Yvonne Averwerser
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren! Wir debattieren heute noch mal den Antrag aus dem Sommer 2024 „Mehr Deutschunterricht an Bremer Schulen“ unter Berücksichtigung des Ergebnisses des Berichtes der Deputation für Kinder und Bildung. Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ein Wort, das ein Kind nicht kennt, ist ein Gedanke, den es nicht aussprechen kann – –, den es nicht zu Ende denken kann, Entschuldigung. Sprachkompetenz ist eine zentrale Voraussetzung für das Lernen, und zwar in allen Unterrichtsfächern. Wer die Sprache nicht beherrscht, kann im Unterricht in keinem Fach folgen – nicht in Mathematik, nicht im Sachunterricht, nicht in Musik oder Kunst. Seit vielen Jahren sind die Ergebnisse von Sprachtests in Bremer Kitas und Schulen bekannt – und sie sind signifikant schlecht. So reihen sich auch die aktuellen Ergebnisse des PRIMO-Sprachtests da ein. Rund 48 Prozent der getesteten Grundschüler in Bremen und 62 Prozent der getesteten Grundschüler in Bremerhaven wird Sprachförderbedarf – –, (Abgeordnete Miriam Strunge [Die Linke]: … attestiert.) attestiert, danke schön! Die Zahlen bedeuten in der Praxis: Hunderte von Erstklässlern beginnen ihre Schullaufbahn mit sprachlichen Defiziten. Dieser Umstand – Sie merken es schon – lässt uns nicht kalt. Denn für diese Kinder ist bereits der Start in ihre Bildungskarriere erheblich erschwert, meine Damen und Herren. Aus diesem Grund haben wir im Sommer 2024 den Antrag eingebracht, den Deutschunterricht in Bremer Grundschulen um eine Wochenstunde zu erhöhen. Zum Vergleich: Die Wochenstunden im Fach Deutsch in den Bundesländern liegen zwischen 20 und 30 Stunden, im Schnitt rund 25 Stunden. Bremen liegt mit derzeit 23 Stunden also klar unter dem Bundesdurchschnitt. Die bundesweiten IQB-Bildungstrends bescheinigen Bremen seit Jahren unterdurchschnittliche Ergebnisse in den Basiskompetenzen. Der letzte IQB-Bildungstrend 2021 weist uns erhebliche Leistungseinbrüche in Deutsch nach. Ja, der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die Mindeststandards verfehlen, ist überall gestiegen. In Bremen ist er aber signifikant gestiegen, und die Gründe dafür sind bekannt. Genau weil in Bremen und Bremerhaven bundesweit die meisten Kinder leben, die mehreren Risikolagen ausgesetzt sind – Armut, Arbeitslosigkeit, bildungsfernes Elternhaus, Migrationshintergrund –, wollen wir als CDU an diesem Status quo nicht festhalten. (Beifall CDU) Im Gegenteil: Wir wollen, dass mehr getan wird als bisher, um bei den erkannten Sprachdefiziten aufzuholen. Dazu gehört aus unserer Sicht auch, den Umfang des Deutschunterrichtes zu erhöhen. Der vorliegende Bericht der Deputation aus dem Haus des Senators für Kinder und Bildung ist dezidiert nicht dieser Meinung. Die reine Stundenzahl sei kein verlässlicher Indikator für bessere Lernerfolge, heißt es dort. Als Beleg wird angeführt, Berlin unterrichte zwar die meisten Stunden – 31 im Fach Deutsch –, liege aber dennoch im Ranking der Leistungen nur knapp vor Bremen. Liebe Koalitionäre, gerade dieses Beispiel ist eben kein Argument gegen eine Stundenerhöhung, sondern eher eins für eine ehrliche Debatte über die Maßnahmen. Der Stadtstaat Berlin hat ähnliche Herausforderungen wie Bremen. Wenn man sich das anguckt, muss man sich angucken, was da gemacht wird. Denn überall dort, wo zusätzliche Sprachförderung, Leseband-Modelle oder verstärkte Deutschanteile eingesetzt werden, geschieht es, weil man verstanden hat, dass Sprachkompetenz eben nicht nebenbei entsteht, sondern Zeit, Struktur und Priorität braucht. Wenn Maßnahmen nicht den gewünschten Erfolg haben, liegt das meist an unklaren Konzepten, mangelnder Verbindlichkeit oder fehlender Verzahnung mit Unterrichtsqualität – und nicht daran, dass zusätzliche Lernzeit grundsätzlich wirkungslos sei. Dieser Rückschluss ist doch geradezu paradox vor dem Hintergrund, dass andere Bundesländer bereits mehr Deutschunterricht erteilen, und zwar auch solche, die weitaus bessere Ergebnisse erzielen als Bremen. Warum sollte ausgerechnet bei uns eine unterdurchschnittliche Stundenzahl optimal sein? Das will mir mal einer erklären. Meine Damen und Herren, ich bin bisher davon ausgegangen, dass wir uns hier einig sind, dass mehr Lernzeit grundsätzlich zu mehr Lernzuwachs führen kann, vorausgesetzt, sie wird sinnvoll genutzt. Selbstverständlich ist für uns deshalb auch, dass diese zusätzliche Stunde mit weiteren wirksamen Maßnahmen flankiert und Teil eines Gesamtkonzeptes sein muss. Zudem bestreitet keiner in meiner Fraktion, dass Unterrichtsqualität, Didaktik und Förderung hier die entscheidenden innerschulischen Faktoren darstellen. Denn natürlich kann Quantität ohne Qualität das Ziel verfehlen. Doch daraus den Schluss zu ziehen, die Stundenzahl spiele eine derart marginale Rolle, greift aus unserer Sicht schlicht zu kurz. (Beifall CDU) Meine Damen und Herren, es ist so simpel wie richtig: Sprache öffnet Türen. Wenn wir es ernst meinen mit der Chancengerechtigkeit, dürfen wir nicht zulassen, dass Bremer Kinder weiter sprachlich abgehängt werden. Bildungsgerechtigkeit beginnt mit Sprachförderung. Mehr Deutschunterricht in Grundschulen ist kein Selbstzweck, sondern ein Gebot der Fairness gegenüber den Kindern, die zu Hause wenig bis gar kein Deutsch sprechen oder von anderen Startnachteilen betroffen sind, so wie viele in unserem Bundesland. Denn gerade sie würden davon profitieren, von dieser zusätzlichen Deutschstunde. Es geht darum, allen Kindern den Schlüssel zur weiteren Bildung in die Hand zu geben. Eine zusätzliche Deutschstunde mag auf den ersten Blick nur ein kleiner Schritt sein, aber es ist ein konkreter, finanzierbarer und wirkungsvoller Schritt hin zu mehr Bildungsgerechtigkeit. (Beifall CDU) Ich werbe daher abermals um Ihre Zustimmung zu unserem Antrag. – Vielen Dank! (Beifall CDU)
