Falk-Constantin Wagner
Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich bin seit inzwischen dreizehn Jahren Waller. Allerdings ist der Stadtteil Walle, in dem ich heute wohne, zu beträchtlichen Teilen ein anderer als der Stadtteil, in den ich 2012 gezogen bin. Als ich damals eine Wohnung gesucht habe, wurde diese Wohnung ohne die Ortsangabe Walle inseriert. Das hat man vermieden, weil sich das nicht so gut vermietet hätte. Die Wohnung war inseriert mit der Ortsangabe „Nähe Überseestadt“. Auch ansonsten habe ich damals nicht nur motivierende Reaktionen bekommen. Ich war Student und wurde an der Uni im Freundeskreis auch für einigermaßen verrückt erklärt. Kein Mensch zieht nach Walle, hieß es. Die Inhaberin der Waller Buchhandlung, die sich zu einer ähnlichen Zeit etabliert hat, hat mir letztens erzählt, dass sie damals auch gefragt worden sei, ob sie sich das gut überlegt habe, ob sich in Walle tatsächlich Bücher verkaufen ließen und ob die Buchhandlung nicht doch besser in Schwachhausen aufgehoben wäre. Das alles war schon damals völlig übertrieben, aber es ist der Ausdruck von etwas. Es war das Image eines Stadtteils, das noch vom Niedergang der stadtbremischen Häfen geprägt war und das eine jahrzehntelange Abwärtsspirale durchgemacht hatte. Heute vermietet sich die Ortsangabe Walle ganz hervorragend. Sie werden die häufig auf den einschlägigen Immobilienportalen finden. Es kamen erst die Studierenden nach Walle, später dann sogar Bewohnerinnen und Bewohner aus dem Viertel, die hauskaufwillig waren und Walle als preisgünstige Alternative zum Viertel entdeckten. Eine Bewohnerschaft, die wir vorher so gar nicht kannten. Es kamen neue Cafés und Läden. Walle hat sich gewandelt. Walle ist weiterhin kein exklusiver Stadtteil, aber es hat eine, finde ich, sehr angenehme soziale Mischung gewonnen. Was es vor allem gewonnen hat, ist ein neues Selbstbewusstsein. Ein Stadtteil, in dem man den alten Spruch jetzt sehr gern wieder aufpoliert hat: In Walle wohnen sie alle. (Beifall SPD) Diese Entwicklung ist allerdings nicht vom Himmel gefallen, liebe Kolleginnen und Kollegen, sondern sie ist das Ergebnis einer gezielten und erfolgreichen Bremer Stadtentwicklungspolitik. Man hat zuerst mit gezielten Investitionen in den Stadtteil, (Abgeordneter Heiko Strohmann [CDU]: Ah ja!) als er noch am Boden lag, dafür gesorgt, dass zum Beispiel alte Hafentrassen, alle alten auf den Hafen-Lkw-Verkehr ausgerichteten Straßentrassen, zu einem wohnlichen Umfeld umgebaut wurden. Es gab Neues zu entdecken. Damit mancher auch mal dazu kommt, Neues zu entdecken, gab es ein Impulsprojekt, in dem Fall die Überseestadt. Wir erinnern uns an die Ortsangabe der Wohnung. All das hat dazu geführt, dass ein altes Quartier hier zu neuem Glanz kommt. Walle ist damit auch nicht allein. Von einer Abwärtsspirale in eine Aufwärtsspirale ist inzwischen auch Woltmershausen gekommen. In Woltmershausen sorgt das Erfolgsprojekt Tabakquartier dafür, dass der Stadtteil mit all seiner Lebensqualität von vielen Menschen neu entdeckt wird und sich seinen stolzen Platz auf der Stadtkarte zurückerobert. In Bremerhaven werden im Goetheviertel mit vereinten Kräften von Stadt, Land und Privaten verfallene Gebäude in Wert gesetzt und als Altbauschätze von jungen Menschen neu entdeckt. Das alles hilft nicht nur Lehe und Walle und Woltmershausen, sondern es hilft der Attraktivität des Wohn- und Arbeitsortes Land Bremen insgesamt, es verbessert soziale Durchmischung und es schafft Stadtteilgerechtigkeit. Liebe Kolleginnen und Kollegen, was Bremen und Bremerhaven hier geleistet haben, das kann sich sehen lassen. