Franziska Brychcy
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wenn ein Kind in Deutschland geboren wird, ist sein Bildungsweg schon vorgezeichnet. Ob es eine Kita besuchen, einen Schulabschluss erreichen, den Weg in den Beruf finden wird, die aktuelle OECD-Studie, die Sie vielleicht gelesen haben, belegt, dass der Bildungsabschluss und das Einkommen der Eltern weiterhin über die Zukunft eines Kindes entscheiden. Es gibt nur wenige Länder, in denen es noch weniger Chancengerechtigkeit für junge Menschen gibt als in Deutschland. Die Selektion der Schülerinnen und Schüler in verschiedene Schularten zementiert die sozialen Unterschiede, ohne dass es zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit käme. Damit ist dies das größte Hindernis für den Bildungsaufstieg. Es gibt eine Lösung. Die mittlerweile 28 Berliner Gemeinschaftsschulen sind bundesweit ein Erfolgsmodell. Es ist auch kein Zufall, dass mit der Friedenauer Gemeinschaftsschule und der Wilhelm-von-Humboldt Gemeinschaftsschule gleich zwei Gemeinschaftsschulen mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurden. [Beifall bei der LINKEN] Ihnen gelingt es, wissenschaftlich nachgewiesen, am besten, die Bildungschancen von Schülern und Schülerinnen von der sozialen Herkunft zu entkoppeln. Sie machen Bildungsaufstieg möglich. Sie arbeiten inklusiv. Hier lernen 8,1 Prozent Schüler und Schülerinnen mit Förderbedarf, während es an Gymnasien in Berlin lediglich 0,9 Prozent der Schüler und Schülerinnen sind. [Carsten Ubbelohde (AfD): Sind ja auch Gymnasien!] Die Stärke der Gemeinschaftsschulen ist es, dass die individuelle Förderung im Mittelpunkt steht statt unnötiger Notendruck. Wenn ein Fehler im Diktat eine ganze Note schlechter bedeutet, egal ob ein Kind 30, 15 oder 6 Fehler macht, unten drunter steht immer die Note 6, wie hoch ist dann die Motivation zu lernen? Gemeinschaftsschulen schaffen es, den Lernfortschritt ohne Ziffernoten zu fördern. In Klassenräten und mit anderen Formen von demokratischer Schulkultur haben Schüler und Schülerinnen eine Stimme. Sie werden ernst genommen, sie dürfen sich einbringen. An Gemeinschaftsschulen haben Familien die Sicherheit, dass ihr Kind von Klasse 1 bis zum Schulabschluss, bis zum BBR, MSA oder Abitur dort lernen darf. Kein Kind wird aussortiert. [Beifall bei der LINKEN – Thorsten Weiß (AfD): Kein Wunder, dass hier nichts mehr vorangeht!] Der Übergang nach Klasse 6 entfällt, der mit erheblichem Stress verbunden ist. Wir haben es gerade zu Beginn des Schuljahres erlebt, und das honorieren auch die Eltern. [Thorsten Weiß (AfD): Leistung sollte gar nicht mehr benotet werden!] Die meisten Gemeinschaftsschulen in Berlin sind deutlich übernachgefragt. Im Schuljahr 2022/2023 kamen 950 Bewerbungen auf nur 550 Plätze an den Gemeinschaftsschulen. Trotz der enormen Nachfrage kommt der Ausbau der Gemeinschaftsschulen seit Jahren nicht voran. Wir legen Ihnen deswegen heute mit unserem Antrag ein Förderkonzept vor. Wir wollen durch Neubau, Fusion und Umwandlung die Anzahl der Gemeinschaftsschulen bis 2031 verdoppeln. [Beifall bei der LINKEN]
