Franziska Brychcy
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Koalition! Wenn wir es mit der Gleichwertigkeit von akademischer Bildung und beruflicher Bildung wirklich ernst meinen, muss der Übergang von der allgemeinbildenden Schule in den Beruf stärker in den Fokus genommen werden. Wir haben erlebt, dass die Berufsorientierung während der Coronapandemie teilweise vollständig hinten runtergefallen ist mit verheerenden Folgen für die jungen Menschen, aber auch die Orientierung auf ihrem weiteren Bildungsweg. Weil wir immer so viel über Schulabschlüsse sprechen, die ohne Zweifel wichtig sind: Nicht nur der Bildungsabschluss ist zentral wichtig, sondern auch der Anschluss und sich zu fragen: Welche Stärken habe ich? Welche Berufsbilder passen dazu? Welche Tätigkeiten machen mir Freude, und wie komme ich an einen passenden Ausbildungsplatz? – Die anstehende Überarbeitung des Landeskonzeptes Berufsorientierung bildet wirklich die Chance, für eine flächendeckende Umsetzung der Berufsorientierung von der Grundschule bis zur Weiterbildung zu sorgen. Dazu legen wir, die Fraktionen der Grünen und der Linken, Ihnen heute einen Antrag vor. Wir wissen, wie es gut funktioniert, denn wir haben zum Beispiel das Siegel für exzellente berufliche Orientierung, das kürzlich erst wieder an Schulen verliehen wurde, und wir haben schon unter Rot-Grün-Rot als Koalition Berufsorientierung auch an den Grundschulen etabliert, um sehr früh Berufsbilder kennenzulernen. Und da ist es sehr gut, dass Schwarz-Rot sich entschieden hat, das erfolgreiche Projekt „Schulpaten“ der Handwerkskammer im Einzelplan 11 in letzter Minute wieder einzustellen. Wie die SPD-geführte Arbeitsverwaltung darauf kommt, ausgerechnet da zu kürzen, ist mir ehrlich gesagt unverständlich. Und weil der Koalition ja immer die Schulqualität so am Herzen liegt: Wie wäre es, wenn wir in das Indikatorenmodell und die Schulverträge ein neues Qualitätskriterium für den erfolgreichen Übergang in Ausbildung einführen würden, [Zuruf von Dr. Maja Lasić (SPD)] sodass die Schulen in Sek I und II auch mitverantwortlich sind für eine gute Berufsorientierung, auch als Anreiz für die flächendeckende Umsetzung des Landeskonzepts Berufsorientierung? Ich will noch mal ganz deutlich machen, auch in Abgrenzung zu Ihnen, Frau Khalatbari: Das Abitur ist nicht das Maß aller Dinge. [Zuruf von Sandra Khalatbari (CDU)] Es ärgert mich wirklich, wenn in der Zeitung alle Abiturientinnen als Wertschätzung abgedruckt werden, aber nicht die Absolventinnen der Mittleren Reife. Wo ist da die Wertschätzung für die jungen Menschen, die den Mittleren Abschluss machen? [Beifall bei der LINKEN und den GRÜNEN] Es muss nicht jeder Abitur machen. Wir haben einen massiven Fachkräftemangel in den Handwerks- und IHK-Berufen und schlagen deswegen vor, an den Gymnasien in den BSO-Teams jeweils auch mit einer Lehrkraft für die beruflichen Schulen zu verstärken. Sie haben es ja selber auch eingestellt, Sie haben über den Jugendgewaltgipfel selber mehr Stellen für die Lehrkräfte, für berufliche Schulen eingestellt. Von daher können Sie unserem Antrag auch einfach zustimmen. Auch die aufsuchende Beratung, Elternarbeit der Jugendberufsagentur, der WAT-Unterricht – das eint uns. Das sind gemeinsame Ziele. Von daher freuen wir uns da auch auf Ihre Unterstützung für diese guten Ziele, dass wir das jetzt gemeinsam angehen. Noch ein Wort zur Ausbildungsoffensive für WAT- und OSZ-Lehrkräfte: Sie wissen, wie prekär die Situation ist, dass da wirklich am wenigsten Lehrkräfte ausgebildet werden. Und Sie haben es ja selber im Koalitionsvertrag von uns übernommen, dass wir da mit den Hochschulen für angewandte Wissenschaften in ein Kooperationsmodell gehen, um da auch mehr OSZ- und WAT-Lehrkräfte auszubilden. Das heißt, Sie müssten da gar nicht irritiert sein, Sie haben es ja im eigenen Koalitionsvertrag auch stehen. Und ich frage mich natürlich, wann wir was für die Lehrkräfte für Fachpraxis machen. Wir haben vorgeschlagen, eine eigene Laufbahn einzurichten, damit die Kolleginnen auch verbeamtet werden können oder die Kompensation erhalten. Wann kommt das endlich, Frau Günther-Wünsch? – Da würden wir gerne mal eine Aussage haben, dass man da auch Laufbahnen schafft. Unsere Oberstufenzentren sind einmalig. Sie bieten so viele unterschiedliche Bildungswege an, von der integrierten Berufsausbildungsvorbereitung bis zum Beruflichen Gymnasium. Wir wollen jährlich einen Tag der Berufsorientierung als zentralen Tag der offenen Tür etablieren und nicht nur alle zehn Jahre einmal zum runden Jubiläum, damit man sich besser informieren kann über die guten Angebote. Für den Übergang in die duale Ausbildung brauchen wir natürlich die Betriebe. Da vermissen wir die Qualitätsoffensive für die betrieblichen Praktika; Frau Kiziltepe ist leider nicht hier, sonst hätte ich gefragt, wann das kommt. Und es ist natürlich völlig klar, dass auch die beste Berufsorientierung nur Erfolg hat, wenn wir genug betriebliche Ausbildungsplätze haben, und dass wir hier in Berlin die schlechtesten Chancen für die jungen Menschen haben, an eine Ausbildung zu kommen. Wir sagen hier ganz klar: Es braucht die Ausbildungsplatzumlage als solidarische Finanzierung und zur Schaffung von mehr Ausbildungsplätzen. Beim Bündnis für Ausbildung haben wir sehr wenig Vertrauen, dass da auch nur ein einziger zusätzlicher Ausbildungsplatz entstehen wird. [Vereinzelter Beifall bei der LINKEN] Von daher: Wir brauchen gute Bildungschancen, genug Ausbildungsplätze für alle jungen Menschen in Berlin, und wirklich: Die Berufsorientierung ist eine zentrale Stellschraube. Unser Antrag ist ein Vorschlag dazu, und wir freuen uns über Ihre Zustimmung. – Danke! [Beifall bei der LINKEN – Vereinzelter Beifall bei den GRÜNEN]
