Yvonne Averwerser
liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Gäste! Ich möchte nicht auf diesen Debattenbeitrag in dem Sinne eingehen, sondern ich möchte mich tatsächlich auf das besinnen, was auch Thema der Aktuellen Stunde war, und das war oder ist das Thema „Mehr Geld in Bildung aber keine Ergebnisse“. Meine lieben Kolleginnen und Kollegen, zum Thema Ergebnisse möchte ich Sie gerne mal auf einen fiktiven Weg durch das Bremer Bildungssystem mitnehmen, denn es gibt durchaus Ergebnisse der ausschließlich sozialdemokratisch-grün-linken geprägten Bildungspolitik im Land Bremen. Aber das sind, das ist leider auch wahr, nicht solche, die wir für unsere Kinder, Schülerinnen und Schüler und deren Bildungsverläufe wünschen. So – der Kollege Fricke hat es schon angesprochen – wurden uns zum Beispiel im Januar schon die ersten Förderquoten der Kitakinder für Bremen und Bremerhaven vorgestellt. Die Sprachförderquote liegt in Bremerhaven und in Bremen 2023 im Vorschulbereich bei 47,9 Prozent auf einem echt hohen Niveau. Im Zeitverlauf ab 2013 kann man feststellen, dass die Sprachförderquote im Vorschulbereich kontinuierlich stieg, wobei die Hälfte aller Kinder mit Förderbedarf in Bremen in den Stadtteilen Gröpelingen, Vahr, Huchting oder Osterholz beziehungsweise Blumenthal leben. Das war ehrlicherweise vor der Flüchtlingskrise 2015 auch schon so, und auch jetzt im Zuzug hat sich das nicht verbessert, sondern eher verschlimmert. In Bremerhaven übernahm den Primo-Test das Schulamt, in Bremen war es das IQHB (Institut für Qualitätsentwicklung im Land Bremen). Auch hier zeigt die Zeitkurve, dass seit 2018 ein kontinuierlich hoher Förderbedarf im Bereich Sprache zwischen 53,8 und 54,7 Prozent zu verzeichnen ist. Dabei sind es die Stadtteile Geestemünde, Mitte und Lehe, die besonders hohe Sprachförderquoten aufzeigen. Meine Damen und Herren, in Bremen und Bremerhaven hat fast jedes zweite Kind im Kitaalter Sprachförderbedarf. Man sollte annehmen, dass dieser Sprachförderbedarf in den Kitas mit Maßnahmen aufgefangen wird, und dass dieser Sprachförderbedarf sich in der Kita verbessert und in der Grundschule dann bestenfalls nicht mehr da ist. Um das prüfen zu können, kann man die Primo-Testung, die nun im ersten Schuljahr in Bremen und Bremerhaven erneut durchgenommen wird, heranziehen. Ebenso wie die Kitas sind auch die Schulen nach dem Schulsozialindex von eins bis fünf geclustert. Besorgniserregend muss man feststellen, dass nicht nur die Schulen im Sozialindex vier und fünf, wie man es zu erwarten hätte, immer noch die hohen Sprachförderquoten erzielen, sondern auch Schulen in einem vermeintlich guten Schulsozialindex zwei und drei schon über sehr hohe Sprachförderquoten verfügen. So ist es, dass drei Viertel der Schulen in Sozialstufe drei über der durchschnittlichen Sprachförderquote in Bremen von 39,6 Prozent liegen. Meine Damen und Herren, da reden wir nicht mehr davon, dass es die Stadtteile Gröpelingen, Westen, Blumenthal, Vegesack sind. Das sind noch ganz andere Stadtteile. Das sind Stadtteile, wo wir uns bisher eigentlich immer sicher waren, dass dort bildungsnahe Familien leben, die auf jeden Fall ihren Kindern die Rahmenbedingungen geben können, damit sie auch durch das bremische Schulsystem gut durchkommen. Diese Zahlen sind deshalb auch erschreckend, und das IQHB konsterniert auch in der zentralen Aussage, dass die Fördermaßnahmen die bis zum Übergang