Dariush Hassanpour Fard Khorashad
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen und liebe Gäste! Wenn Jugendliche und junge Erwachsene in Obdachlosigkeit geraten, geht das uns alle etwas an, denn meiner Meinung nach tragen die Schuld dafür nicht die Jugendlichen selbst, sondern die Strukturen der Gesellschaft, in der sie leben – eine Gesellschaft, die es in dem Moment nicht geschafft hat, sich um ihre schwächsten Mitglieder zu kümmern. Wer in einem solchen Alter in die Obdachlosigkeit gerät, tut es meistens aufgrund von familiären Konflikten. Das können etwa Gewalt und Missbrauch sein, denen Jugendliche entfliehen, das können überforderte Eltern sein, die ihre Kinder vor die Tür setzen, statt Hilfe zu suchen, oder auch Jugendliche, die eine Ablehnung ihrer Identität erfahren, etwa, weil die Eltern ihre sexuelle oder geschlechtliche Identität nicht akzeptieren. Diese Menschen, die ihr Zuhause verlassen müssen oder es verlieren, stoßen dann auf einen Wohnungsmarkt, der kaum bezahlbare Wohnungen für sie bereithält, sie stoßen auf ein Gesundheitssystem, das nicht in der Lage ist, ihre Traumata aus der Kindheit, Depressionen oder Angststörungen zu behandeln, und das sorgt dafür, dass die Gefahr des Substanzmissbrauchs steigt. Was als vermeintliche Selbstmedikation beginnt, endet oft im Drogensumpf, und dort gehen dann auch die letzten sozialen Bindungen verloren. Um das zu verhindern, müssen die Schutzsysteme möglichst früh eingreifen, denn je weiter Betroffene sich in der Abwärtsspirale bewegen, desto schwieriger wird es, die Menschen dort wieder herauszuholen. Deshalb will die Koalition Folgendes mit diesem Antrag bewirken: Erstens möchten wir die Datenlage verbessern und die Kooperation stärken. Es soll sichergestellt werden, dass die Situation gefährdeter Minderjähriger nicht länger unsichtbar bleibt, und durch eine engere Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe, Ämtern und Trägern sollen Bedarfe früher erkannt und Daten kontinuierlich beobachtet werden. Zweitens möchten wir eine Sensibilisierung des gesamten Trägersystems. Mitarbeitende in der Schulsozialarbeit, Jugendarbeit und in Jobcentern sollen gezielt geschult werden. Ziel ist es, drohende Wohnungslosigkeit früher zu erkennen und die jungen Menschen durch verbindliche Netzwerke passgenauer zu unterstützen. Wir möchten außerdem den Ausbau niedrigschwelliger und spezialisierter Angebote für Jugendliche, die durch das klassische Raster fallen. Es soll alternative Wege geben zur Heimunterbringung, zum Beispiel Streetwork und ambulante Hilfen, also Unterstützung dort, wo die Jugendlichen sich aufhalten. Wir wollen auch queer- und gendersensible Ansätze, also die Berücksichtigung spezifischer Diskriminierungsrisiken, und vor allem Sleep-In, also die Prüfung einer niedrigschwelligen Notschlafstelle, die als Brücke zurück in das reguläre Jugendhilfesystem dient. (Beifall Die Linke, SPD) Wir wollen einen erleichterten Zugang für 18- bis 21-Jährige, denn junge Volljährige mit Unterstützungsbedarf sollen einen direkteren und unbürokratischeren Zugang zur Leistung der Jugendhilfe erhalten, um den harten Abbruch der Hilfe mit erreichender Volljährigkeit zu vermeiden. Zuletzt wollen wir Veränderungen in der Wohnungslosenhilfe und neue Schutzräume, denn das System der allgemeinen Wohnungslosenhilfe soll besser mit der Jugendhilfe verzahnt werden. Besondere Schwerpunkte sehen wir hier beim Thema Schutzräume, also der räumlichen Trennung von jungen Erwachsenen und lebenserfahreneren obdachlosen Menschen in Notunterkünften. Wir wollen auch unseren Fokus auf Frauen legen, denn die brauchen eine besondere Berücksichtigung bei ihren Bedarfen, und psychosoziale Hilfe, das heißt, eine bessere Anbindung an Beratungsangebote direkt in den Unterkünften. Zugegebenermaßen sind diese Maßnahmen nicht umfassend genug, um Jugendobdachlosigkeit vollständig zu beseitigen, denn dafür müssten Mittel in einem Maße aufgestockt werden, das sich unsere Stadt nicht leisten kann. Dennoch sind sie ein erster Schritt in die richtige Richtung und ein Fundament, auf dem zukünftige Regierungen aufbauen können. – Vielen Dank! (Beifall Die Linke, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Alle Reden von Dariush Hassanpour Fard Khorashad Protokoll (PDF) ↗
