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Jan Timke

BÜNDNIS DEUTSCHLAND 10.12.2025 Sitzungen 21/29

Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer! Ich darf heute den Redebeitrag für meine Kollegin und bildungspolitische Sprecherin Julia Tiedemann halten, die erkrankt ist und der ich von hier aus eine schnelle Genesung wünsche. Meine Damen und Herren, wir debattieren heute das wichtige Thema Deutschunterricht an Bremer Schulen, weil Anträge, die vor Monaten hier in diesem Haus bereits gestellt wurden, erneut im Plenum gelandet sind. Warum? Weil wir damals in diesem Hohen Haus entschieden haben, dass wir einen Bericht der Bildungsdeputation zu diesen Anträgen möchten. Fazit des Berichts, der nun vorliegt: Alle anderen sind schuld, der Senat und das Bildungsressort hingegen sind nicht verantwortlich. Daher könne man nichts ändern. Dieses Fazit, meine Damen und Herren, ist schlichtweg fatal. Die Deputation sagt in ihrem Bericht aus, Bremen erfülle die Vorgaben der Kultusministerkonferenz (KMK) bereits, mehr Unterricht sei nicht sinnvoll. Stattdessen solle man auf sogenannte Programme setzen. Dazu noch einen Satz: Es ist ungefähr so, als würde ein Arzt dem Patienten sagen: „Wir behandeln nicht die Ursache Ihrer Erkrankung, aber wir haben ein buntes Programmheft für Sie.“ Der Bericht ist ein bunter Strauß an Ausreden und Verantwortungsleugnung. Er entwertet Deutsch als Kernkompetenz, indem er so tut, als sei Deutschunterricht nur ein Fach unter vielen. Er verschleiert die Fakten, indem er behauptet, Bremen erfülle alle Vorgaben, obwohl die KMK überhaupt keine Mindeststunden für Deutsch festlegt, sondern ein Stundenkontingent, das wir frei unter diversen Fächern aufteilen können. Der Bericht verschiebt Verantwortung, indem er die Sozialstruktur als unveränderbares Naturgesetz darstellt; er ersetzt notwendige Unterrichtszeiten durch Programme, die am Kernproblem vorbeigehen; er blendet aus, dass Bremen eines der höchsten Ausfallniveaus im gesamten Bundesgebiet hat; und er ist in Teilen fachlich unrichtig und mindestens irreführend. All diese Punkte müssen klar benannt werden, meine Damen und Herren, weil sie entscheidend sind für die Frage, wie wir Bildungspolitik in diesem Bundesland gestalten wollen. (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND) Es ist ein Irrglaube, Deutsch könne man nebenbei im Mathe- und Sachunterricht lernen, wie der Bericht schreibt. Natürlich findet sprachliche Entwicklung überall statt, das ist doch ganz klar. Aber kein Mathelehrer dieser Welt kann fehlende Lesekompetenz ersetzen. (Abgeordneter Heiko Strohmann [CDU]: Aber ein Geschichtslehrer!) Kinder, die die Sprache nicht beherrschen, verstehen keine Aufgabenstellung, keinen Sachtext, keine Arbeitsanweisung. Es ist vollkommen egal, wie viele Zusatzprogramme wir ihnen dann anbieten: Ohne eine solide Basis im Deutschunterricht ist alles andere nur Flickwerk. Hinzu kommt: Die von der Deputation hervorgehobenen Programme, also Leseband, Diagnostik, Fortbildungen, sind durchaus brauchbare Ergänzungen, aber sie ersetzen nicht den Unterricht. Sie kommen erst ab der zweiten oder dritten Klasse, wo der Schaden im schulischen Basiswissen bereits entstanden ist. Deutsch muss zuerst kommen, erst dann können wir den Kindern in allen anderen Fächern gerecht werden, meine Damen und Herren. Es ist bemerkenswert, dass Programme freimütig und ohne Rücksicht auf Kosten, Qualität und Quantität aufgelegt werden, aber sich auch nur für eine einzige zusätzliche Unterrichtsstunde im Kernfach Deutsch zu engagieren, das kommt bei Ihnen nicht in die Tüte. Da schreiben Sie lieber die Kapazitäten, um einen fadenscheinigen, leicht zu widerlegenden, aber koalitionsfähigen Bericht durch die Bildungsdeputation zu verfassen. Besonders problematisch ist die Argumentation über die Sozialstruktur. Ja, Bremen hat hohe Risikolagen. Ja, viele Kinder starten mit schlechten Voraussetzungen. Gerade deshalb müssen wir doch den Deutschunterricht ausbauen und nicht zurückfahren. Der Bericht tut so, als sei die Sozialstruktur eine Ausrede. In Wahrheit ist sie der Auftrag zum Handeln. Da gucke ich ganz besonders hier in die linke Ecke des Parlaments. (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND) Wer sagt, man könne wegen der sozialen Lage nichts tun, spricht den Kindern diese Möglichkeit ab. Bremen befindet sich in einem negativen Rückkopplungseffekt und schiebt alles auf die schlechte Sozialstruktur. Schlechte Schule gleich schlechte Sozialstruktur, schlechte Lernvoraussetzungen, noch schlechtere Schule. Ohne Bildung kein sozialer Aufstieg, meine Damen und Herren, und ohne sozialen Aufstieg keine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage in unserem Bundesland. (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND) Rund 48 Prozent, meine Vorrednerin hat es gesagt, rund 48 Prozent der Kinder im Land Bremen weisen einen vorschulischen Sprachförderbedarf auf. In Bremerhaven sind es sogar traurige 62 Prozent. In besonders belasteten Stadtteilen betrifft der festgelegte Sprachförderbedarf sogar 70 Prozent der getesteten Kinder. Meine Damen und Herren, wir sind es diesen Kindern schuldig, dass wir sie stärker schulisch fördern, auch und gerade im Fach Deutsch. Neben weiteren Maßnahmen brauchen wir daher mehr verpflichtenden Deutschunterricht an Bremer Grundschulen. Die drei eingereichten Anträge von BÜNDNIS DEUTSCHLAND, der CDU und der FDP sind daher wichtig und richtig, und deshalb werden wir die beiden anderen Anträge der Oppositionsparteien auch unterstützen. – Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND)

Alle Reden von Jan Timke Protokoll (PDF) ↗