vom Elementar- in den Primarbereich nur bedingt gewünschten Effekte haben. Das zeigt sich in den Zahlen, und es ist einfach so, denn knapp zwei Viertel der Kinder in Bremen, die im Kitaalter einen Sprachförderbedarf hatten, weisen leider auch in der ersten Klasse keinen altersadäquaten Sprachentwicklungsstand auf. Man muss feststellen, dass die hohe Sprachförderquote in den Kitas kausal ist für die Sprachfördersituation in den Grundschulen. Meine Damen und Herren, diese Darstellung des IQHB über die schulische Sprachförderung im Primarbereich zeigt auch mehr als deutlich, dass wir die Problemfälle jetzt nicht mehr nur – ich wiederhole mich – in den sozial benachteiligten Stadtteilen haben, sondern dass es sich auch flächendeckend über das gesamte Stadtgebiet Bremen verteilt und die Maßnahmen, die die Behörde meint ergriffen zu haben, in keinster Weise geeignet sind, diese Probleme entscheidend zu ändern. (Beifall CDU) Bezeichnenderweise sind in beiden Deputationssitzungen im Januar, als uns die Sprachförderquoten für die Kitas vorgestellt wurden, als auch im April, als es um die Sprachförderquoten im Primarbereich ging, weder von der Koalition noch von der Senatorin irgendwelche Maßnahmen genannt worden, die diese Abwärtsspirale aufhalten könnten. Diese Zahlen aber auch das Verhalten der politisch verantwortlichen Senatorin, meine Damen und Herren, sind ein Offenbarungseid für den Bereich Bildung und die politische Arbeit der linken Koalition im Senat Bovenschulte. (Beifall CDU, Bündnis Deutschland) Meine sehr geehrten Damen und Herren, mit diesen Ergebnissen der ersten Klasse geht unser fiktives Kind weiter, und auch hier gibt es Ergebnisse, und zwar in Klasse drei. Da werden bundesweit Vergleichsarbeiten, VERA 3 genannt, erhoben. Dort wird festgestellt, inwieweit die Kinder die Mindeststandards erreichen, um eventuell den Übergang zur weiterführenden Schule zu erreichen. Auch da gibt es Abschwächungen in der Testung. Bremen hat die Möglichkeit, Testsets zu nutzen, die zum Beispiel nicht in Bayern benutzt werden, sagen wir es mal so. 2023 waren die Ergebnisse, die dort vorgelegt wurden, so, dass 42 Prozent der Drittklässler im Bereich Lesen nicht den Mindeststandard erhielten, und in dem Fach Mathematik waren es sogar 48 Prozent, die die Mindeststandards am Ende der Grundschule nicht erreichten. Meine Damen und Herren, das sind die Ergebnisse der Grundschule. Nun gehen Sie mit unserem fiktiven Kind mit diesen Voraussetzungen in die weiterführende Schule. Da hat man sich in Bremen auf die LALE-Testung in Klasse fünf verständigt, an der bisher freiwillig teilgenommen wird. LALE erhebt die Lernausgangslage der Grundschüler zu Beginn der fünften Klasse. Die überwältigende Mehrheit der getesteten Fünftklässler aus sozial benachteiligten Quartieren befinden sich in Deutsch und besonders im Fach Mathematik deutlich unterhalb der Bildungsniveaus, die eigentlich am Ende der Grundschule nach Klasse 4 erreicht werden sollten, den sogenannten Regelstandards. Zwar zeigt sich, dass diese Schülerinnen und Schüler bis zu einer weiteren Testung in Klasse 7, LALE 7, einen merklichen Lernzuwachs verbuchen, jedoch ihre anfänglichen Lücken sind so enorm, dass man von Lernrückständen mitunter von mehreren Jahren im Vergleich zu Schülerinnen und Schülern an Gymnasien oder bessergestellten Quartieren ausgehen muss, die sich im Laufe einer Schulkarriere nur schwerlich kompensieren lassen. Man