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Dr. Solveig Eschen

GRÜNE 18.03.2026 Sitzungen 21/32

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleg:innen! Wir haben jetzt viele Zahlen gehört. Ich möchte Sie gerne ein bisschen mitnehmen in die Grundlagenforschung, und zwar in die Hirnforschung. Das mache ich deshalb, weil viel zu oft immer noch die irrige Annahme vorherrscht, Frauen seien – erstens – qua Geschlecht prädestiniert für Care-Arbeit, (Abgeordneter Heiko Strohmann [CDU]: Ehrlich?) und daher würde auch der Gender-Care-Gap resultieren, und zweitens seien sie auch – nicht, dass das hier jemand gesagt hat, aber man hört es immer wieder – durch typisch weibliche Verhaltensweisen zum Beispiel irgendwie selbst schuld am Gender-Pay-Gap. Das ist Unsinn. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke) Denn demgegenüber stehen schon seit Langem wissenschaftliche Erkenntnisse, die gerade in den letzten Jahren immer wieder belegt haben: Struktur und Funktion des Gehirns sind nicht geschlechtsspezifisch. Nachzulesen ist das unter anderem in den Publikationen des renommierten Forschungszentrums Jülich. Die Struktur und Funktion des menschlichen Gehirns ist eine komplexe Kombination aus biologischen und kontinuierlichen Faktoren, aber auch aus Erfahrungen und Umwelteinflüssen, und hier sind wir beim Ansatzpunkt von Politik. Denn die Erfahrungen und Umwelteinflüsse, denen Kinder und Erwachsene in einer Gesellschaft unterliegen, sind nicht nur von der Familie geprägt, sondern auch von der Bildungspolitik, der Sozialpolitik, der Frauenpolitik und vielen weiteren Faktoren. (Abgeordnete Sofia Leonidakis [Die Linke]: Steuerpolitik.) Gender-Care-Gap und Gender-Pay-Gap sind maßgeblich beeinflusst durch die gesellschaftliche und politische Realität von Jahrhunderten. Schon Ende des 19. Jahrhunderts hat sich die Frauenbewegung aufgemacht, die Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern anzugehen, aber der Weg ist noch nicht zu Ende. Denn es ist nicht leicht, seit Jahrhunderten propagierte Rollenmodelle zu verlassen, Prägungen überhaupt zu erkennen und auch zu ändern, aber es ist dringend nötig. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke) Hier möchte ich einmal positiv herausstellen, dass sich die Schulen und Hochschulen in Bremen und Bremerhaven sehr bemühen hinsichtlich MINT-Förderung von Schülerinnen und auch hinsichtlich Berufsorientierung abseits von Stereotypen. Das ist wichtig, denn ich erinnere noch mal daran: Es gibt keine geschlechtsspezifischen Gehirne. Rollenklischees sind erlernt und nicht in Stein gemeißelt, und dennoch ist die Überwindung von Gender-Care-Gap und Gender-Pay-Gap zäh, und die Doppelbelastung steigt. Denn auch, wenn der Gender-Pay-Gap kleiner wird, selbst, wenn Frauen möglicherweise genauso viel arbeiten wie Männer, dann bedeutet das für die Frauen oft, dass sie zusätzlich zu den gleichen Arbeitsstunden in ihrer Erwerbstätigkeit auch noch den Hauptteil der Care-Arbeit leisten, und das müssen wir überwinden. