Julian Brüning
Cesćony kněz prezident! Lube koleginy a lubi kolegi! Luby kněz Koinzer! Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Lieber Herr Koinzer! Ich freue mich, dass heute auf Initiative der CDU-Fraktion dieser Antrag im Plenum vorliegt. Und ich freue mich ganz ausdrücklich, dass wir ihn gemeinsam mit der SPD-Fraktion und der BSW-Fraktion einbringen. Das ist ein starkes Signal für parteiübergreifende Verantwortung, für Zusammenhalt und für den Schutz unserer sprachlichen und kulturellen Vielfalt im Land Brandenburg. Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, wir sprechen heute über eine Sprache, aber in Wahrheit sprechen wir über viel mehr: Wir sprechen über Heimat, über Identität, über eine Kultur, die tief in unserer Region – in der Lausitz – verwurzelt ist und die zugleich bedroht ist, zu verschwinden. Die niedersorbische Sprache ist ein Teil Brandenburgs, sie prägt unsere Landschaft, unsere Orte, unsere Menschen seit Jahrhunderten. Doch dieser Schatz ist gefährdet. Der Soziologe Pierre Bourdieu hat einmal gesagt – ich zitiere –: Sprachen sterben nicht einfach – sie werden zum Schweigen gebracht. – Genau das, meine sehr verehrten Damen und Herren, dürfen wir nicht zulassen. (Beifall CDU sowie vereinzelt SPD und BSW) Die Fakten sind bekannt, dennoch bleiben sie dramatisch: Nur noch etwa 5 000 Menschen sprechen Niedersorbisch, Jahr für Jahr werden es weniger. Die Sprache wird seltener gesprochen, seltener gelehrt, seltener gehört. Aber es gibt Hoffnung, dank solcher Projekte wie Zorja von Maximilian Hassatzky aus Dissen/Dešno, das junge Menschen auf neuen Wegen für das Sorbische begeistert, ein Projekt, das zeigt: Diese Sprache kann Zukunft haben, wenn wir politisch dafür sorgen. Ein Leuchtturm bleibt das Niedersorbische Gymnasium in Cottbus/Chóśebuz. Seit Jahrzehnten sichert es die sprachliche Bildung auf einem hohen Niveau. Der Erhalt der Sprache beginnt aber bei der frühkindlichen Bildung, dort, wo Neugier und Offenheit am größten sind. In acht Witaj-Kitas in Brandenburg wird heute aktiv Niedersorbisch vermittelt: in der Kita „Mato Rizo“ in Cottbus-Sielow, in der Kita „Villa Kunterbunt“ in Cottbus, in der Kita „Sonnenkäfer“ in Vetschau, in der Kita „Regenbogen“ in Drachhausen, in der Kita „Lutki“ in Jänschwalde, in der Kita „Vier Jahreszeiten“ in Dissen, in der Kita „Spreewald-Lutki“ in Burg (Spreewald) und in der Kita „Marjana Domaškojc“ in Raddusch. Hier lernen Kinder erste Wörter, singen Lieder, erlernen die Sprache im Alltag. Doch was in der Kita beginnt, muss in der Schule fortgeführt werden – ohne Bruch. Der sogenannte Witaj-Unterricht, also bilingualer Fachunterricht, wurde 2001 an der Grundschule Sielow eingeführt. Heute wird er an verschiedenen Oberschulen und weiterführenden Schulen in Brandenburg angeboten. Auch an den Oberschulen in Burg, Vetschau und Cottbus gibt es bilingualen Unterricht, wo es das Personal erlaubt. Doch oft hängt dieser Unterricht am seidenen Faden: zu wenig Fachkräfte, zu wenig Verstetigung. Was wir brauchen, ist eine echte Sprachkette von der Kita bis zum Abitur – verlässlich, planbar und unterstützt. Doch Sprache ist nicht nur Unterricht: Sie lebt in der Kultur, im Glauben, im Brauchtum. Ich war erst im Juni bei einem zweisprachigen – deutsch-sorbischen – Gottesdienst in Casel/Kózle, der von Liedern und Gebeten getragen wurde – ein starker Ausdruck gelebter Zweisprachigkeit. Viele von uns kennen die Jugendfastnachten auf den Dörfern, wenn Jugendliche in Tracht durch die Orte ziehen, Lieder singen und Traditionen leben. Auch unser Traditionsverein Golschow/Gólašow organisiert jedes Jahr den Zapust – mit Herz, Stolz und ehrenamtlicher Hingabe. Und ich durfte selbst einige Jahre lang Vorsitzender der Sorbischen Webstube in Drebkau sein, ein Ort, an dem nicht nur mit Fäden, sondern auch mit Worten und Geschichte gearbeitet wird. Dort steht die weltweit größte Ausstellung an sorbischen Ostereiern – 3 000 sind es an der Zahl, handverziert –, und es sind die Frauen im Verein, die die Sprache und Kultur weitergeben – an Kinder, Besucher und an die Region. (Beifall der Abgeordneten