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Ole Humpich

FDP 10.12.2025 Sitzungen 21/29

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Gäste! Kollege Saxe, ja, wir sind uns in sehr vielen Dingen einig – auch hier tatsächlich. (Zuruf Abgeordneter Ralph Saxe [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) Aber ich glaube, die Differenzen werden in meiner Rede klar werden. Ich glaube tatsächlich, dass Sie eben meinten bis 1,6 Promille ist Fahrradfahren erlaubt und nicht ab 1,6 Promille ist es erlaubt. (Heiterkeit) Dann würden sich einige hier im Saal, glaube ich, akut zum Fahrradfahrer oder zur -fahrerin verändern. Meine Damen und Herren, Alkoholabhängigkeit und riskanter Alkoholkonsum im Land Bremen: ein Thema, das uns in Bremen seit Jahren begleitet und das durch die Große Anfrage erneut in seiner ganzen Ernsthaftigkeit sichtbar geworden ist. Um es auf den Punkt zu bringen: Bremen ist alkoholkrank. Die Antworten des Senats machen genau dies klar. Bremen liegt seit vielen Jahren über dem Bundesdurchschnitt. Im Jahr 2023 lag der Anteil an diagnostizierter alkoholbezogener Störung bei 2,02 Prozent, der Bundesdurchschnitt bei 1,69 Prozent. Besonders betroffen sind Männer, insbesondere im Altersbereich 55 bis 65. Aber auch die Situation der Jugendlichen bleibt besorgniserregend. Selbst wenn die SCHULBUS-Untersuchung aufgezeigt hat, dass die Zahlen zurückgehen, zeigt sie auch, dass 22 Prozent der Vierzehn- bis Siebzehnjährigen in Bremen problematischen Alkoholkonsum haben. Dies ist ein deutlich höherer Wert als in anderen Großstädten oder auch den Nachbarländern. Auch das zeigt, dass Bremen ein dominierendes Suchtproblem mit Alkohol hat. Es zeigt auch, dass Bremen hohe Erkrankungszahlen, aber geringe Erreichbarkeit der Hilfen hat. Daraus ergibt sich, dass wir viele Betroffene nicht oder nur zu spät erreichen. Denn nur 2,9 Prozent der Menschen mit riskantem Konsum wurden überhaupt hausärztlich gescreent, und dabei erhielten auch nur 1,4 Prozent eine Kurzintervention. Gleichzeitig ist die Zahl der Menschen, die Beratung oder Rehabilitation aufsuchen, rückläufig, trotz hoher Erkrankungszahlen. Kurz gesagt: Wir haben hier ein Erreichbarkeitsproblem im Hilfesystem. Der Bericht zeigt auch, dass in den letzten Jahren zwei von drei Entgiftungsstationen am Klinikum Bremen-Ost geschlossen wurden. Diese Anfrage ist ja etwas älter. Wir haben uns vor vierzehn Tagen das Klinikum Bremen-Ost angeschaut, sind auch in der Psychiatrie unterwegs gewesen, auf verschiedenen Stationen unterwegs gewesen, und ich glaube, es wurde gerade wieder eine neue Entgiftungs- oder Alkoholstation in Betrieb genommen. Das ist natürlich ein positives Zeichen, zumindest, was die Hilfesysteme angeht. Die Zahl stationärer Entgiftungen ist dabei trotz unveränderter Fallzahlen deutlich gesunken. Auch in der medizinischen Rehabilitation ist der Zugang eingeschränkt. Im RehaCentrum Alt-Osterholz wurden 2023 lediglich 40 stationäre und 41 ganztägige ambulante Alkoholrehabilitationen abgeschlossen. Angesichts der hohen Betroffenenzahlen ist dies zu wenig. Diese Schritte sind allerdings der letzte Schritt, der gegangen wird. Davor hat womöglich auch die Prävention nicht gegriffen, obwohl Bremen über vielfältige und auch gute Präventionsprogramme verfügt. Viele davon leisten gute Arbeit und erreichen jedes Jahr mehrere Tausend Schülerinnen und Schüler. Doch auch hier zeigen die Zahlen der SCHULBUS-Studie: Die Belastungen