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke) Es gibt zudem nicht wenige Männer, für die sich Gleichberechtigung wie Diskriminierung anfühlt. Das Wegfallen jahrhundertealter Privilegien, ein echtes 50:50 wirkt auf Sie wie eine große Ungerechtigkeit, weil wir als Gesellschaft an diese Privilegien so gewöhnt sind. Diese Ungerechtigkeit versuchen sie dann zu bekämpfen. Das schlägt sich in der Familie nieder, das schlägt sich in Beziehungen nieder, in der Arbeitswelt, in Bildungsentscheidungen und erschwert wiederum die Überwindung von objektiver Ungerechtigkeit, und das dürfen wir nicht zulassen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke) Ich möchte in dem Zusammenhang auch einmal darauf hinweisen, Herr Brandt: Diese Entscheidungen sind nicht frei, sie sind nicht das, was Sie als intrinsisches Selbstinteresse bezeichnet haben. Dieses intrinsische Selbstinteresse, selbst, wenn es da ist, ist kein angeborenes, sondern es ist ein erlerntes, es entsteht aus Prägungen und es ist oft auch aus der Not der Situation heraus. Das muss man beachten, wenn man über diese Dinge spricht. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke) Die vorliegende Große Anfrage zeigt verschiedene Ergebnisse. Wir haben schon Vieles gehört. Es gibt erfreuliche Entwicklungen, zum Beispiel auch, dass der Anteil der Frauen in qualifizierten und hochqualifizierten Beschäftigungsverhältnissen zunimmt, auch, dass der Anteil von Frauen in Führungspositionen, insbesondere im öffentlichen Dienst, aber auch in der Privatwirtschaft zugenommen hat. Aber insbesondere in der Privatwirtschaft sind wir noch weit entfernt von 50 Prozent. Was wir auf jeden Fall ändern müssen, ist, dass das Land Bremen im bundesweiten Vergleich nach wie vor die niedrigste Frauenerwerbsquote aufweist und es sogar bei denjenigen, die erwerbstätig sind, zu einer Steigerung der Teilzeitquote gekommen ist. Da muss man sich fragen: Ist das dann Lifestyle-Teilzeit? Ich glaube kaum. Der Senat stellt in der Großen Anfrage insgesamt einen Fortbestand struktureller Ungleichheiten sowie geschlechtsspezifischer Muster in erheblichem Umfang fest, und wir müssen uns überlegen, was wir dann tun, denn nur den Ist-Stand zu beklagen hilft natürlich nicht. Ich werde ein paar Punkte nennen, manche wurden auch schon gesagt: Der erste Punkt ist die Abschaffung des Ehegattensplittings. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke) Es ist weder gerecht noch zeitgemäß und verhindert nahezu und ganz aktiv, dass es sich für Frauen lohnt, mehr zu arbeiten. Wir brauchen zudem flexiblere Arbeitsmodelle durch Brückenteilzeit zum Beispiel und ein Rückkehrrecht in Vollzeit. Wir brauchen eine zügige und vollständige Umsetzung der EU-Entgeltstransparenzrichtlinie. Ja, wir brauchen auch Quoten. Quoten sind erfolgreich, und wir brauchen Frauenquoten in Aufsichtsräten und in Vorständen sowie in mittleren Führungsunternehmen von großen Unternehmen. Wir müssen die Förderung von Gründerinnen ausbauen und ja, wir brauchen einen Ausbau und vor allem eine Flexibilisierung der Kinderbetreuung. Denn auch, wenn die Kinderbetreuung natürlich alle Elternteile gleichermaßen betreffen sollte, zeigt gerade der Gender-Care-Gap, dass mangelnde Kinderbetreuung wiederum auch bei einem Gender-Pay-Gap zur Vergrößerung führt. Die Elternzeit müssen wir uns auch anschauen. Sie muss reformiert und partnerschaftlicher gestaltet werden (Abgeordneter Heiko Strohmann [CDU]: Wer hat die eigentlich eingeführt?) und auch im Pflegebereich, der auch zum Thema Care gehört, muss zum Beispiel die Tagespflege gestärkt werden. Diese Optionen und weitere haben wir in unserer Gesellschaft, und wir sollten sie dringend gegen den Care-Gap und gegen den Pay-Gap nutzen. – Danke! (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke)

Alle Reden von Dr. Solveig Eschen Protokoll (PDF) ↗