Falko Bries
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen! Sprache ist der Schlüssel zum Welt- und Selbstverständnis sowie Mittel zu zwischenmenschlicher Verständigung. Sie hat eine grundlegende Bedeutung für die kognitive, emotionale und soziale Entwicklung der Schülerinnen und Schüler. Bildungssprachliche Kompetenzen sind grundlegend für den Schulerfolg. So schreibt das die Kultusministerkonferenz vor. Wir diskutieren heute zum zweiten Mal den Vorschlag, eine zusätzliche Deutschstunde in der Grundschule einzuführen. Nach wie vor sind wir uns in der Bewertung des Problems einig: Das schlechte Abschneiden Bremer Schülerinnen und Schüler, vor allem bei den Deutschkenntnissen, kann als Zustand nicht akzeptiert werden. Die Zahlen sind und bleiben alarmierend. Sprachkompetenz ist nicht nur der Schlüssel zum Erwerb schulischer Fähigkeiten und von Lernzielen in allen Fächern. Mit ihr erreichen die Kinder den Zugang zu Freunden und einem größeren sozialen Miteinander. Umso wichtiger ist es daher, unseren Kindern jene Sprachkenntnisse zu vermitteln und ihnen so eine möglichst gute Zukunft zu ermöglichen. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Die Frage ist daher aber, ob der scheinbar einfache Ansatz, eine weitere Schulstunde hinzuzufügen, das Problem auch effektiv und nachhaltig lösen würde. Zum einen müssen wir für eine weitere Deutschstunde die Zeit eines anderen Fachs wegfallen lassen. Im Sinne einer guten Grundschulbildung müssen aber auch andere Fächer ihren Raum haben, damit Kinder sich voll entfalten und gebildet werden können. Auch die Reduzierung der Anzahl von Kunst-, Sport- oder musikalischen Stunden würde den Prinzipien der Grundschulen widersprechen, zumal gerade diese Fächer für den Spracherwerb sehr wichtig sind. Beispielsweise fördert das gemeinsame Singen im Musikunterricht bewiesenermaßen auch die Sprachkompetenz durch Rhythmus, Tonhöhen und die Erweiterung des Wortschatzes. (Abgeordneter Heiko Strohmann [CDU]: Das stimmt!) Viele denken, Sprachbildung passiert nur im Deutschunterricht. Das stimmt nicht. Natürlich lernen Kinder dort Sprache, aber sie lernen Sprache auch in anderen Fächern wie Mathe und Sachkunde. Sprache lernen sie außerdem in der ganzen Schulzeit, beim Spielen mit anderen Kindern und in der Freizeit durch Hobbys. Der Deutschunterricht gibt den Rahmen. Dort lernen die Kinder Regeln und den Umgang mit Sprache. Diese Kenntnisse brauchen sie, um Sprache überall zu nutzen, in allen Fächern und im Alltag. Wie jeder Unterricht hängt der Erfolg dabei nicht nur bloß von der Zeit ab, die man hineinsteckt, viel wichtiger ist die Qualität. (Abgeordnete Yvonne Averwerser [CDU]: Ja, und?) Wie geht die Lehrkraft mit den Schülerinnen und Schülern um? Wie vermittelt die Grundschule den Lernstoff? Gibt es eine enge Gemeinschaft zwischen den Schülerinnen und Schülern, bei der sie sich untereinander unterstützen und Vorbild sind? Eine weitere Stunde würde dem wohl eher wenig helfen. Der notwendige Mehraufwand an Personal könnte auch zu einem Qualitätsverlust der einzelnen Stunden führen. Dabei sollte ebenfalls gesagt sein: Bremen bietet nicht zu wenig Stunden, im Gegenteil liegt Bremen deutlich über dem Soll der KMK-Vorgaben, sowohl insgesamt als auch bei den Basisfächern an sich. Ich kann daher keinen Zeitmangel für den Deutschunterricht beziehungsweise den Spracherwerb feststellen. Stattdessen sollten wir uns auf die Steigerung jener Qualität konzentrieren. Fortbildungen der Lehrkräfte können das Wissen um Sprachbildung und Lernmethoden verbessern. Mit dem Leseband haben wir seit über zwei Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht. Dadurch fördern wir die Lesefähigkeiten der Kinder sowohl bei der Qualität als auch bei der verwendeten Zeit deutlich mehr, als eine zusätzliche Deutschstunde es getan hätte. Der „Bildungsplan 0 bis 10“ und das Kita-Brückenjahr werden einen einfacheren Übergang zwischen Kita, Grundschule und weiterführenden Schulen ermöglichen. Durch die enge Zusammenarbeit der Schulen in diesem besonders relevanten Schuljahr wird der Spracherwerb noch gezielter und mit weniger Brüchen gefördert. Ganztagsschulen können nicht nur einen längeren Verbleib in der Lerngruppe und damit dem für den Spracherwerb so wichtigen sozialen Umfeld bieten, sondern auch die geförderte zusätzliche Zeit. All dies wird aber bereits umgesetzt. Es lässt sich also sagen, dass die Einführung einer weiteren Stunde momentan nicht der richtige Schritt ist, das Problem effektiv zu beheben. Während viele sinnvolle Maßnahmen bereits umgesetzt werden und darauf zielen, die Qualität des Unterrichts zu erhöhen, ohne andere Fächer zu kürzen, geht dieser Vorschlag davon aus, dass mehrere Stunden mehr Erfolg bringen. Dabei ignoriert er aber die komplexe Lage. Daher lehnen wir nach sorgfältiger Prüfung den Antrag der CDU sowie die Änderungsanträge der FDP und von BÜNDNIS DEUTSCHLAND ab. – Vielen Dank! (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke)
