Ole Humpich
Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Als ich die Rede vor ein paar Tagen geschrieben habe, war ich nicht unbedingt davon ausgegangen, dass sich diese Debatte in diese Richtung entwickeln würde, zumindest in Teilen des Hauses. Es ist selten, dass wir hier im Landtag über ein Thema sprechen, das uns alle, oder zumindest größtenteils, betroffen macht, unabhängig von Parteigrenzen. Heute tun wir das. Denn es geht um Kinder und Jugendliche, um ihre seelische Gesundheit und um ihr Wohlbefinden und letztlich auch um die Zukunft unserer Gesellschaft. Der Antrag der Koalition greift ein Thema auf, das seit Jahren schwelt und uns als FDP-Fraktion ebenso beschäftigt: die psychische Belastung von jungen Menschen und auch der Mangel an Hilfsangeboten. Deshalb sage ich gleich zu Beginn: Wir als Fraktion werden diesem Antrag zustimmen. Aber, meine Damen und Herren, Zustimmung heißt nicht, alles ist gut. Zustimmung heißt, wir wollen, dass endlich etwas passiert, und zwar mit Wirkung. Die Antworten des Senats auf die Große Anfrage aus dem Jahr 2023 waren offen gesagt ernüchternd. Man verwies auf Zuständigkeiten, auf die Kassenärztliche Vereinigung, auf Planungsgrenzen. Man erklärte, warum etwas nicht geht, anstatt zu zeigen, wie etwas geht und wie wir hier in der Stadt vorankommen. Dabei liegen die Probleme doch offen auf dem Tisch: Wir haben zu wenig Therapieplätze, zu lange Wartezeiten, teils über sechs Monate, und vor allem eine Ungleichverteilung zwischen Stadtteilen. In Vierteln mit niedrigem Sozialindex sind psychische Erkrankungen häufiger, aber genau dort fehlen die Praxen. Das ist nicht nur ein gesundheitspolitisches Problem, das ist auch sozialpolitisch brisant. Denn wer ausgerechnet in schwierigen Lebenslagen am längsten auf Hilfe warten muss, der wird am Ende doppelt bestraft. Ich sage es ganz offen: Wir erwarten von der Kassenärztlichen Vereinigung und auch der Senatorin mehr Bewegung in dieser Thematik. (Beifall FDP) Wir reden hier am Ende nicht nur über Bürokratie. Wir reden über Kinder, die leiden. Was uns mindestens genauso stört: Wir haben keine belastbaren Daten. Wir wissen zu wenig über tatsächliche Versorgungslücken, über freie Plätze und auch über die regionale Verteilung. Wie will man da eigentlich gezielt gegensteuern? Das ist, als würde man versuchen, ein Feuer zu löschen, ohne eigentlich richtig wissen zu können, wo es überhaupt brennt. Darum unterstützen wir den Prüfantrag, eine Übersicht freier Therapieplätze zu schaffen – freiwillig, ja, aber auch dringend nötig. Meine Damen und Herren, es reicht nicht, am Ende der Kette zu reagieren, wenn das Kind im wahrsten Sinne des Wortes in den Brunnen gefallen ist. Prävention ist dort der Anfang und auch der Schlüssel für den Erfolg. Wir brauchen Angebote in Schulen, im Verein, in Jugendzentren, eben genau dort, wo sich Kinder und Jugendliche in ihrem Alltag aufhalten. Dort gibt es schon Projekte, ob „Famos e.V.“, das Elterntraining „SHIFT“ oder auch die Fachkräfte an Schulen. All diese leisten gute Arbeit in der Prävention und sorgen dafür, dass es zumindest in Teilen etwas besser werden kann. Aber es reicht längst noch nicht, diese wichtige Arbeit. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn wir über psychische Belastungen sprechen, dann dürfen wir die Familien nicht vergessen. Ein Kind mit einem psychisch kranken Elternteil trägt bereits eine Last mit sich, die man kaum ermessen kann. Wenn wir diesen Kreislauf nicht durchbrechen, wird aus dieser Belastung schnell ein Erbe. Für uns ist klar: Psychische Gesundheit darf kein Privileg sein, aber sie braucht auch keine überbordenden Verwaltungsapparate. Was wir brauchen, ist Koordination, nicht Kontrolle, Zusammenarbeit und vor allem kein Zuständigkeits-Ping-Pong zwischen Kassenärztlicher Vereinigung und der senatorischen Behörde. (Beifall FDP) Psychische Gesundheit ist kein Nischenthema des Gesundheitsressorts. Sie gehört in Bildung, in Jugendhilfe und auch in die Stadtentwicklung. Denn wenn neue Baugebiete geschaffen werden und dort keine Praxisräume vorgesehen sind, dann hilft auch der beste Vorsatz nichts. Wir müssen psychische Gesundheit mitplanen und nicht nur bedauern, meine Damen und Herren. Dieser Antrag ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber ein Schritt bleibt eben auch nur ein Schritt und er ersetzt keinen Marathon. Deshalb fordern wir den Senat auf, der aktuell, gelinde gesagt, dünn vertreten ist: Schluss mit den Prüfaufträgen als Selbstzweck! Fangen Sie an, umzusetzen, mit klaren Zielen, klaren Zahlen und auch klarer Verantwortung, wer es am Ende des Tages macht! Bitte beziehen Sie die Praktikerinnen und Praktiker mit ein, die Psychotherapeutinnen, die Schulsozialarbeit, die Jugendhilfe, denn diese Menschen wissen, was funktioniert und was nicht. Wir sollten auf die Praktikerinnen und Praktiker unbedingt hören. Lassen Sie mich schließen mit einem Satz, der mir persönlich wichtig ist: Psychische Gesundheit ist kein Modethema. Sie ist die Basis, auf der junge Menschen ihr Leben aufbauen oder auch scheitern. Wenn wir es als Politik ernst meinen, dass jedes Kind eine faire Chance verdient, dann dürfen wir hier nicht länger halbherzig sein. Wir haben die Verantwortung, den jungen Menschen in Bremen und Bremerhaven mehr zu bieten als Wartelisten und warme Worte. Abschließend möchte ich Ihnen den 10. Oktober ans Herz legen. Das ist der Tag der seelischen Gesundheit. An diesem Tag werden grüne Schleifen verteilt, die wir alle tragen sollten als Zeichen für die seelische Gesundheit und dafür, dass wir Menschen mit psychischen Erkrankungen ein Gesicht geben. – Vielen Dank! (Beifall FDP)
