Marianne Burkert-Eulitz
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Eigentlich wollte ich ja anders anfangen, aber es ist ja klar, dass ich darauf noch mal reagieren muss. Also auf so ein paar Taschenspielerinnentricks fallen wir jetzt nicht so richtig rein. Wenn Sie heute da draußen gewesen sind, dann waren dort Jugendliche, Neuntklässlerinnen und Neuntklässler, die gesagt haben, dass der Wegfall dieses Angebots schlecht für ihr Leben und ihre Zukunft ist. Ich weiß nicht – Effizienz ist richtig, aber es ist ein absolut erfolgreiches Programm. 80 Prozent dieser Kids schaffen ihren Schulabschluss, und zwar in der 10. Klasse. [Beifall bei den GRÜNEN – Vereinzelter Beifall bei der LINKEN] Ich weiß nicht, wie viel Effizienz Sie noch haben wollen. Und Streichung ist Streichung, da brauchen Sie uns nichts vorzumachen. Von meinen Haushälterinnen und Haushältern habe ich gelernt, dass eigentlich genug Geld da wäre, um solche Sachen zu finanzieren. Und, Lernen besteht aus Wiederholung: 700 Plätze im Praxislernen zu streichen heißt, 700 besonders gefährdete Berliner Jugendliche im Regen stehen zu lassen. Das ist der Fakt! [Vereinzelter Beifall bei den GRÜNEN – Beifall von Damiano Valgolio (LINKE)] Das Praxislernen ist ein etabliertes Angebot. Auf das 11. Pflichtschuljahr zu verweisen, das sind vertane Jahre, eine Chronifizierung von Schuldistanz und Problemlagen, vertane Chancen, vertane Motivation, vertane Expertise und Qualität der Akteure – nicht mit uns! Ich erkläre Ihnen, was Sie hier gerade sehenden Auges kaputt machen. Praxislernen ist besonders geeignet für leistungsschwächere oder schuldistanzierte Jugendliche. Ein Teil des Lernens findet unter teilweiser Auflösung der Stundentafel und mit verstärktem Praxisanteil an bis zu drei Tagen an außerschulischen Lernorten statt, und zwar nicht erst in der 11. Klasse, sondern in der 9. und 10. Klasse. Die Kids werden nicht erst in der 10. Klasse mühsam, zwangsweise und demotiviert ins 11.Pflichtschuljahr gesteckt, wie es jetzt in Zukunft sein wird. Die Entscheidung der Senatorin ist schlicht falsch – nicht mit uns! [Beifall bei den GRÜNEN – Vereinzelter Beifall bei der LINKEN] All die Jugendlichen weisen einen hohen individuellen Unterstützungsbedarf auf und benötigen einen regelmäßigen Wechsel des Settings und didaktischer Methoden. Sie reden jetzt über Werkstätten, die an den Schulen eingerichtet sein sollen. Nein, sie brauchen andere Orte, nicht an der Schule, sondern anderswo. Die Jugendlichen sind häufig sozial isoliert. In den meisten Kontexten erhalten sie sonst immer negatives Feedback. Auf die Stärkung des Selbstwertgefühls und des Selbstwirksamkeitserlebens, die Entwicklung von Frustrationstoleranz, Kompromissbereitschaft und konfliktfreier Kommunikation sowie das Erleben gemeinsamer positiver Momente wird beim Praxislernen besonderer Wert gelegt. Die Jugendlichen erhalten neben der verkürzten Beschulung die Möglichkeit individueller Unterstützung beim Kennenlernen von Berufsfeldern und so weiter und so fort. Das habe ich mir gerade nicht ausgedacht, sondern das teilen die erfolgreichen Träger, die das Praxislernen durchführen, auf ihren Websites den Kindern und Jugendlichen mit, den Eltern, den Schulen, die darauf setzen; jahrelang geübte Praxis mit 80 Prozent Erfolgschance. Ich weiß nicht, wo Sie solche Erfolgsquoten für sozial benachteiligte Jugendliche sonst in unserem Bildungssystem haben. Das machen Sie sehenden Auges kaputt. Das Angebot ist absolut erfolgreich. All das streichen Sie, Frau Senatorin, für 700 besonders gefährdete Jugendliche weg. 560 verlorene Chancen, 560 verlorene Schulabschlüsse, die nicht erreicht werden. Das nimmt die Koalition billigend in Kauf. Wir tragen das jedenfalls nicht mit. – Vielen Dank! [Beifall bei den GRÜNEN und der LINKEN]