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Bei einer Internationalen Bauausstellung geht es jetzt allerdings nicht darum, diese Erfolge einmal ins Schaufenster zu stellen, sondern bei einer Internationalen Bauausstellung geht es darum, die nächsten dieser Projekte mit gebündelten Kräften anzugehen, denn wir haben noch jede Menge auf der Liste. Wir möchten, dass Hemelingen und dass Blumenthal ihr historisches Stadtteilzentrum und damit einen guten Teil ihrer Identität zurückerhalten. Im Goetheviertel wird noch weiter sehr viel umgebaut werden müssen und wir möchten Bremerhaven mit dem Werftquartier ein Strahlprojekt verschaffen, das es als Wohnstandort neu auf die Landkarte setzt. Das alles sind nur die Projekte, die wir heute kennen. Die Uhr bleibt ja nicht stehen. Es werden weitere Projekte dazukommen. Wohnen und Arbeiten werden nach allem, was wir heute wissen, näher zusammenrücken. Hafenareale werden sich weiter wandeln. Das „Haven Höövt“ in Vegesack wird sicherlich nicht das einzige große Einkaufszentrum der letzten Jahrzehnte bleiben, das sich in beträchtlichem Maße wandelt. Diese Entwicklungen bieten das Potenzial für einen attraktiven, zukunftsfesten und sozial gerechten Wohn- und Arbeitsstandort Land Bremen. Eine Internationale Bauausstellung kann nun Folgendes bringen: Sie kann hierfür Katalysator sein, denn sie konzentriert Investitionsmittel. Sie holt kluge Köpfe in das Land Bremen, die die Chance nutzen möchten, hier ihre innovativen Projekte zu zeigen. Sie wird manches Projekt beschleunigen. Diamanten entstehen ja bekanntlich auch unter Druck. Und ja, ganz am Ende geht es dann auch um eine Ausstellung dessen, was geschafft worden ist, denn im finalen Ausstellungsjahr stellt eine Internationale Bauausstellung dann Bremens und Bremerhavens Stadtteile und das, was in ihnen erreicht worden ist, in ein bundesweites Rampenlicht. Das haben sie auch verdient. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Wir beauftragen heute den Senat, für eine Internationale Bauausstellung ein Konzept zu entwickeln und die wichtigsten Fragen zu klären: Das ist der Zeitplan, das ist die nicht ganz unwesentliche Frage der Finanzen, das ist die Struktur einer Projektgesellschaft. Das Wichtigste sind die besten Orte in Bremerhaven und in Bremen. Das alles wird nicht gelingen, ohne die Beteiligung von Partnerinnen und Partnern. Deshalb möchte ich mich schon an dieser Stelle bei allen Unterstützer:innen dieses Weges bedanken, wie der Aufbaugemeinschaft, der Handelskammer Bremen und Bremerhaven, der Architekt:innenschaft und sehr motivierenden, engagierten Rückmeldungen aus der Zivilgesellschaft Bremerhavens. Diese Partnerschaft ist für das Projekt besonders wichtig, denn eine Internationale Bauausstellung funktioniert nur, wenn sie breit von den Stadtgesellschaften Bremens und Bremerhavens getragen und mit Leben gefüllt wird. Deshalb würde ich mich auch hier und heute ausdrücklich über eine breite Zustimmung freuen. Lassen Sie uns für dieses Zukunftsprojekt für das Land Bremen heute gemeinsam den Grundstein legen! – Vielen Dank! (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke)
