Robert Crumbach
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Am 8. Mai jährt sich zum 80. Mal der Tag der Befreiung Deutschlands von der faschistischen Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten und des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa – ein Tag, der von herausragender Bedeutung für uns alle ist, ein Tag, der uns an das Ende eines der schlimmsten Kapitel der deutschen und der Menschheitsgeschichte erinnert und uns zugleich eine Verpflichtung auferlegt, eine Verpflichtung, Lehren aus der Geschichte zu ziehen und für die Werte von Frieden, Demokratie und Menschlichkeit einzutreten. Das fordert nicht nur zu einer Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse des Zweiten Weltkrieges heraus, sondern mahnt auch an die Verantwortung, die wir gegenüber den Opfern, den Überlebenden und den Angehörigen tragen. Millionen Menschen verloren ihr Leben, wurden für immer versehrt oder mussten flüchten. Tausende von Städten und Dörfern wurden zerstört, ganze Gemeinschaften ausgelöscht. Bei dieser Erinnerung an die Gräueltaten und die unermessliche Zerstörung geht es allerdings nicht nur darum, der Vergangenheit zu gedenken. Es geht vielmehr auch darum, die Verantwortung für das, was geschehen ist, in die Gegenwart zu übertragen und für heute Verantwortung zu übernehmen. (Beifall BSW und SPD) Der Jahrestag erinnert uns daher zum einen an die tiefe Verantwortung, die wir gegenüber den Ländern und Völkern haben, die unter dem Nationalsozialismus besonders gelitten haben, wie die Sowjetunion und Polen. Auch deshalb sind die Beziehungen zu unserem Nachbarland Polen von so großer Bedeutung. Mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 entfachte das Deutsche Reich den Zweiten Weltkrieg und machte Polen zum Experimentierfeld seiner rassistisch motivierten Vernichtungspolitik. Tausende Zivilistinnen und Zivilisten und hierbei gezielt Angehörige der polnischen Führungsschicht wurden ermordet. Es kam zu Vertreibungs- und Umsiedlungsaktionen. Millionen von jüdischen und nichtjüdischen Polinnen und Polen starben in den deutschen nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern. Widerstand – und es gab ihn in vielerlei Form – versuchten die deutschen Besatzer mit Massenverhaftungen und Hinrichtungen von Zivilistinnen und Zivilisten zu unterdrücken. Im Wissen um dieses unermessliche Leid und diese Schuld dürfen wir die Aussöhnung zwischen Deutschland und Polen nicht als abgeschlossen, sondern müssen wir sie als fortdauernden Prozess betrachten. Es ist eine große Errungenschaft, dass Polen und Deutschland, Brandenburg und die Woiwodschaften Lubuskie, Westpommern, Niederschlesien, Großpolen und Masowien heute als Nachbarn und Partner so eng miteinander verbunden sind. (Beifall BSW und SPD) Wenn wir heute zukunftsgerichtet und verbunden mit all den Herausforderungen und Chancen einen gemeinsamen deutsch-polnischen Verflechtungsraum in der Mitte Europas erarbeiten, erinnert uns der 8. Mai auch daran, welch ein Geschenk dieser grenzüberschreitende brandenburgisch-polnische Alltag ist. Zum anderen erinnert uns der 8. Mai an die Verantwortung für das menschliche Miteinander an sich. Ich bin überzeugt, dass zwischenmenschliche Beziehungen, gestärkt etwa über Jugendaustausch, der Schlüssel dazu sind, gute und friedliche Beziehungen zwischen Staaten zu fördern, Konflikte und Kriege zu vermeiden. (Beifall BSW und SPD) Der Jahrestag erinnert uns schließlich auch an die historische Verantwortung gegenüber den Menschen in unserem eigenen Land. Brandenburg war eines der am meisten und stärksten verwüsteten Gebiete Deutschlands. So wurde beispielsweise fast die gesamte Innenstadt von Frankfurt (Oder) durch Bomben zerstört. Auch Brandenburg an der Havel traf es besonders schwer. Doch gerade in der Erinnerung liegt auch die Chance, in Freundschaft und Verständnis mit unseren Nachbarn in Europa zusammenzuarbeiten, aufeinander zuzugehen und ein starkes vereintes Europa zu schaffen. (Beifall BSW und SPD) Nach den verheerenden Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs war die Gründung der Europäischen Union ein entscheidender Schritt, um solche Konflikte in Europa in Zukunft zu verhindern. Sie brachte verfeindete Nationen zusammen und schaffte ein Netzwerk, das – zunächst über wirtschaftliche Kooperationen – zu einer Gemeinschaft auf Grundlage von Solidarität, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten geworden ist. Ich denke, wir können heute mit Blick auf die Europäische Union sagen, dass wir aus den schrecklichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts eine Lehre gezogen haben. Zu Recht wird die EU daher auch als Friedensprojekt bezeichnet. Es hat Fehler und Unzulänglichkeiten, aber es gibt kein besseres. (Vereinzelt Beifall BSW und SPD) Gerade wir in Deutschland können uns glücklich schätzen, dass wir uns damals und im weiteren Verlauf der Geschichte unseren Nachbarstaaten diese zweite Chance gewährt haben. Daraus erwächst die besondere Verantwortung, wie sie auch die Landesverfassung in ihrer Präambel betont und die im Übrigen auch in unserem Koalitionsvertrag Ausfluss gefunden hat. Der 8. Mai ist nicht nur ein historischer Meilenstein. Er ist Mahnung für die Zukunft, Mahnung, den Frieden aktiv zu verteidigen und die Grundwerte, für die wir als Gesellschaft stehen, zu schützen. Das setzt zuallererst auf Völkerverständigung und weniger auf gefährliches Hochrüsten. Ein Leben in Frieden und Freiheit ist nie selbstverständlich. Es muss jeden Tag aufs Neue erarbeitet, verteidigt und erkämpft werden. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und bitte Sie: Lassen Sie uns gemeinsam ein Zeichen der Erinnerung, des Respekts und des friedlichen Miteinanders, insbesondere mit unseren polnischen Nachbarn, setzen. – Danke. (Beifall BSW und SPD)
