parlament-berlin.de ↗

Franziska Brychcy

LINKE 06.11.2025 Sitzungen 19/74

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Koalition! So einen kenntnislosen Antrag wie diesen habe ich noch nicht vorgelegt bekommen. Ich frage mich wirklich, ob Sie uns veräppeln wollen. Das ist das freundliche Wort. Wenn Expertinnen und Experten der Berufsorientierung an Schulen, der Jugendberufsagentur oder bei den Wirtschafts- und Sozialpartnern diesen Antrag lesen, fragen sie sich, wer hier eigentlich regiert. Da gibt es wirklich nichts zu feiern. Erstens: Angebote der frühen Berufsorientierung wollen Sie in der 5. Klasse etablieren. Wissen Sie, welche Neuerung des Landeskonzepts Berufliche Orientierung im November 2023 in Ihrer Regierungszeit aufgenommen wurde? – Die Berufsorientierung an Grundschulen. Unter Rot-Grün-Rot haben wir das Projekt Berliner Schulpate der Handwerkskammer deutlich gestärkt. Wissen Sie, welches Projekt jetzt im Einzelplan 10 fehlt? – Der Schulpate, genauso wie das Projekt Haus der kleinen Forscher, das in Kindergarten und Grundschule MINT-Bildung und berufspraktische Kompetenzen vermittelt. Es passt nicht zusammen, frühe Berufsorientierung stärken zu wollen und erfolgreiche Projekte, die das umsetzen, zu streichen. Zweitens: Sie wollen Betriebserkundung und berufspraktische Erprobung in Klasse 7 und 8 etablieren. Wissen Sie, was im Landeskonzept steht? – Betriebserkundung und berufspraktische Erprobung in Klasse 7 und 8. Sie wollen verbindliche Praktika in Klasse 9 und 10 einführen. Wissen Sie, was im Landeskonzept steht? – Betriebspraktikum in Klasse 9, vertiefendes Betriebspraktikum in Klasse 10. Mir scheint, Sie haben das Landeskonzept nicht gelesen. Drittens, Ausbau des Wirtschaft-Arbeit-Technik-Unterrichts: Im Koalitionsvertrag bei Ihnen steht, dass Sie WAT auch an Gymnasien in Klasse 9 verpflichtend einführen. Das Ziel unterstützen wir, aber was Sie machen, ist eine Mogelpackung, denn WAT wird nicht ausgebaut. Berufsorientierender Unterricht an den Gymnasien, Herr Hopp und Frau Khalatbari, ist nicht WAT. Das hat die Senatorin im Bildungsausschuss während der Haushaltsberatung klargestellt. Es gibt an den Gymnasien weder Werkstätten noch WAT-Lehrkräfte. Wenn statt zwei WAT-Stunden pro Woche in Klasse 10 an ISS und Gemeinschaftsschulen nun in Klasse 9 eine WAT-Stunde und in Klasse 10 auch noch eine WAT-Stunde pro Woche unterrichtet wird, ist das kein Ausbau, das ist Stagnation. Einen Vorschlag, wie der enorme Lehrkräftemangel in dem Bereich behoben werden kann – wir haben einstellige Absolventenzahlen –, machen Sie nicht. Die Grünen und wir hatten in unserem Parlamentsantrag 2023 eine Ausbildungsoffensive für WAT- und OSZ-Lehrkräfte in Kooperation mit den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften angeregt sowie die Schaffung einer eigenen Laufbahn für die Lehrkräfte für Fachpraxis, damit sie auch verbeamtet werden können. Sie dagegen wollen jetzt bezirksscharf erheben, an welchen Schulen Werkstätten vorhanden sind. Lieber Herr Hopp, Herr Meyer und Frau Atli, dazu könnten Sie in Ihre eigene Schriftliche Anfrage hineinschauen, die Sie selbst gestellt haben. Dafür braucht es keinen Parlamentsantrag. Ich kann sie Ihnen gleich noch mal zur Verfügung stellen, wenn Sie keinen Überblick haben. [Zuruf von Marcel Hopp (SPD)] Viertens, mein Lieblingspunkt, kritische Evaluierung der bisherigen Angebote der Berufsorientierung: Wissen Sie, was mit den 150 000 Euro für eine Evaluation der Maßnahmen der Berufsorientierung im Einzelplan 10 passiert ist? – Diese hat die SPD-geführte Senatsverwaltung für Arbeit komplett gestrichen, genauso wie die aufsuchende Berufsberatung, die Ferienschulen, die Praxislernklassen im Einzelplan 10, die zu großen Teilen Berufsorientierung machen. Zentrale Angebote für junge Menschen, die es besonders schwer haben, in den Berufsweg zu finden, haben Sie ganz oder teilweise gestrichen, und dann bringen Sie diesen Antrag als Priorität ein, in dem Sie exakt das fordern, was Sie gerade im Haushalt wegkürzen oder was wegen Personalmangels und zu wenig Werkstätten gar nicht umgesetzt werden kann oder was schon seit Jahren Praxis ist, wie Partner Schule Wirtschaft. Stellen Sie sich mal vor, wenn jemand von den BO-Teams, von den Kammern, von der JBA Ihren Antrag liest, von den Regierungsfraktionen der Koalition, wo Sie Ihr eigenes Landeskonzept nicht kennen, während Sie genau diese Maßnahmen aus dem Haushalt herausstreichen. Ich finde das wirklich verantwortungslos. Das ist auch nicht ganzheitlich, Herr Hopp! Es ist wirklich verheerend, dass Sie diese Kürzung im Bereich der Berufsorientierung umsetzen und parallel hier so einen Antrag stellen. Das können wir Ihnen nicht durchgehen lassen. [Beifall bei der LINKEN – Vereinzelter Beifall bei den GRÜNEN]

Alle Reden von Franziska Brychcy Protokoll ↗