Ole Humpich
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Gäste! Wir reden heute über junge Menschen, die eines gemeinsam haben: Sie haben keinen sicheren Ort zum Leben, Jugendliche und junge Erwachsene, die obdachlos sind oder zumindest kurz davorstehen. Stellen Sie sich einmal vor, Sie wüssten nicht, wo Sie heute Nacht schlafen können. Darüber reden wir heute, und dies ist lange kein Randphänomen mehr. Allein im Land Bremen gab es zum Stichtag Januar 2025 über 5 400 untergebrachte wohnungslose Menschen. Die Zahl der Menschen, die tatsächlich auf der Straße leben, wird je nach Quelle auf 150 bis 600 Personen geschätzt, und wir alle wissen, gerade bei jungen Menschen ist das Dunkelfeld, die Dunkelziffer viel größer. Viele tauchen in keiner Statistik auf. Sie sind sogenannte Sofahopper, leben tageweise bei Bekannten in unsicheren Abhängigkeiten oder prekären Beziehungen. Vor allem junge Frauen verschwinden so oft aus dem Blick des Hilfesystems, mit erheblichen Risiken für ihre Sicherheit und auch für ihre Zukunft. Meine Damen und Herren, das Problem ist also nicht, dass wir nichts wüssten, das Problem ist, dass wir seit Jahren zu wenig konsequent handeln. (Beifall FDP) Bremen gibt jährlich rund 15,5 Millionen Euro für die Obdachlosenhilfe aus. Es gibt engagierte Träger, Streetwork, Notunterkünfte, Housing-FirstProjekte, Beratungsstellen, ehrenamtliches Engagement; aber dieses System ist nicht ausreichend auf junge Menschen zugeschnitten. Ein 19- Jähriger mit abgebrochener Jugendhilfe, psychischen Belastungen und ohne familiären Rückhalt braucht etwas anderes als ein 55-jähriger langzeiterfahrener Wohnungsloser, und trotzdem landen beide oft im selben System. Das ist fachlich falsch und politisch verantwortungslos. Der vorliegende Antrag der Koalition benennt genau diesen Missstand. Er fordert bessere Datengrundlage, verbindlichere Kooperationen, niedrigschwelligere Zugänge zu geschützten Angeboten für junge Menschen und endlich eine stärkere Verzahnung von Jugendhilfe und Wohnungshilfe. Das ist kein revolutionärer Ansatz. Das ist schlicht überfällig hier in Bremen. Besonders wichtig ist aus unserer Sicht der Fokus auf die Altersgruppe der 18- bis 21-Jährigen. Hier erleben wir immer wieder, dass junge Menschen zwischen den Systemen schlichtweg verloren gehen. – Zu alt für die klassische Jugendhilfe, zu jung für die Wohnungslosenhilfe, zu instabil für den Wohnungsmarkt! Wer hier nicht früh genug eingreift, zahlt später einen deutlich höheren Preis, menschlich wie auch finanziell. Lassen Sie mich an dieser Stelle deutlich werden: Dieser Antrag wirkt eher wie ein Ausdruck von Ungeduld – Ungeduld darüber, dass der Senat trotz bekannter Zahlen, bekannter Risiken und bekannter Empfehlungen zu oft im Prüfmodus verharrt, während junge Menschen weiter auf der Straße schlafen. Wir brauchen keine weiteren Absichtserklärungen, wir brauchen Umsetzung. Insofern: Ja, dieser Antrag ist auch dafür da, diesem Senat nachdrücklich klarzumachen, dass er endlich seiner Verantwortung gerecht werden muss – nicht irgendwann, nicht nach dem nächsten Bericht, sondern jetzt, meine Damen und Herren. (Beifall FDP) Als FDP-Fraktion stimmen wir diesem Antrag zu, nicht, weil er perfekt ist, sondern weil sich endlich etwas bewegen muss. Wir erwarten vom Senat, dass die Beschlüsse dieser Bürgerschaft ernst genommen werden, dass ressortübergreifend gearbeitet wird und dass junge Menschen in existenziellen Notlagen nicht länger durch bürokratische Zuständigkeitsfragen ausgebremst werden, denn Obdachlosigkeit in jungen Jahren ist kein persönliches Versagen, sie ist ein politisches Warnsignal, und wer nicht handelt, verpasst nicht nur eine Chance, sondern lässt Menschen im Stich. – Vielen Dank! (Beifall FDP)
