Annemarie Wolff
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir haben heute schon sehr viel über Zahlen geredet. Aber auch der Begriff „subjektives Sicherheitsgefühl“ ist immer wieder aufgetaucht; deswegen will ich gern darüber reden. Wenn ich mich hier im Saal umschaue, frage ich mich: Wie viele von uns haben auf ihrem Heimweg schon einmal ein Telefonat vorgetäuscht, damit es so aussieht, als wäre man nicht allein? (Dr. Hans-Christoph Berndt [AfD]: Alle!) Und wer kennt es nicht: die Schlüssel zwischen den Fingern, die Hand zur Faust geballt, weil man sich längst daran gewöhnt hat, Alltagsgegenstände zu provisorischen Waffen zu machen, und das als stilles Versprechen an sich selbst: Wenn wirklich etwas passiert, kann ich mich wehren. (Vereinzelt Gelächter AfD) Wir teilen unsere Live-Standorte, wir verabreden Codewörter, wir warten auf Nachrichten wie: Ich bin gut zu Hause angekommen. – All das passiert fast automatisch. Wir merken oft gar nicht mehr, wie viel mentale Energie dahintersteckt. Für die meisten Männer hier im Raum ist das sicherlich schwer vorstellbar. Vielleicht wirkt Sicherheit wie eine Frage des richtigen Ortes oder der richtigen Entscheidung: „Geh nicht allein!“, „Nimm lieber ein Taxi!“, „Fahr nicht so spät!“, „Bleib lieber zu Hause!“ Aber es gibt keinen geschützten Raum für Frauen. Alle Fluchtwege sind besetzt. Einer der gefährlichsten Orte für Frauen ist eben nicht nur die dunkle Gasse; (Dr. Hans-Christoph Berndt [AfD]: Hauptbahnhof!) es ist das eigene Zuhause. Jede sechste Person erlebt Gewalt in der Partnerschaft. Jeden Tag versucht ein Mann, eine Frau zu killen; jeden dritten Tag klappt es – jeden dritten Tag! (Abgeordneter Dr. Hans-Christoph Berndt [AfD] begibt sich an ein Saalmikrofon.) Damit hört es aber nicht auf. Im digitalen Raum vergrößert sich das Jagdrevier: Beleidigungen, Bedrohungen, Stalking, das Verbreiten intimer und/oder manipulierter Bilder. Und überall, immer die Gewissheit: Kaum eine dieser Taten wird Konsequenzen haben. Denn auch hier entscheiden die Täter darüber, welche Stimme bleibt. (Vereinzelt Gelächter AfD) All das wird viel zu schnell zur Gewohnheit und verschwindet im Verborgenen. Das Dunkelfeld ist keine statistische Lücke, sondern ein stilles Protokoll aus Angst und Scham. (Beifall SPD und CDU) 2026 35 Wir brauchen also eine Dunkelfeldstudie, denn sie macht sichtbar, was keine Polizeistatistik leisten kann: die Lebensrealität der Menschen, die Gewalt erleben und trotzdem schweigen. Diese Lebensrealität hat viele Gesichter: vielleicht Ihr Mitarbeiter, der sich nicht mehr traut, in der Öffentlichkeit die Hand seines Freundes zu nehmen; Ihre Kollegin, die rassistische Beleidigungen längst nicht mehr meldet, weil sie erlebt hat, dass ihr niemand zuhört; (Vereinzelt Gelächter AfD) oder Ihr bester Freund, der jetzt keine Demo gegen Rechts mehr organisiert, weil er die Drohungen gegen sich und seine Familie nicht mehr aushält. (Beifall SPD und CDU – Dennis Hohloch [AfD]: Nein, weil er erkannt hat, dass das Schwachsinn ist!) Es betrifft also all jene, die nicht in das Weltbild derjenigen passen, die aus Spaltung politischen Profit schlagen. Die Dunkelfeldstudie wird uns also erzählen, worüber niemand spricht; wir sehen, was nicht angezeigt wird. Dann müssen wir uns eine unbequeme Frage stellen: Wo lassen wir Betroffene in Brandenburg allein? Gute Sicherheitspolitik beginnt nicht erst mit einer Anzeige bei der Polizei. Sie beginnt, damit, dass wir verstehen wollen, warum Menschen schweigen.