bleiben hoch. Wir brauchen daher nicht nur mehr Prävention, wir brauchen auch die richtige Art von Prävention, denn wirksame Prävention braucht Realität statt Frontalbeschallung. Abstrakte Belehrungen, Arbeitsblätter und reine Wissensvermittlung reichen eben nicht, denn viele Jugendliche erreicht man genau damit kaum mehr. Wir sehen, dass Projekte, die lebensnah sind und direkt wirken, deutlich erfolgreicher sind. Ein positives Beispiel dafür ist beispielsweise in Bremen das Projekt des „Wilde Bühne Bremen e. V.“. Die „Wilde Bühne“ zeigt auf unmittelbare und authentische Weise, was Abhängigkeit bedeutet. Hier berichten Menschen mit eigener Suchtgeschichte vor Schülerinnen und Schülern über genau das, was sie erlebt haben, mit allen Konsequenzen, Fehlern und auch mit allen Lernerfahrungen. Diese direkte persönliche Begegnung hat eine Wirkung, die keine PowerPoint-Präsentation und auch kein Unterrichtsmodul ersetzen kann. Sie schafft Bewusstsein, Empathie, und dies ist echte Prävention. Deshalb sagen wir klar: Solche Projekte müssen nicht nur fortgeführt werden, sondern deutlich stärker gefördert werden. Sie sind nachweislich wirksamer als abstrakte Frontalvermittlungen, weil sie junge Menschen dort abholen, wo sie stehen, nämlich in ihrer aktuellen Lebenswelt. Was ist nun aus unserer Sicht wichtig? Frühinterventionen müssen gestärkt, aber auch verbindlicher und niederschwelliger gestaltet werden. Der Zugang zu Beratung und Therapie muss verbessert werden. Wir brauchen mehr Kapazitäten, nicht weniger. Entzugs- und Reha-Angebote müssen gestärkt und besser miteinander verzahnt werden. Dabei muss die Prävention mit dem Blick auf wirksame Formate ebenfalls ausgebaut werden. Wir setzen auf lebensnahe Projekte wie die „Wilde Bühne“, nicht aber auf abstrakte Belehrung, und auch, na klar, der Jugendschutz muss konsequent durchgesetzt werden. Wir haben in dieser Woche in der Fragestunde schon sehr vertieft über Kioske gesprochen. Es kann nicht sein, dass ein dreizehnjähriger Schüler, eine Schülerin sich dort ganz entspannt die Flasche Wodka kaufen und sich am Abend dann einen Abend unter Freunden machen kann. Das heißt, wir müssen stärker in die Kontrollen reingehen und müssen dort wesentlich präsenter sein. Dabei braucht es eine maßvolle Regulierung statt einer Verbotswelle, und das ist der Punkt, wo wir uns dann nicht mehr ganz so einig sind, Kollege Saxe. Weitere Verkaufsbeschränkungen oder umfassende Werbeverbote lösen das Problem nämlich eben nicht. In der Sport- und auch in der Werbewelt wurde schon vor vielen Jahren umgedacht. Wenn man sich auf Sportplätzen dieser Republik, in Sportvereinen umschaut: Dort ist die klassische Werbung einer großen Brauerei an der Weser längst verschwunden, und es wird für alkoholfreie Getränke geworben. Auch sind die Brauereien schon längst nicht mehr nur dort unterwegs, dass sie ausschließlich alkoholvolle Getränke verkaufen oder entwickeln. Es hat sich genau in die andere Richtung entwickelt. Auch die Brauereien und großen Hersteller haben dies erkannt. Die Große Anfrage zeigt: Bremen hat ein strukturelles Alkoholproblem, aber vor allem hat Bremen ein Versorgungs- und Erreichbarkeitsproblem, meine Damen und Herren. Prävention muss nah an der Lebensrealität sein, (Glocke) Hilfe muss verfügbar sein, und Unterstützung muss dort ankommen, wo sie letztendlich gebraucht wird. – Vielen Dank. (Beifall FDP)

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