Sandra Ahrens
Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen und Herren! Heute debattieren wir über die Grundsatzentscheidung, wie wir uns die Zukunft unserer Kinder und die Qualität der frühkindlichen Bildung vorstellen. Man stelle sich vor, Laien würden in Zukunft Gasleitungen auf Zuruf von Fachkräften montieren, die aber nicht am gleichen Ort sind, sondern eine Baustelle weiter. Der Aufschrei wäre riesig. In der Tagesbetreuung soll genau das bald möglich sein und das im Land mit der größten Kinderarmut – 42 Prozent – und einem immer wieder formulierten Versprechen von Aufstieg durch Bildung. Hier soll jeglicher Anspruch an das Prinzip „Nur das Beste für die Kleinsten“ aufgegeben werden. Da werden rote Linien überschritten, meine Damen und Herren. Alle bisher vom Senat zeitlich begrenzt versprochenen Qualitätsabsenkungen der Vergangenheit sind inzwischen Dauerstandards geworden. Jedes Mal haben Sie Ihre Zusagen gebrochen. Wir lehnen das ab! Das wird auch noch mehr qualifiziertes Personal dauerhaft aus unseren Kitas treiben. Mit dieser Idee befeuern Sie die Kitakrise, und das nachhaltig, denn Sie machen die Erzieher:innen verantwortlich, ohne dass diese tatsächlich eine Kontrolle über das Geschehen haben werden. Zeit, diese Idee nicht nur fachlich, sondern auch als moralische Frage zu debattieren. Erstens: die Frage der Kindeswohlgefährdung durch ihre Umwelt oder durch überfordertes Personal. Wie soll Personal ohne fachliche Ausbildung Kindeswohlgefährdungen erkennen, wenn diese weder pädagogische noch psychologische Grundlagen dafür haben, um Anzeichen von Missbrauch, Vernachlässigung oder emotionalen Überforderungen rechtzeitig zu identifizieren? Wie wollen Sie gewährleisten, dass Mitarbeiter wegen einer Überforderung des unqualifizierten Personals keine zweifelhafte Pädagogik anwenden? Genau aus diesem Grund musste letztes Jahr das Landesjugendamt ausrücken, weil es in einem solchen Angebot mit unqualifiziertem Personal genau diese Hinweise auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung hatte. Es gab eine anlassbezogene Einzelfallprüfung. Die Unterscheidung zwischen qualifiziertem und unqualifiziertem Personal ist nicht nur eine Frage der Formalität, sondern eine Frage der Qualität und der Fürsorge, meine Damen und Herren. (Beifall CDU) Die Frage der Sprachförderung: In einer Zeit, in der die Sprachförderung der grundlegendste Bestandteil der frühkindlichen Bildung ist und wir es mit Sprachauffälligkeiten von weit über 50 Prozent, bis hin an 70 Prozent in einigen Stadtteilen, zu tun haben, können wir darauf nicht verzichten. Das sogenannte BaSiK-Beobachtungsprogramm (Begleitende alltagsintegrierte Sprachentwicklungsbeobachtung in Kindertageseinrichtungen) zur Sprachentwicklung ist ein wichtiges Instrument. Das können aber nur Fachkräfte. Diese Fachkräfte haben aber nach Aulepps Vorschlag noch ganze zwölf Minuten pro Tag für Bildung, Erziehung und alltagsintegrierte Sprachförderung plus die Beobachtung durch das Programm BaSiK. Das, meine Damen und Herren, kann nicht der Weg sein! (Beifall CDU) Unqualifiziertes Personal, 18, gerade mal volljährig, und darüber hinaus mit einem positiven Führungszeugnis, kann genau das eben nicht, Herr Bürgermeister. Die Bildungsangebote, drittens: Notwendig ist eine ganzheitliche Förderung von Anfang an, die nicht nur auf die Betreuung beschränkt ist, sondern die kognitiven und sozialen Fähigkeiten der Kinder fördert. Das erfordert Fachkräfte, die mit den Bildungsansätzen und -methoden vertraut sind. Viertens, ich frage mich: Wer wird sich überhaupt noch entscheiden, den mühsamen Weg bis zur Erzieherin fünf Jahre lang zu gehen oder den zweijährigen Weg zur Sozialpädagogischen Assistenz? Sie entwerten hier alles! Das ist ein Schlag ins Gesicht für all diejenigen, die sich jahrelang auf diese verantwortungsvolle Aufgabe vorbereitet haben und sich täglich dafür einsetzen, den Kindern in Bremen eine gute Grundlage für ihr Leben zu bieten. (Beifall CDU) Fünftens, der Vorschlag ist mitnichten alternativlos, wie Sie es hier immer darstellen. Sie tun so, als wäre der von Ihnen verursachte durchlöcherte Käse der Kindertagesbetreuung nicht anders zu konsolidieren. Das ist mitnichten der Fall. Die CDU hat bereits im März dieses Jahres auf dem Kitagipfel ein großes Papier vorgelegt, in das sie genaue Vorschläge zur Konsolidierung macht. Es braucht eine absolute Priorisierung auf den Elementarbereich, eine Garantie, dass jedes Kind vier Jahre frühkindliche Bildung erhält, in der Elementargruppe. Wir schlagen daher vor, für einen begrenzten Zeitraum die Krippenplätze vorrangig an Berufstätige und solche in Ausbildung zu vergeben und das pädagogische Personal in den Elementargruppen zu verstärken und eine Garantie zu geben, dass jedes Kind in Bremen vier Jahre frühkindliche Bildung im Elementarbereich erhält, meine Damen und Herren. Für die anderen gibt es niedrigschwellige Angebote, in denen wir Kitaeinstiegshäuser in jedem Stadtteil wollen. Damit kriegt man den Fachkräftemangel in den Griff, konsolidiert das Ganze und dann können sich Eltern auch wieder auf diese Kindertagesbetreuung verlassen. Dem schließt sich übrigens im Grundsatz der Kitafachkräfteverband an, wie er in seiner Stellungnahme vom 11. November dieses Jahres schreibt. Abschließend noch einmal: Verlassen Sie den Irrweg, dass Sie ernsthaft darüber nachdenken, die Qualität ins Bodenlose sinken zu lassen. Sie haben weder für das nicht pädagogische Personal eine Sprachquote als Vorgabe gemacht, noch sonst irgendetwas im Gesetz. Es heißt nur „über 18 und positives Führungszeugnis“. Das kann es nicht sein, meine Damen und Herren. Das tritt jeglichen Anspruch mit den Füßen und macht ehrlicherweise eine massive Abwertung von Frauenberufen. Das kennen wir schon von Herrn Schröder, der das als Sozialgedöns bezeichnet hat. Sie treten in diese Stapfen. Lassen Sie das! – Danke schön! (Beifall CDU) Schnittker: Als Nächstes erhält das Wort der Vizepräsidentin Christine Abgeordnete Fynn Voigt.