kann es aber auch so ausdrücken, meine Damen und Herren: Schülerinnen und Schüler, die zu Beginn der 5. Klasse auf dem Niveau der Klasse zwei sind, werden nur schwerlich die Lernlücken aufholen können und werden deswegen es schwer haben, eine Schule erfolgreich abzuschließen beziehungsweise ihren angestrebten Beruf umsetzen zu können. Auch diese Ergebnisse des IQB-Trends 2021/2022 spiegeln die niederschmetternden Ergebnisse wider, nämlich, dass die Kinder in Bremen die bundesweiten Mindeststandards meilenweit verfehlen. Vor diesem Hintergrund ist es auch nicht verwunderlich, der Kollege sagte es, dass zehn Prozent und damit bundesweit der höchste Anteil der Schülerinnen und Schüler in Bremen und Bremerhaven die Schule ohne Schulabschluss verlassen. Jetzt schauen wir mal, in welchen Stadtteilen die Schulabschlüsse besonders prekär sind: Das sind die Absolventen unterhalb des mittleren Schulabschlusses in Blumenthal, Gröpelingen, in Woltmershausen und in Huchting. Abitur machen die meisten Kinder in Borgfeld, Oberneuland, Schwachhausen, in der östlichen Vorstadt, wo ganz viele von Ihnen wohnen, und die wenigsten machen in Gröpelingen, Mitte, Blumenthal und Osterholz Abitur. Diese Zahlen zeigen, dass es diesem Senat und auch den Koalitionen seit 20 Jahren nicht gelingt, den Vorsatz, die soziale Herkunft vom Bildungserfolg zu entkoppeln, auch nur ansatzweise umzusetzen. (Beifall CDU) Diese Ergebnisse, die man sich nicht wünscht, müssten eigentlich zum Umdenken anregen, und hier kommen wir zum Punkt, dem Punkt mit dem Ermittelten: Fakt eins ist, seit 20 Jahren ist das Bildungssystem in Bremen kontinuierlich unterfinanziert. Fakt zwei, wenn zusätzliche Mittel in den Haushalten bereitgestellt würden und werden – das ist dieses Mal auch so – , dann nur, um den Anstieg der Schülerzahlen zu kompensieren beziehungsweise tarifliche Anpassungen vornehmen zu können oder Personal in Verwaltung unterzubringen. Fakt drei, es ist bisher nicht gelungen, mit den vorhandenen Mitteln eine Priorisierung stattfinden zu lassen, die eine aufwachsende Bildungsqualität und positive Schulentwicklung unterstützen würde. Vor diesem Hintergrund brauchen wir in der Tat mehr Geld im Bildungshaushalt, zumal wir immer noch weniger Geld für Bildung ausgeben als die anderen Stadtstaaten. Aber es geht nicht darum, viel mehr Geld für mehr vom Gleichen oder mit einem stumpfen Weiter-so, sondern wir müssen uns was anderes einfallen lassen, denn unser Bildungssystem, unsere Schülerinnen und Schüler müssen auf die tatsächlichen Herausforderungen unserer Gesellschaft vorbereitet werden. Ihnen muss das hierfür notwendige Rüstzeug an die Hand gegeben werden. Hierzu gehört unserer Meinung nach eine endlich positiv besetzte Leistungsbereitschaft und eine strategisch verlässliche Schulentwicklung. (Beifall CDU) Diese soll neben einem hohen Leistungsniveau auch Chancengerechtigkeit, Zufriedenheit und Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern und von den Lehrkräften und allen, die in Schulen arbeiten, in den Vordergrund stellen. Das kann unserer Meinung nach gelingen, wenn wir uns endlich mehr mit schulischen und schülerspezifischen Daten in allen Ebenen des Schulsystems auseinandersetzen, sie objektiv zur Kenntnis nehmen, die Schulen damit nicht alleine lassen und ideologiefreie Rückschlüsse zulassen und endlich effektivere Maßnahmen erarbeiten. – Vielen Dank! (Beifall CDU, Bündnis Deutschland)
