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Yvonne Averwerser

CDU 13.12.2023 Sitzungen 21/6

Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Gäste! Wir haben diese Aktuelle Stunde „PISA-Ergebnisse verschlagen dem Senat die Sprache – Bundesweiter Trend erschwert die Situation an Bremer Schulen“ eingebracht. Grund ist das bis heute andauernde Schweigen des Senats, der zuständigen Senatorin, zu den miserablen Ergebnissen der neuesten PISA-Studie, die vergangene Woche in Berlin vorgestellt wurden. Vor 22 Jahren hat Dr. Henning Scherf unter bundesweiter Beachtung immerhin noch zugegeben, dass er verstanden hätte. An dieser jüngsten Erhebung im Jahr 2022 nahmen weltweit 81 Länder mit mehr als 6 000 Jugendlichen teil. Die für Deutschland repräsentative Stichprobe umfasst circa 13 000 Schülerinnen und Schüler im Alter von 15 Jahren in allen Schultypen. Die PISA-Studie ist die größte internationale Schulleistungsvergleichsstudie. Es werden regelmäßig die Kompetenzen von 15-Jährigen Jugendlichen beim Lesen, in der Mathematik und den Naturwissenschaften erfasst. Seit dem Jahr 2000 wird sie alle drei Jahre durchgeführt. 2001 lagen deshalb die ersten Ergebnisse des weltweiten Bildungsvergleichs vor. Die schlechten Ergebnisse, damals, haben bundesweit regelrecht einen Bildungsschock, den sogenannten PISA-Schock ausgelöst. Die PISAErgebnisse zeigten übrigens damals schon, dass die erbrachten Leistungen in Deutschland stark vom sozioökonomischen Hintergrund abhingen. Besonders fiel damals auf, dass Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund gleichermaßen schlecht abschnitten, also alles keine neuen Erkenntnisse. Der damalige Bürgermeister Dr. Henning Scherf, selbst jahrelang verantwortlich für sozialdemokratische Bildungspolitik in Bremen, nahm in einer anerkannten Pressekonferenz die gesamte Verantwortung für das offengelegte Bildungsdesaster auf sich und versprach nachhaltig Besserung. Was dieses Versprechen wert war und ist, zeigen seitdem zahlreiche Vergleichsarbeiten auf Länderebene, aber auch im internationalen und nationalen Vergleich auf. Nach einer bundesweiten regelrechten Bildungsoffensive auch im Kitabereich verbesserten sich damals die nationalen Ergebnisse deutlich, bevor sie ab 2012 wieder erkennbar abnahmen. Die regelmäßigen Ergebnisse der Klassenstufen acht und drei die in Bremen erhoben werden, lassen in den zentralen Fächern Deutsch und Mathematik weiterhin keinerlei Wende zum Positiven erkennen. Vielmehr zeigt der Trend steil bergab. Durchweg wird uns dort immer wieder das Verfehlen von Mindeststandards beschieden. Im Fall der Lernausgangslagenuntersuchung, LALE, ist das Ergebnis, dass Kinder in sozial benachteiligten Stadtteilen der Klasse fünf auf dem Niveau der zweiten oder dritten Klasse sind oder dass Kinder in sozial benachteiligten Stadtteilen in den Klassen fünf bis sieben zwar Zuwächse verzeichnen, aber im Vergleich zu anderen Stadtteilen oder Gymnasien einen Lernverlust von mehreren Jahren haben, der nicht mehr kompensiert werden kann. Im Bildungstrend der Bundesländer, durchgeführt vom renommierten Berliner Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen, IQB, wurde uns erst im Oktober beschieden, dass unser Bildungssystem dafür sorgt, dass unsere Kinder im Bereich Lesen, Zuhören und Rechtschreibung weit abgeschlagen sind. Vor dieser jüngsten Studiengrundlage waren deshalb die Ergebnisse der PISA-Studie 2022 vorhersehbar. Hier hat Deutschland im internationalen Vergleich und auch im Vergleich zu 2018 vor allem im Bereich Mathematik dramatisch verloren. Besonders betroffen sind auch hier Jugendliche mit Migrationshintergrund. Dass Bremen zu diesem schlechten Ergebnis seinen Beitrag geleistet hat, ist sicherlich unbestritten. Von daher könnte man meinen, dass das Verhalten der Senatorin, einfach nicht zu reagieren, einem gewissen Gewöhnungsprozess geschuldet ist. Man möchte ja auch nicht immer hören, dass man politisch verantwortlich dafür ist, dass man das Schlusslicht ist. Aber genau das Gegenteil müsste jetzt aus Sicht Bremens, aus unserer Sicht der Fall sein. Wir müssten laut werden, wir müssten Reformbereitschaft zeigen. Denn wenn sich bisher viele Bundesländer nicht im Abstiegskampf um Bildungs- und Ausbildungsqualität wähnten, so ist dies spätestens jetzt, nach diesem internationalen Vergleich anders geworden. Mit dem Zeugnis, dass die damals 15-Jährigen heute vielfach Auszubildende sind, die sich auf dem mathematischen Niveau der fünften oder sechsten Klasse bewegen, werden nicht nur außerhalb Bremens Bildungspolitiker hellhörig. Eine erfolgreiche Ausbildung, selbst in einfachen