbinden soll, muss sie für alle verständlich sein. Schon deshalb kommen wir nach meiner Einschätzung auch in Zukunft um das generische Maskulinum nicht herum. Liebe Kolleginnen und Kollegen, es ist gut, wenn um die Möglichkeiten und Grenzen geschlechtersensibler Sprache auch an den Schulen gerungen und hierüber ernsthaft diskutiert wird. Klar ist aber auch, dass die Schönheit der Sprache am Ende in ihrer Vielfalt liegt. Diese müssen wir pflegen, statt einfache Antworten zu suchen. Der Antrag der AfD leistet hierzu keinen Beitrag. Wir lehnen ihn ab. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall bei der CDU und den Grünen sowie Abge- ordneten der SPD)