Elske Hildebrandt [SPD]) Die Kultur lebt aber nicht nur im Kleinen, sondern auch im Großen gibt es sichtbare Zeichen, etwa das Witaj-Festival, das jedes Jahr Kinder, Eltern, Erzieherinnen, Lehrer, Musiker und 2025 79 Kulturschaffende zusammenbringt – ein Fest der Sprache und zugleich ein Fest der Zukunft. Oder der Spreewald-Frauenchor, der in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen feiert, ein Chor, der nicht nur singt, sondern auch Erinnerungen wachhält und Gemeinschaft stiftet. Diese Menschen und Orte sind keine Museen, sondern lebendige Erinnerungsräume. All das wäre ohne starke Partner nicht möglich. Die Domowina ist seit Jahrzehnten Anwältin der sorbischen/wendischen Interessen – verlässlich, klug, hartnäckig. Die Kulturakademie in der Niederlausitz unter der Leitung von Frank Kossick bietet Formate für alle Altersgruppen – modern, praxisnah, offen. Sie schafft genau den Raum, den Sprache heute braucht. Ein unverzichtbarer Akteur ist auch der Rat für Angelegenheiten der Sorben und Wenden – der Vorsitzende Herr Koinzer ist heute ja auch hier –, der die Landesregierung und uns Abgeordnete berät und wichtige Impulse setzt, ein starker Partner, mit dem wir als Parlament in Zukunft intensiver zusammenarbeiten sollen. (Beifall CDU, SPD und BSW) Nicht zuletzt die Stiftung für das sorbische Volk: Sie ist die tragende Säule für viele Projekte in Sachsen und Brandenburg. Ohne sie gäbe es kein Zorja, keine Jugendprojekte, keine Strukturförderung. Genau deswegen reden wir heute auch über ihre zukünftige Finanzierung. Und – nicht zu vergessen – das Sorbische Institut: Es leistet seit Jahrzehnten herausragende wissenschaftliche Arbeit zur Dokumentation, Analyse und Weiterentwicklung der Sprache und Kultur. Wir dürfen auch die Basis nicht vergessen – wie ich sie zuvor schon erwähnte –: die Heimatvereine, die Jugendgruppen, die Fastnachtsgemeinschaften, die Trachtenträgerinnen, die Chöre, die Freiwilligen. Sie alle sind das Rückgrat, das die sorbische Alltagskultur am Leben hält. Herzlichen Dank für Ihren, für euren Einsatz! (Beifall CDU, SPD und BSW) Unser Antrag setzt an drei entscheidenden Stellen an. Erstens – das ist sehr wichtig für die niedersorbische Sprache und für die Lehrerausbildung –: Ab dem Wintersemester 2026/2027 wird an der BTU Cottbus-Senftenberg erstmals ein Lehramtsstudium für Niedersorbisch für die Primarstufe eingerichtet – ein Novum im Land Brandenburg, denn bisher wurden neue Lehrkräfte nur an der Universität Leipzig, also im Freistaat Sachsen, ausgebildet. Zweitens: Das Witaj-Konzept soll gestärkt und weiterentwickelt werden. Wir prüfen ein eigenes Förderprogramm für die Qualifikation von Erzieherinnen, Lehrkräften und Sprachmittlern, damit Kitas und Schulen nicht nur wollen, sondern auch können. Drittens: Das aktuelle Finanzierungsabkommen für die Stiftung für das sorbische Volk läuft Ende 2025 aus. Wir fordern die Landesregierung auf, auf Bundesebene für ein neues, bedarfsgerechtes Abkommen zu verhandeln – angepasst an gestiegene Kosten, an Inflationsfolgen, an wachsende Anforderungen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn wir heute diesen Antrag beschließen, tun wir das nicht aus Nostalgie, sondern weil wir überzeugt sind, Sprache ist Identität, und Identität ist Voraussetzung für Zusammenhalt. Wir reden in Brandenburg oft vom 80 Landtag ländlichen Raum, von Wirtschaftskraft, von Strukturwandel, aber eine Region verliert ihren Kern, wenn sie eine ihrer Sprachen verliert. Wer das Sorbische schützt, schützt nicht nur eine Minderheit, sondern auch den Reichtum Brandenburgs. Und wer es eher sportlich mag, den lade ich herzlich ein: Am Wochenende – am Sonntag – spielt in Sielow die heimische SG Sielow gegen die Serbske Koparje – die sorbische Nationalmannschaft –, die im vergangenen Jahr bei der Fußballeuropameisterschaft der Minderheiten in Flensburg angetreten ist. Auch das ist gelebte Kultur, gelebte Sprache und gelebter Sportsgeist. Deshalb bitte ich Sie: Stimmen Sie unserem Antrag zu. Stärken wir die niedersorbische Sprache! – Wutšobny źěk, lubi kolegi! Vielen Dank. (Beifall CDU, SPD und BSW)
