Thorsten Weiß
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Niemand würde ein Auto kaufen, ohne vorher eine Probefahrt zu machen. Niemand würde ein Hochzeitskleid oder ein Musikinstrument kaufen, ohne es vorher an- beziehungsweise auszuprobieren. [Zuruf von Dr. Klaus Lederer (LINKE) – Lachen von Kristian Ronneburg (LINKE)] Dennoch findet jedes Jahr ein ähnliches Szenario in unseren Bildungseinrichtungen statt: Zahlreiche junge Menschen schließen ihre schulische Laufbahn ab und treten in ein Studium oder eine Lehre ein, und das oft, ohne vorher eine umfassende, auf sie zugeschnittene berufliche und studienbezogene Beratung erhalten zu haben. Die Abbrecherquote von etwa 35 Prozent in Bachelorstudiengängen und die Tausenden nicht besetzten Lehrstellen verdeutlichen: Es besteht dringender Handlungsbedarf. [Beifall bei der AfD] Mit Blick auf die Antragsteller stelle ich mir aber schon die Frage, warum sie diesen Handlungsbedarf in den sieben Jahren, in denen sie regiert haben, nicht erkannt haben und die Forderungen ihres Antrags nicht bereits umgesetzt haben. Die Anhörungen im Ausschuss haben gezeigt, dass das Wissen unserer Schüler über die Bandbreite von Berufsbildung und Ausbildungswegen sehr begrenzt ist. Es gibt zwar lobenswerte Initiativen wie zum Beispiel die BSO-Teams; es ist aber klar, dass es an Verbindlichkeit und Konsistenz in der Umsetzung des Landeskonzepts Berufs- und Studienorientierung fehlt. Unser Fokus muss deshalb nicht auf einer Neuinterpretation der Berufsorientierung liegen, wie im Antrag gefordert; wir sollten vielmehr die bereits bestehenden, soliden Ansätze nutzen und sie strukturierter umsetzen. Ein zentraler Punkt ist dabei die Praxisnähe. Unsere Jugendlichen müssen Einblick in reale Betriebe erhalten, um eine fundierte Entscheidung über ihre berufliche Zukunft treffen zu können. Dabei sind die ersten Schritte die frühzeitige Durchführung des Kompetenzfeststellungsverfahrens und die Stärkung der Talente-Checks. Die Jugendberufsagentur sollte als optionale Begleitung bis zur Unterzeichnung eines Ausbildungs- oder Studienvertrags zur Verfügung stehen. Leider bildet der aktuelle Rahmenlehrplan – insbesondere im Fach Wirtschaft, Arbeit und Technik – die Berufsorientierung derzeit nur unzureichend ab. Dabei müssen wir sicherstellen, dass die vermittelten Inhalte relevant sind und die Schüler einen realistischen Einblick in die Arbeitswelt bekommen, ohne dass dabei der Unterricht an den Gymnasien verwässert wird. [Beifall von Rolf Wiedenhaupt (AfD)] Wirtschaftliche und berufliche Bildung ist essenziell, doch sie muss auf eine Weise implementiert werden, die das Niveau unserer schulischen Bildung erhält. Die Einbindung der Familie in diesen Prozess, etwa durch Informationsveranstaltungen, Beratungsangebote und Betriebsbesuche, ist ebenso bedeutend. [Dr. Klaus Lederer (LINKE): Wer hat das denn aufgeschrieben?] Wir erkennen den erheblichen Einfluss an, den Eltern auf die Berufswahl ihrer Kinder haben. Dabei sollte ihre Einbindung nicht lediglich als Versuch betrachtet werden, sondern als essenzieller Bestandteil der Berufsorientierung. [Beifall bei der AfD] Die Zeit, in der wir unsere Jugend ohne Probefahrt in ihre berufliche Zukunft schicken, muss ein Ende haben. Wenn wir verhindern wollen, dass junge Menschen auf dem Weg in ihr Berufsleben straucheln oder sich verirren, müssen wir sie mit einer soliden und beachtenswerten Orientierung ausstatten. – Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit! [Beifall bei der AfD]
