Klaus Ranger
Entschuldigung. – Dann nochmals: Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir haben hier einmal wieder einen Antrag vorliegen, da stellen sich mir als Vorstandsmitglied eines großen Sportbunds die Nackenhaare auf. Es wird suggeriert, dass die komplette Aufhebung aller Coronaschutzmaßnahmen die Probleme der Sportvereine in unserem Land lösen würde. Heute geht es um die Masken, davor ging es um die Testungen. Was kommt als Nächstes? Durch die Maßnahmen möchte man Nähe zu den Vereinen und Verbänden aufbauen. Aber keine Sorge: Diese Taschenspielertricks ziehen zum Glück nicht. (Beifall) Denn die Sportvereine in unserem Land – um die geht es ja in erster Linie – sind sich ihrer Verantwortung bewusst und haben diese Verantwortung in den letzten eineinhalb Jahren stets wahrgenommen. Sie lassen sich nicht so einfach vereinnahmen, wie es hier versucht wird; ganz im Gegenteil. Die Sportvereine und Sportverbände haben bereits während der Coronapandemie im Juli 2020 einstimmig eine Erklärung für Weltoffenheit und gegen Diskriminierung verabschiedet und damit deutlich gemacht, dass ihnen die Vielfalt in unserer Gesellschaft wichtig ist und zum Sport ganz selbstverständlich dazugehört. Ja, der Sport lebt diese Vielfalt sogar, im Amateur- wie im Profibereich. Es geht auch nicht um die Frage, wie viele Vereine im letzten Jahr aus dem Vereinsregister gelöscht wurden. Das sagt nichts über den aktuellen Zustand der Vereine aus. Die Frage, um die es geht, ist: Was ist für die Sportvereine für die Zeit nach der Pandemie wirklich wichtig? Drei Punkte möchte ich Ihnen dazu nennen. Erstens: die zügige Einrichtung eines runden Tisches „Sport und Sportvereine in und nach der Pandemie“. Die neue Corona-Verordnung macht vieles wieder möglich; da mögen Sie recht haben, Herr Kollege. Das ist gut; aber das heißt nicht, dass automatisch alles wieder gut wird. Viele Vereine sorgen sich schon wegen des kommenden Herbstes und Winters. Wenn wir uns die Entwicklung der Ausbreitung der Infektionen mit der Delta-Variante anschauen, stellen wir fest: wohl leider zu recht. Durch den runden Tisch müssten gemeinsam mit den zuständigen Ministerien die beiden großen Herausforderungen angepackt werden: Diese sind vor allem die Gewinnung von Ehrenamtlichen und die Gesundheitsförderung der Bevölkerung in unserem Land. Gemeinsam müssen die Menschen aller Altersgruppen wieder in Bewegung gebracht werden. Gerade Kinder und Jugendliche haben unter dem Bewegungsmangel und dem Mangel an sozialen Kontakten stark gelitten. (Beifall) Zweiter Punkt: Die Vereine brauchen auch Unterstützung bei der Rück- und Neugewinnung von Mitgliedern. Fast 100 000 Menschen haben die Sportvereine in Baden-Württemberg während der Pandemie verlassen. Darunter sind ca. 80 000 Kinder und Jugendliche. Diese Zahlen sind durch den zweiten Lockdown stark angestiegen. Das bereitet den Vereinen und Verbänden sehr große Sorgen. periode – 8. Sitzung – Donnerstag, 1. Juli 2021 Die Sportvereine benötigen wieder eine höhere Wertschätzung, vor allem für die Unterstützung bei der Kinder- und Jugendarbeit. Hier ist während der Pandemie viel Vertrauen verloren gegangen. Der Landesregierung muss bewusst sein, dass Sport im Verein nicht nur eine schöne Freizeitbeschäftigung ist. Sport ist auch gesund. Er ist der soziale Kitt unserer Gesellschaft. Er trägt dazu bei, unsere Städte und Gemeinden lebenswert zu machen. (Beifall) Drittens: Die vorige Landesregierung hat mit den Sportverbänden den Solidarpakt Sport IV geschlossen. Dieser beinhaltet allerdings nur das Notwendige, um den laufenden Betrieb aufrechtzuerhalten. Nun hatten wir in den letzten Tagen in Teilen unseres Landes heftige Unwetter mit starken Schäden auch an Sportanlagen, Hallen und Vereinsheimen. Hier ist ein solidarisches Zeichen an die Vereine dringend nötig. Sie brauchen nach schweren Naturereignissen und Unglücksfällen Zugang zu Landeshilfen. Aus dem normalen Topf für den Sportstättenbau können diese hohen Schäden nicht abgedeckt werden. Auch sind den Vereinen durch die Pandemie die Rücklagen zusammengeschmolzen. Einen einfachen, aber dennoch wichtigen Punkt noch zum Schluss. Die Ehrenamtlichen in den Vereinen und Verbänden sind in den allermeisten Fällen keine Verwaltungsjuristen. Sehr geehrte Frau Ministerin Schopper – sie ist leider nicht mehr da –, sehr geehrter Herr Minister Lucha, es wäre schön, wenn künftige Verordnungen kürzer und leichter verständlich gefasst wären und nicht immer so kurzfristig verabschiedet würden wie unlängst beispielsweise die Verordnung zu den Kinder- und Jugendfreizeiten. Sie wissen, das ist mir eine Herzensangelegenheit. Das wäre auch ein Zeichen der Wertschätzung für die Ehrenamtlichen und deren Engagement. Dazu braucht es keinen Normenkontrollrat, sondern nur ein bisschen guten Willen. Herzlichen Dank. (Beifall)
