Tamara Lüdke
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Stellen Sie sich einmal vor, Ihr Lieblingsladen im Kiez macht plötzlich zu, die Bäckerei, in der Sie jeden Sonntag ihre Schrippen holen, die Schusterei, die Ihre Lieblingsstiefel rettet, oder die Fahrradwerkstatt, die Ihr Rad immer wieder flott bekommt. Der Grund ist überhaupt nicht, dass der Betrieb schlecht läuft, sondern der Grund ist, der Inhaber oder die Inhaberin möchte nach einem langen Arbeitsleben einfach in den Ruhestand gehen, aber findet niemanden, der oder die das Unternehmen übernimmt. Dabei geht es in Berlin nicht um Einzelfälle, in Berlin stehen nämlich in den nächsten Jahren rund 7 700 Unternehmen vor einer Nachfolge. Schon heute finden etwa 40 Prozent dieser Betriebe keine passende Nachfolgerin oder keinen passenden Nachfolger. Wenn diese Unternehmen verschwinden, verschwinden aber nicht nur Arbeitsplätze, wir verlieren gewachsene Strukturen in unseren Kiezen, wir verlieren lokale Wertschöpfung und oft auch einfach jahrzehntelange Erfahrung. Genau hier setzt die Nachfolgezentrale Berlin schon jetzt an. Man kann sich das so ein bisschen vorstellen wie eine Datingplattform, nur eben für Unternehmen. Sie bringt Menschen, die sich selbstständig machen möchten, mit Betrieben zusammen, deren Inhaberinnen und Inhaber in den Ruhestand gehen, damit erfolgreiche Unternehmen weiterlaufen können und Lebenswerke nicht einfach enden. Aber wie bei vielen Datingplattformen eben auch, gibt es genau ein Problem, und zwar ein bekanntes Problem. Unter den potenziellen Nachfolgenden sind viel zu wenig Frauen. Das hat strukturelle Gründe. Viele Frauen gründen später, häufig neben Erwerbsarbeit und Care-Verantwortung. Sie haben oft weniger Zugang zu Netzwerken, Kapital oder unternehmerischen Vorbildern. Genau deshalb reicht es eben nicht, einfach nur eine Plattform bereitzustellen und zu hoffen, dass sich das schon irgendwie von allein regelt. Wir wollen, dass besonders Frauen öfter Unternehmen übernehmen. [Beifall bei der SPD – Vereinzelter Beifall bei der CDU] Denn genau dafür müssen wir gezielt Rahmenbedingungen schaffen, die ihre Lebensbedingungen auch berücksichtigen. Deshalb stärken wir mit diesem Antrag auch ausdrücklich noch mal die Zusammenarbeit der Nachfolgezentrale mit bereits bestehenden Frauenförderstrukturen, zum Beispiel mit der Gründerinnenzentrale oder der WeiberWirtschaft. Wir wollen, dass Beratungsangebote flexibler sind. Wir wollen Netzwerke, in denen sich Frauen austauschen und gegenseitig stärken können. Wir wollen Programme, die den Einstieg in so eine Unternehmensnachfolge auch dann ermöglichen, wenn Care-Verantwortung, Teilzeit oder eben andere Lebensrealitäten eine Rolle spielen, denn jede erfolgreiche Nachfolge ist eine Chance für Unternehmerinnen und Unternehmer, die ihr Lebenswerk natürlich in gute Hände übergeben möchten. Oder anders gesagt: Wenn wir mehr Frauen beim Matching unterstützen, bleiben eben auch mehr erfolgreiche Betriebe in Berlin erhalten. [Beifall bei der SPD] Dann kann Ihr Lieblingsladen im Kiez auch weiter bestehen, nur eben dann mit einer Geschäftsführerin. [Beifall bei der SPD – Vereinzelter Beifall bei der CDU]
