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Katina Schubert

LINKE 29.06.2023 Sitzungen 19/33

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Athletinnen und Athleten! Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer! Die Special Olympics waren toll. Sie waren ein tolles Erlebnis für alle, die dabei waren als Athletinnen und Athleten, als Zuschauerinnen und Zuschauer, als Volunteers, als Fans. Wir sollten sie zum Anlass nehmen, in den zuständigen Ausschüssen über den Stand von Inklusion im Sport, zur Funktion von Sport für gesellschaftliche Inklusion zu diskutieren und Vereinbarungen über weitere notwendige Schritte zu treffen. [Beifall bei der LINKEN – Vereinzelter Beifall bei den GRÜNEN] Dass wir jetzt in der Aktuellen Stunde die Special Olympics abfeiern, ist jedoch seltsam, denn es geht der Koalition mit dieser Aktuellen Stunde doch gar nicht um eine Auswertung, um weitere Handlungsnotwendigkeiten, um eine politische Einordnung. Es geht ihr darum, sich selbst abzufeiern. Dabei ist es ihr Verdienst, ehrlich gesagt, am wenigsten. Und es geht ihr darum, sich vor unangenehmen Themen zu drücken. Gestern hat die Experteninnen- und Expertenkommission ihren Bericht zu den Möglichkeiten zur Vergesellschaftung großer profitorientierter Immobilienkonzerne vorgelegt. [Zurufe von der CDU: Ooh!] Die Koalition hat nicht den Mumm, über die Schlussfolgerungen, den Weg zur Umsetzung des Volksentscheids „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ zu diskutieren. [Beifall bei der LINKEN – Zuruf von der LINKEN: Feiglinge!] Seit zwei Wochen übt sich die kleine GroKo in verkehrspolitischem Rollback in die Fünfzigerjahre. Sie hat nicht den Mut, sich hier darüber auseinanderzusetzen. Das ist schon ein bisschen zum Fremdschämen. [Beifall bei der LINKEN und den GRÜNEN] Doch zurück zu den Special Olympics: Es waren neun tolle Tage. Ich habe mir auch einiges angesehen. Ich habe erlebt, wie sich das Stadtbild verändert hat, wie herzlich viele der Athletinnen und Athleten, der Betreuerinnen und Betreuer, der Volunteers behandelt wurden in der S-Bahn, auf der Straße. Anfeindungen habe ich nicht erlebt. Das heißt aber nicht, dass es sie nicht gegeben hat. Das weiß ich einfach nicht. Die Special Olympics waren eine Werbung für den inklusiven Sport, den gemeinsamen Sport von Menschen mit und ohne Behinderung. Sie haben gezeigt, dass Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen zu großartigen Leistungen fähig sind, sportlicher Natur und vor allem auch menschlicher Natur. Die Bilder von Esmeralda Encarnacion Despiau und Sara Ghandoura gingen um die Welt. Ich kann es nachvollziehen. Als ich früher mal Leistungsschwimmen gemacht habe, habe ich auch manchmal vergessen, die Bahnen zu zählen. Ich kann total nachvollziehen, dass so etwas passiert. Ich fand es großartig. Ich will mich ganz herzlich bedanken bei allen, die das organisiert haben, die das alles mitgemacht haben, und auch bei den Organisatorinnen und Organisatoren. Es sind zwei ehemalige Mitglieder unseres Abgeordnetenhauses an führender Stelle – sie wurden schon begrüßt –, Karin Halsch und Philipp Bertram. – Vielen Dank! [Beifall bei der LINKEN, der SPD und den GRÜNEN] Sicher, mehr sportliche Events über die ganze Stadt verteilt wären noch schöner gewesen. Die ganze Stadt noch mehr einzubeziehen, wäre auch fein. Das könnte zu den Fragen gehören, die wir in den zuständigen Ausschüssen vertiefen sollten. Die Special Olympics wurden in den Sechzigerjahren – wir haben es schon gehört – in den USA ins Leben gerufen. Seit 20 Jahren finden Sie auch außerhalb der USA statt, dieses Jahr das erste Mal in Deutschland. Die öffentliche Aufmerksamkeit war groß. Liveübertragungen waren ein Novum für den Sport von Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen. Und das ist gut. Jetzt müssen wir das Momentum nutzen, um den inklusiven Breitensport hier in Berlin voranzutreiben. Er kann eine Brücke sein, um Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen zusammenzuführen, die UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen. Sie gilt seit 15 Jahren und verpflichtet die Mitgliedstaaten, Barrieren abzubauen, damit Menschen mit Handicaps gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Es geht nicht um Sonderrechte, sondern um Hindernisabbau. Dafür haben wir noch einen weiten Weg zu gehen. Das wurde hier auch schon gesagt. Deswegen ist es schlau, jetzt die Special Olympics 2023 als Katalysator zu nutzen. Noch immer gibt es Berührungsängste zu Menschen gerade mit geistiger Beeinträchtigung. Noch immer gibt es viel zu wenige inklusive Sportanlagen. Noch immer scheitern zu viele Sportbegeisterte an fehlenden Transportmöglichkeiten zu den Sportstätten, weil Begleit- und Assistenzdienste zu wenig verfügbar sind. Sport ist, richtig dosiert, gesund für Menschen mit und ohne Behinderung. Doch nur rund ein Drittel der Menschen mit Behinderungen und noch weniger Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen treiben regelmäßig