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Nelson Janßen

Die Linke 18.09.2024 Sitzungen 21/16

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Abgeordnete, sehr geehrte Gäste! Alle Eltern werden sie kennen, und auch ich bin in ein paar Wochen mit meiner jüngsten Tochter wieder dran: Eine U-Untersuchung beim Kinderarzt steht an. In den ersten Monaten noch sehr eng getaktet, dann werden die Abstände größer, erhalten Eltern vom Gesundheitsamt eine Aufforderung, einen Termin zu vereinbaren, um damit sowohl die Versorgung der Kinder in den Mittelpunkt zu stellen, aber auch ein Beratungsangebot für Eltern zu schaffen. U-Untersuchungen spielen dabei eine entscheidende Rolle, um Entwicklungsstörungen und auch Krankheiten frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Darüber hinaus stellen diese Arztbesuche auch ein Heranführen an einen ambulanten Sektor dar, der hoffentlich dazu führt, dass auch Arztbesuche dann in Anspruch genommen werden, wenn gerade kein Zettel ins Haus flattert, und der hohe Nachdruck, der entwickelt wird, um Eltern zur Wahrnehmung dieser Termine anzuhalten, ist wichtig, um auch der sozialen Spaltung in der Gesundheitsversorgung entgegenzutreten. Wir wissen, dass Armut und Gesundheit in unserer Gesellschaft eng miteinander verbunden sind, von daher sind Versorgungsansätze, die einen möglichst nachdrücklichen, hier auch nicht ganz verpflichtenden Charakter haben, essenziell, um alle Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Aus den Antworten des Senates wird deutlich, dass wir unterschiedliche Prozentzahlen in den unterschiedlichen Alterskohorten haben und teilweise etwas unter dem Bundesdurchschnitt liegen und uns das auch nicht vollständig zufriedenstellen kann. Wir wissen aus dem Landesgesundheitsbericht, dass wir Lücken in der Versorgung insbesondere in Stadtteilen mit herausfordernden sozialen Lagen und verfestigter Armut haben. Die enge Verknüpfung von Armut und Gesundheit ist bereits im Kindesalter angelegt. Ganz konkret sind Kinder aus Armutslagen seltener geimpft, haben häufiger psychische Probleme, häufiger Entwicklungs- und Verhaltensauffälligkeiten und kämpfen deutlich häufiger mit Übergewicht. Man kann die unterschiedlichen Lebenslagen und die Wirkung von Armut auch nicht mit fünf U-Untersuchungen beheben. Armutslagen sind einschneidend und lebensbestimmend. Natürlich wirkt sich das auch auf die gesundheitliche Lage von Kindern aus. Wir sind aber verpflichtet, die gesundheitliche Ungleichheit zwischen verschiedenen sozialen Herkunftsfamilien – so gut es geht – zu adressieren und zu verringern. (Beifall DIE LINKE, SPD, Bündnis 90/Die Grünen) Dafür brauchen wir verschiedene passgenaue Angebote und Ansprachen. Die Erfahrungen aus der Pandemie haben uns gezeigt, dass niedrigschwellige, quartiersbezogene und mehrsprachige Ansprachen richtig sind. Wir wissen, dass wir dafür aufsuchende Arbeit brauchen, direkt im Lebensumfeld, auch an der Haustür der Familien; nicht aufdringlich, aber niedrigschwellig und ohne erhobenen moralischen Zeigefinger. Das Gesundheitsamt führt solche Hausbesuche durch, wenn U-Untersuchungen nicht wahrgenommen werden. Es geht zuletzt auch um das Kindeswohl, und spätestens hier besteht eine Verantwortung der öffentlichen Hand, gegebenenfalls auch unter Einbeziehung der Jugendämter. Aus meiner Sicht besteht hier aber noch eine Lücke zwischen Kindern, deren Familien besucht werden, und denen, die nicht bei der UUntersuchung erschienen sind. Problematisch finde ich, dass derartige Hausbesuche in Bremerhaven beispielsweise derzeit gar nicht möglich sind. Das stellt eine reale Unterversorgung dar. Im Bereich der Prävention und Gesundheitsförderung sind wir in Bremen tatsächlich ganz gut aufgestellt. Kurz nach der Geburt meines ersten Kindes haben mich Beratungsstellen proaktiv kontaktiert und Hausbesuche angeboten. Bei meinem ersten Kind konnte ich die Beratung ebenso dankbar annehmen, wie ich sie bei meinem zweiten Kind dankbar ablehnen konnte. Für Menschen, die sich aber in unserem Gesundheitssystem nicht so gut auskennen, möglicherweise nicht das Glück hatten, mit einer Hebamme eine sehr gute Nachsorge zu haben, sind derartige Angebote wirklich ein Segen. Mein Dank gilt daher allen Hebammen, Gesundheitsfachkräften und Sozialarbeiter:innen in Projekten wie TippTapp, TippTapp pre oder den Familienhebammen, die hier einen ganz großartigen Beitrag leisten. (Beifall DIE LINKE, SPD, Bündnis 90/Die Grünen) Bisher habe ich viel über die Rolle der Kommune gesprochen. Das Gesundheitsamt liegt dort, und viele der Präventions- und Begleitangebote liegen dort. Für die Primärversorgung ist allerdings der niedergelassene ärztliche Sektor zuständig, und der Versorgungsauftrag liegt nach wie vor bei der Kassenärztlichen Vereinigung. Hier lässt sich feststellen, dass insbesondere Bremerhaven, aber auch einige Bremer Stadtteile mit niedrigem sozialen Index – Huchting, Walle, Teile im Bremer Osten, in Bremen-Nord Blumenthal – unterversorgt sind. Als mein erstes Kind geboren wurde, lebte ich noch im Bremen Mitte, während ich nun in den Westen umgezogen bin. Weder mein damals geborenes Kind, noch mein neugeborenes Kind konnten im Bremer Westen die Möglichkeit wahrnehmen, einen Kinderarzt zu erhalten, sodass ich jetzt auch schon mal dreißig Minuten mit einem fiebrigen Kind durch die Stadt fahren muss. Wenn die Kassenärztliche Vereinigung ihrer Versorgungsverpflichtung nicht mehr nachkommen kann, dann müssen wir auch über flankierende neue Versorgungskonzepte diskutieren. Dann werden wir über kommunale medizinische Versorgungszentren insbesondere in benachteiligten Quartieren sprechen müssen. Wir brauchen neue Beschäftigungsmodelle für Ärzt:innen, die nicht den Schritt in das Unternehmer:innentum wagen wollen, sondern lieber in einem Angestelltenverhältnis arbeiten wollen. Wir wollen eine Delegation von bisher ausschließlich Ärzt:innen vorbehaltenen Leistungen an qualifiziertes pflegerisches Personal. Wir wollen einen Fokus insbesondere auf unter- oder unversorgte Kinder. Wir sind es ihnen schuldig. Wir haben noch eine ganze Menge Arbeit vor uns. Es reicht aber nicht, hier bloß einmal auf das Ressort zu schielen. Es gibt eine Verantwortung, eine Versorgungsverantwortung der Kassenärztlichen Vereinigung. Wir müssen allerdings unsere Konzepte weiterentwickeln, um hier den Kindern, insbesondere in sozialen Notlagen, gerecht zu werden. – Vielen Dank! (Beifall DIE LINKE, SPD, Bündnis 90/Die Grünen)

Alle Reden von Nelson Janßen Protokoll (PDF) ↗