Ausbildungsberufen, wird ohne weitere Unterstützung in Mathematik und Lesen fast nicht mehr möglich sein. Deswegen kamen aus vielen Bundesländern scharfe Reaktionen und Hinweise auf konkrete Maßnahmen und Strukturreformen, um die PISA-Ergebnisse zukünftig und nachhaltig zu verbessern. Es ging um die Lehrerausbildung, die Forderungen nach verbesserter frühkindlicher Bildung, datengestützter und konsequent durchgehender Sprachförderung ab der Kita. Die Kita soll ein, nein, die Kita soll der Bildungsort werden, sagen ganz viele. Eine Orientierung nach dem Vorbild Hamburgs wird empfohlen, und das regelmäßige Üben oder Trainieren von Grundkenntnissen in Deutsch und Mathematik wird befürwortet, denn zahlreiche Studien belegen, dass diese zentralen Grundkenntnisse für eine gelingende Schulkarriere voraussetzend sind. Seitens des Bundes wird auch auf das Startchancen-Programm hingewiesen, dass der Bund für den Sommer 2024 angekündigt hat, bei dem bisher 4 000 Schulen in schwierigen Lagen zusätzlich unterstützt werden sollen. Ob das mit den 4 000 Schulen bei den jetzigen Ergebnissen tatsächlich so bleibt, müssen wir abwarten. Ebenso müssen wir abwarten, ob dieses Programm es überhaupt im Sommer 2024 schafft, finanziell so ausgestattet zu sein, dass es auch tatsächlich tragen kann. Das Problem, dass es uns auch bundesweit nachweislich am wenigsten gelingt, den Bildungserfolg von der sozialen Herkunft erfolgreich zu entkoppeln, was fundamental mit einer häufig erfolgreichen Sprachförderung einhergeht, hat sich radikal verschärft und ist in das Bewusstsein vieler getreten. Das, was Bremen seit Jahrzehnten nicht gelingt, ist in Teilen nun auch im Rest der Republik angekommen. Genau wegen dieser nachweislichen geringen Reformbereitschaft Bremens und der gestiegenen Selbstbetroffenheit der anderen Bundesländer ist zu befürchten, dass die solidarische Bereitschaft der Länder bezüglich der Aufteilung der möglichen finanziellen Mittel vonseiten des Bundes geringer wird. Die Abkehr von der Verteilung nach dem Königsteiner Schlüssel, die hier immer vorangetrieben wurde und die wir auch unterstützen, hin zu einer bedarfsgerechten Verteilung wird sicherlich unter diesen Umständen nicht einfacher werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Ruck, der durch zahlreiche Bildungsinstitutionen der Bundesländer gehen wird, effektiver und schneller sein wird als bei uns in Bremen. Wie könnten wir als Bremer diese Solidarität denn überhaupt noch einfordern? Seit wohlwollend gut 20 Jahren wurde nachweislich keine Verbesserung der Bildungsqualität in Bremen durchgesetzt. Im Gegenteil, die neuen Ergebnisse führen uns lediglich schmerzlich vor Augen, wie verstetigt und vor allem auch ausgeprägt sich der Einfluss von sozialer Herkunft negativ auf den Schulerfolg unserer Bremer Schülerinnen und Schüler auswirkt. Nicht zuletzt die Verharrungskräfte ideologischen Denkens haben uns im Keller der Bildungslandschaft fest fixiert. (Beifall CDU) Niemanden, der sich in Bremen mit Bildungspolitik befasst, können diese Ergebnis in irgendeiner Form überraschen. Besonders vonseiten des SPDgeführten Bildungsressorts werden diese mittlerweile mit offensichtlichem Gleichmut zur Kenntnis genommen, um im Anschluss schleunigst wieder zur Tagesordnung übergehen zu können. (Beifall CDU) Der Wille zu wirklichen Anpassungen und systemischen Veränderungen fehlt. Konkrete Vorschläge wie unsere Forderung nach Einführung eines vorschulischen Angebots speziell für Kinder mit ausgewiesenem Sprachförderbedarf wurden entrüstet mehrfach abgeschmettert. Wir brauchen aber in der Zukunft diese bedarfsgerechten Mittel aus den Unterstützungsprogrammen des Bundes, und dafür benötigen wir nach einer Reihe dieser ernüchternden Studien und dem bundesweiten Aufschlag der PISA-Studie 2023 eine deutliche Stimme aus Bremen, die eine politisch gewollte und nachweislich aufrechte Reformbereitschaft des bremischen Bildungssystems gegenüber dem Bund signalisiert. (Beifall CDU) Es geht um nicht mehr oder weniger als die zukunftsfähige Bildung und Ausbildung unserer Schülerinnen und Schüler in Bremen und Bremerhaven. Die Verantwortung für Bildung und damit für die Basis sowie die Zukunft unserer Kinder, den Schülerinnen und Schülern, liegt in expliziter Verantwortung der Länder. Ihre Kolleginnen und Kollegen haben die Zeichen der Studien erkannt und Reformbereitschaft gezeigt, was Maßnahmen und Strukturen betrifft. Aus Bremen, von Ihnen, der politisch verantwortlichen Senatorin und dem rotgrün-roten Senat ist bis heute dazu nichts zu hören. – Vielen Dank! (Beifall CDU)

Alle Reden von Yvonne Averwerser Protokoll (PDF) ↗