Christian Zander
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir kommen mal zu einem Problem im Gesundheitsbereich, das, sage ich mal, sehr konkret ist und auch nicht so ein Knäuel, das unlösbar erscheint, denn es gibt folgende Fragestellung: Wie würden Sie hier im Saal entscheiden, wenn Ihnen jemand sagt, dass es etwas gibt, das mit einer Wahrscheinlichkeit von um die 90 Prozent bei Ihnen verhindern kann, dass Sie an Krebs erkranken? Ich denke mal, alle von uns hier im Saal wären daran interessiert, mehr zu erfahren, worum es sich handelt und was es kostet. Wenn Sie dann als Antwort zu hören bekommen, Sie müssen lediglich zwei Impfdosen verabreicht bekommen, und dass es für Sie auch noch kostenlos ist, würden Sie sich sicherlich alle impfen lassen wollen, um diese Erkrankung zu vermeiden. Nun verhält es sich in der Realität so, dass mehr als die Hälfte diese Möglichkeit einer vorsorgenden Schutzimpfung gerade nicht nutzt, obwohl sie sehr effektiv ist. Im konkreten Fall handelt es sich um Krebserkrankungen, die durch eine HPV-Infektion ausgelöst werden können. Es gibt zwar keinen Impfstoff allgemein gegen bösartige Tumore, doch einen, der Schutz vor den häufigsten und aggressivsten der etwa 200 vorkommenden HPV-Virenstämme bietet. Etwa 85 bis 90 Prozent aller Menschen infizieren sich im Laufe ihres Lebens teilweise oder auch mehrfach mit HPV. Meist wird das Immunsystem damit fertig, oft genug aber auch nicht. Jährlich erkranken etwa 120 000 Menschen deutschlandweit an den zwar nicht lebensgefährlichen, aber dennoch unter Umständen sehr unangenehmen Genitalwarzen. Immerhin schätzungsweise 10 000 Menschen pro Jahr infizieren sich in Deutschland mit solchen HPV, die in die Zellen eindringen und sie so verändern, dass sie mit der Zeit bösartigen Krebs auslösen. Aber wie kommt es nun dazu, dass sich nur verhältnismäßig wenige Menschen impfen lassen? – Zum einen dürfte es daran liegen, dass der Name HPV für viele gar kein Begriff ist. Wenn man doch einmal nachfragt, worum es sich eigentlich handelt, bekommt man die Antwort: Es geht um Gebärmutterhalskrebs. – Diese Antwort dürfte die einfachste Erklärung dafür sein, dass deutlich weniger Jungs als Mädchen geimpft werden. Laut Daten aus dem letzten Jahr waren im Alter bis 14 Jahren in Berlin nur 60 Prozent der Mädchen und bei den Jungs sogar nur gut 25 Prozent vollständig geimpft. Aber es ist eine grundlegend falsche Annahme, dass es nur um den Gebärmutterhalskrebs geht. Etwa 30 Prozent derjenigen, die an einer durch HPV ausgelösten Krebserkrankung erkranken, sind männlich, denn neben dem Gebärmutterhals- und Scheidenkrebs bei Frauen kann es in seltenen Fällen auch zu einem Peniskrebs bei Männern führen, und von Analkrebs und Krebs im Mund- und Rachenraum sind sowohl Frauen als auch Männer betroffen. Insofern ist es schon aus medizinischen Gründen angeraten, sowohl Jungs als auch Mädchen impfen zu lassen, was auch seit einigen Jahren die Empfehlung der WHO und der Ständigen Impfkommission in Deutschland ist. Ein weiterer Grund für die Impfzurückhaltung könnte auch sein, dass einfach der richtige Zeitpunkt verpasst wird, weil es sich hier um eine zu ungefähr 98 Prozent durch sexuelle beziehungsweise intime Kontakte übertragbare Krankheit handelt. Da mag es für Eltern vielleicht nicht auf der Hand liegen, dass sie für ihre Kinder, die dann im Alter von 9 bis 14 Jahren geimpft werden sollten, relevant ist. Aber dieses junge Alter hat nicht nur damit zu tun, dass später die sexuellen Aktivitäten beginnen, sondern vor allem damit, dass das Immunsystem in diesem Alter sehr viel besser auf den Impfstoff reagiert und ein deutlich höherer Schutz erreicht werden kann, als wenn man einige wenige Jahre wartet. Im Prinzip handelt es sich hier um fehlendes Wissen und Fehlannahmen und nicht um eine Verweigerungshaltung, weswegen wir eine so niedrige Impfquote haben. Damit sind wir beim Thema, um das es gestern bei der Landesgesundheitskonferenz ging: Wie stärken wir die Gesundheitskompetenz? Wie erreichen wir, dass mehr Menschen präventiv tätig werden und damit Erkrankungen vermeiden? – Es muss also deutlich intensiver als bisher daran gearbeitet werden, Familien rechtzeitig und so umfassend wie möglich über HPV-Infektionen und deren Folgen und die dagegen bestehenden Möglichkeiten zu informieren, Kinder und Jugendliche kostenlos impfen zu lassen. Hierzu haben wir in unserem Antrag einige Vorschläge gemacht, an die man anknüpfen kann. Es fehlt nämlich derzeit an einem engmaschigen, standardisierten Verfahren, und es hängt noch zu sehr davon ab, bei welcher Kasse oder in welcher Kinderarztpraxis man ist. Ich hatte mit einer Kinderärztin gesprochen, die im vergangenen Jahr eine Praxis übernommen hatte. Sie selbst legt sehr viel Wert auf einen vollständigen Impfstatus und hat sofort ein Erinnerungs- und Einladungssystem eingerichtet. Es ist zwar sehr aufwendig, aber die Beratung und das System haben dazu geführt, dass sich die Impfquote bei ihren Patientinnen und Patienten deutlich gesteigert hat. Wir müssen das Rad nicht neu erfinden. Es gibt viele Beispiele aus anderen Ländern, aber auch aus Regionen in Deutschland, die zeigen, dass ein systematisches Vorgehen signifikante Verbesserungen beim Impfstatus fördern. Dort, wo die Impfquote gestiegen ist, gibt es auch einen deutlichen Rückgang der Neuerkrankungen. Ich werbe um Zustimmung zu diesem Antrag. Ich werbe für die Einführung eines einheitlichen, systematischen Vorgehens, und ich werbe damit auch bei denjenigen für eine Impfung, die der Debatte folgen, sodass der Antrag und die heutige Debatte im Ergebnis hoffentlich dazu beitragen werden, dass durch eine steigende Quote Tausende Krebserkrankungen vermieden werden können. – Herzlichen Dank! [Beifall bei der CDU – Vereinzelter Beifall bei der SPD]
