Robert Crumbach
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Abgeordnete! Meine Damen und Herren! Der Jahrestag von Hiroshima ist kein fernes Kapitel der Weltgeschichte – er berührt. Er berührt mich persönlich, und ich bin sicher, viele von Ihnen empfinden ähnlich. Ich erinnere mich an meine Kindheit und Jugend: In meiner Familie war das Wort Krieg nicht abstrakt. Mein Vater erzählte, wie er als Kind während des Zweiten Weltkriegs in Premnitz in der Nähe von Rathenow Nächte im Keller verbrachte, in Angst vor Bomben. Meine Mutter berichtete von ihrer Flucht aus Eisleben. „Nie wieder Krieg!“ – das ist nicht nur ein Satz, es ist auch ihr Auftrag an uns. Auch in meiner Jugend spielte die Friedensfrage eine große Rolle: Ich erinnere mich an Diskussionen in der Schule, an Friedensgebete, an die Symbole der Bewegung – die Kerze, die weiße Taube, Schwerter zu Pflugscharen. Viele, besonders hier im Osten, sind mit einer tiefen Skepsis gegenüber Atomwaffen und Aufrüstung groß geworden. Wir haben erlebt, was es heißt, in einem geteilten Land zwischen zwei atomar aufgerüsteten Blöcken zu leben. Wir wussten: Wenn der Kalte Krieg eskaliert, wären unsere Städte die ersten Ziele. Diese Erfahrung prägt bis heute mein politisches Handeln – und im Übrigen ist es mit dieser Gefahr heute nicht anders. Am 6. August 1945 wurde die erste Atombombe auf die japanische Stadt Hiroshima abgeworfen. Drei Tage später, am 9. August 1945, erfolgte der Atombombenabwurf auf Nagasaki. Diese Bombenabwürfe der USA vor rund 80 Jahren haben nicht nur das Antlitz dieser beiden Städte und das Leben ihrer Bewohner für immer verändert, sondern sie markieren auch einen Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit. Albert Einstein hat kurz nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki gesagt: Die Zeit ist gekommen, in der der Mensch den Krieg aufgeben muss. Es ist nicht länger rational, internationale Probleme durch Krieg zu lösen. – Schätzungen zufolge starben allein in Hiroshima bis Ende 1945 rund 140 000 Menschen. Viele von ihnen verbrannten oder verglühten qualvoll. Viele Überlebende erlitten schwere Verbrennungen, Knochenbrüche und andere traumatische Verletzungen. Unmittelbar nach den Atombombenabwürfen litten Betroffene an akuten Strahlenschäden. Jahre und noch Jahrzehnte später traten bei ihnen Spätfolgen wie Krebs, Leukämien und andere genetische Veränderungen auf. Auch in den nachfolgenden Generationen kam es zu Fehlbildungen oder Erbkrankheiten. Das Leid der Überlebenden reicht bis heute. In der japanischen Nachkriegsgesellschaft waren die Hibakusha Diskriminierung und Vorurteilen ausgesetzt; viele konnten nicht öffentlich über das sprechen, was sie erlitten hatten. Dabei sind sie die lebenden Zeugen des Schreckens des Krieges und der Zerstörung, und ihre Erfahrungen sind der eindringliche Appell an uns, für Frieden und Gerechtigkeit zu kämpfen. Als Student habe ich einen Hibakusha sprechen gehört. Er erzählte nicht von Zahlen, sondern von seinem Bruder, der in den Flammen starb, von seiner Mutter, die nie wieder gesund wurde. Seitdem weiß ich: Politik zu Krieg und Frieden darf niemals abstrakt bleiben. Hinter jedem Beschuss, hinter jeder Waffe stehen Menschenleben. Darum sage ich: Hiroshima ist nicht Vergangenheit, Hiroshima ist Gegenwart. Jede atomare Bedrohung, jedes Wettrüsten, jede militärische Eskalation trägt den Schatten von Hiroshima und Nagasaki in sich. (Beifall BSW)
