Werner Graf
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! 64, 76, 115 – das ist kein neuer Song von Sportfreunde Stiller, nein, das ist die Preisexplosion der Olympischen Spiele. Mehr als die Hälfte, mehr als drei Viertel so viel, mehr als doppelt so viel: So viel haben die Olympischen Spiele in Tokio, in London und in Paris mehr gekostet. Olympische Spiele sind derzeit vor allem eines: ein milliardenschweres Haushaltsrisiko. Überall in der Stadt spart dieser Senat, bei den Kindern und Jugendlichen, beim Klimaschutz, bei der Infrastruktur, bei den Radwegen, bei neuen U-Bahn-Wagen, bei der Wissenschaft und bei der Kultur, aber für die Olympiabewerbung hat dieser Senat mal locker-flockig noch weitere Millionen bereit. Da fragt man sich schon: Wo setzt dieser Senat eigentlich die richtigen Prioritäten? [Beifall bei den GRÜNEN und der LINKEN] Vor allem muss man sich auch fragen, warum dieser Senat alles darüber geheim hält, was er mit diesen 6 Millionen Euro eigentlich macht. Wovor haben Sie eigentlich Angst? Warum machen Sie nicht endlich die ganzen Unterlagen öffentlich? Warum dürfen die Berlinerinnen und Berliner nicht erfahren, wofür Sie diese 6 Millionen Euro genau ausgeben? Wir haben einen Sanierungsstau bei den Sportstätten von ungefähr 1 Milliarde Euro in Berlin. Zahlreiche Hallen und Bäder sind geschlossen, den Vereinen fehlen Sportplätze, und die Wartelisten der Vereine werden länger und länger. Solange Kinder in dieser Stadt das Schwimmen nicht lernen können, weil Bäder geschlossen sind, solange das der Fall ist, sollten wir über milliardenschwere Spiele nicht fantasieren. [Beifall bei den GRÜNEN – Vereinzelter Beifall bei der LINKEN] Oder wie sagt man im Sport so schön? – Erst kommt die Pflicht, und dann kommt die Kür. Der Senat hat Beteiligung und Transparenz hier ganz bewusst ausgeklammert. Ihre Veranstaltungen insgesamt sind so mäßig besucht; bei jedem Bebauungsplan ist mehr los, und die Volksinitiative des Landessportbundes mit 809 000 Mitgliedern und mit ganz großer Werbekampagne hat am Ende 28 000 Unterschriften. Gerade einmal einer von 30 organisierten Sportlern hat für Olympia unterschrieben, einer von 30. Begeisterung sieht anders aus. [Beifall bei den GRÜNEN und der LINKEN] Ich habe da eine Wette für den Senat und Kai Wegner: Bei NOlympia werden mehr Menschen unterschreiben. [Beifall bei den GRÜNEN und der LINKEN] So sehr wir als Grüne den olympischen Gedanken für Fairness und internationale Verständigung teilen, dieser Bewerbungsprozess ist intransparent. Er ist kostspielig und ökologisch nicht zu verantworten. Ich will an dieser Stelle auch einmal sehr deutlich betonen: Wir Bündnisgrüne sind prinzipiell nicht gegen große internationale Ereignisse in Berlin ‒ ganz im Gegenteil. [Zuruf von Stefan Häntsch (CDU)] Die Wirtschaft, Initiativen und NGOs haben sich gerade zusammengeschlossen für eine nachhaltige Expo 2030, die sich verpflichtet, Berlin nachhaltig zu entwickeln. Das ist großartig. Das bringt Berlin voran. Das Geld, das dort eingesetzt wird, das bleibt in Berlin. Das bleibt bei den Menschen und versickert nicht in IOC-Strukturen. [Beifall bei den GRÜNEN ‒ Vereinzelter Beifall bei der LINKEN] Berlin braucht kein einmaliges Großevent Olympia, das nur kurz aufflackert und dann ganz schnell verpufft. Berlin strahlt doch in die Welt wegen seiner Kultur, den Clubs, den einzigartigen Freiheitsversprechen. [Beifall von Daniela Billig (GRÜNE)] Aber genau hier streicht der Senat. Aber wer die Kultur streicht, der streicht Berlin. [Beifall bei den GRÜNEN ‒ Vereinzelter Beifall bei der LINKEN] Wir wollen unser Berlin dauerhaft zum Leuchten bringen, nicht durch ein einmaliges, teures Prestigeobjekt, sondern durch Sporthallen, die saniert sind, und durch Kulturangebote, die für alle offen sind. 64, 76, 115. Diese Zahlen stehen für Kostensteigerungen anderswo. Für Berlin wollen wir etwas anderes. Wir wollen mehr Schwimmkurse. Wir wollen mehr Sportplätze und mehr Beteiligung. Das ist das Berlin, das wir wollen. – Vielen Dank! [Beifall bei den GRÜNEN und der LINKEN]