Sport, dagegen fast die Hälfte der Menschen ohne Beeinträchtigungen. Diese Lücke müssen wir schließen durch inklusive Angebote und gezielte Förderung des Breitensports der Vereine und Initiativen, die gemeinsam Sport treiben und bewusst inklusiv gestalten. Inklusiv gestalten heißt, dass die Sportanlagen für mobilitätseingeschränkte Menschen genauso nutzbar sind wie für -uneingeschränkte, dass die Angebote Menschen mit geistiger Behinderung in leichter Sprache unterbreitet werden, um Ausgrenzungen von vornherein zu minimieren. Die öffentlich-rechtlichen Medien haben über die Special Olympics in leichter Sprache informiert. Das ist toll. Warum gibt es diese Angebote nicht auch regelmäßig über Politik, über Gesellschaft, über Umwelt? Inklusiv gestalten heißt, dass Leistungssport nicht mehr nur als höher, schneller, weiter begriffen wird. Das Motto der Special Olympics hat mich beeindruckt. Ich darf zitieren mit Genehmigung der Präsidentin: Ich will gewinnen, doch wenn ich nicht gewinnen kann, so will ich mutig mein Bestes geben. Das Land Berlin hat die Special Olympics finanziell sehr gut unterstützt. Es fördert die Special Olympics Berlin und scheint es auch weiter tun zu wollen. Das ist eine der wenigen guten Nachrichten, die bisher aus den Haushaltsberatungen durchgesickert sind. Die Special Olympics sind nicht nur Weltfestspiele, alle zwei Jahre im Wechsel Winter- und Sommerspiele. Sie sind ein dauerhaftes Angebot inklusiven Sports von Menschen mit und ohne Behinderung. Es gibt regionale Wettbewerbe, landesweite Wettbewerbe. Zu den Weltspielen zu kommen, ist ein Weg, der nicht geprägt ist von Leistungsdruck, Dopingdruck, Kommerz, sondern von persönlicher Entwicklung, von Erfolgen, auch natürlich von Misserfolgen. In den Unified-Teams kann jede und jeder mitmachen. Es ist ein toller Ansatz. Es ist gut, dass er weiterläuft. Auch über die Gesundheitsberatungen wurde hier schon gesprochen, die kostenlosen Untersuchungen. Das ist wirklich eine hervorragende Sache. Ziel muss sein, dass alle Sportvereine inklusive Angebote machen können in der ganzen Stadt, dass auch Menschen mit geistiger Beeinträchtigung zu Übungsleiterinnen und -leitern ausgebildet werden, dass sie in den Vereinsvorständen mitwirken, dass inklusiver Sport zur Selbstverständlichkeit wird. Natürlich ist es eine Vision, dass auch die großen Sportfeste eines Tages inklusiv ablaufen, dass es Leichtathletikweltmeisterschaften gibt, bei denen Sportlerinnen und Sportler mit und ohne Beeinträchtigungen zusammenkommen, sicher in unterschiedlichen Leistungsklassen, aber gemeinsam. Es ist eine Vision, dass wir wegkommen von der Unterscheidung von „richtigem“ Sport für Hochleistungsathletinnen und -athleten ohne Behinderungen und den Sonderveranstaltungen für Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen. Da bis dahin noch ein weiter Weg ist, sind Special Olympics, auch ähnlich wie die Paralympics, wichtige Meilensteine, um Menschen mit Behinderungen sichtbar zu machen, den Abbau von Barrieren und Diskriminierung zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe und damit von uns allen zu erheben, Inklusion zu leben und damit Vielfalt und Unterschiede als Chance zu wertschätzen. [Beifall bei der LINKEN und den GRÜNEN] Eines sind die Special Olympics aber ganz sicher nicht: eine Blaupause für Olympische Spiele in Berlin, denn die Special Olympics sind eben kein profitgetriebenes Kommerzspektakel, bei dem der Sport nur noch Beiwerk ist. Sie sind kein Katalysator für Gigantomanie, Gentrifizierung und Zerstörung ganzer Stadträume, wie wir sie in London oder Barcelona besichtigen können. [Vereinzelter Beifall bei der LINKEN und den GRÜNEN] Schon gar nicht wird Olympia 1936 100 Jahre später relativiert. Diese Nazi-Barbarei muss unvergessen bleiben. Wir können uns vorstellen, was hier 2036 los wäre, wenn hier Olympische Spiele wären. Das wäre ein Stelldichein aller Nazis aus der gesamten Bundesrepublik, vermutlich aus ganz Europa. [Zurufe von der CDU: Ooh! – Stefan Häntsch (CDU): Quatsch!] Das sollten wir einfach sein lassen. [Beifall bei der LINKEN und den GRÜNEN] Die Special Olympics haben auf den Strukturen aufgesetzt, die da sind. Sie haben die vorhandenen Sportanlagen genutzt und sind hoffentlich Katalysator für den barrierefreien Ausbau der vorhandenen und neu zu schaffenden Anlagen. Die Delegationen haben sich, das wurde auch schon gesagt, in über 200 Gemeinden in ganz Deutschland vorbereitet, was irgendwie das halbe Land einbezogen hat. Das war eine tolle Sache, ein tolles Gemeinschaftswerk, bei dem Sport, Gesundheit und vor allem Freude und Solidarität im Mittelpunkt standen. Lassen Sie uns den Schwung nutzen, Inklusion im Land Berlin voranzutreiben. „Zusammen unschlagbar“, das Motto der Special Olympics, könnte auch ein Motto für die weitere inklusive Sportpolitik und die sportorientierte Inklusionspolitik in Berlin sein. – Vielen Dank, das war es! [Beifall bei der LINKEN und den GRÜNEN]

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