Dr. Maren Jasper-Winter
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Ich hoffe, Sie konnten ein paar angenehme und besinnliche Weihnachtsfeiertage im Kreise Ihrer Lieben verbringen und sind gut ins neue Jahr gekommen. Viele von uns verbinden mit Weihnachten eine Zeit der Familie. Es ist auch eine Zeit, in der viele Menschen an diejenigen denken, die nicht dabei sind. Kaum gesprochen wird über diejenigen, die gehofft haben, mit einem Kind Weihnachten zu feiern, dies aber durch eine Fehl- oder Totgeburt verloren haben. Es ist Zeit, dass wir diesen Eltern eine Stimme geben, dass wir dieses Thema aus dem Tabu holen und endlich für Verständnis und Unterstützung sorgen. Es ist Zeit, meine Damen und Herren! [Beifall bei der FDP – Vereinzelter Beifall bei der SPD, den Grünen, der CDU und der Linken] Ihnen liegt hier ein Antrag vor, der recht nüchtern sechs Maßnahmen beschreibt, wie wir Betroffene in Berlin unterstützen können, eine Drucksache im Berliner Abgeordnetenhaus, ein Tagesordnungspunkt heute Abend. Doch dieser Antrag ist viel mehr. Das erste Mal befasst sich heute überhaupt ein Parlament in Deutschland mit diesem Thema. Allein dass wir heute darüber sprechen, gibt Betroffenen von Fehl- und Totgeburten das Gefühl, anerkannt zu werden, gibt Zuversicht, denn die betroffenen Frauen, wir, sind nicht allein. Es ist davon auszugehen, dass jede dritte Frau in Deutschland, die schwanger wird, eine Fehlgeburt erlitten hat. Bei den tot geborenen Kindern – formal sind das ja die, die in einem späten Stadium der Schwangerschaft ab der 24. Schwangerschaftswoche sterben – ist es jedes 230. Kind in Deutschland. Laut einem Berliner Gynäkologen ist davon auszugehen, dass etwa 50 Prozent aller Schwangerschaften nicht glücklich enden. Dieser Schmerz sitzt oft sehr tief und hält jahrelang an, vielleicht sogar das ganze Leben. Mich haben Gespräche mit Frauen betroffen gemacht, die erst nach vielen Jahren, zum Teil Jahrzehnten, das erste Mal über ihr verlorenes Kind sprechen konnten. Zu dieser Traumatisierung kommt oft ein Unverständnis, vor allem bei frühen Fehlgeburten, durch das Umfeld hinzu. Nach dem Motto: Na ja, vielleicht klappt es beim nächsten Mal. Das hat die Natur so geregelt. Wer weiß, wozu es gut ist. – Oft entwickeln betroffene Familien, vor allem die Frauen, starke Schuldgefühle und versuchen, diese extrem belastende Situation schweigend zu überstehen. Damit sollte doch eigentlich niemand alleine sein müssen. [Beifall bei der FDP – Vereinzelter Beifall bei der SPD, den Grünen, der CDU und der Linken] In den vergangenen Jahren haben prominente Frauen öffentlich über ihre Fehlgeburt oder ihr tot geborenes Baby gesprochen. Das hat geholfen. Jetzt ist es an der Zeit, darüber zu sprechen, wie genau, mit welchen konkreten Maßnahmen, die Menschen besser unterstützt werden können. Lassen Sie uns zum Beispiel Eltern durch ein Leitsystem, ein gutes Beratungsangebot, unterstützen, denn oft ist es Zufall, ob Frauen im Krankenhaus oder in der gynäkologischen Praxis eine geschulte Person treffen, die Eltern auffängt und informiert, bevor sie ins Nichts fallen. Lassen Sie uns die Erforschung der Ursachen endlich voranbringen, durch ein Totgeburtenregister beispielsweise, in dem Umstände und Ursachen erfasst und beforscht werden. Großbritannien ist hier beispielsweise ein Vorbild. Auf der Bundesebene brauchen wir einen Ausbau von Mutterschutz-, aber auch Partnerschutzzeiten für Betroffene. Es kann einfach nicht sein, dass Frauen nach einer Fehlgeburt beziehungsweise Totgeburt bis zur 24. Schwangerschaftswoche am nächsten Tag verpflichtet sind, zur Arbeit zu erscheinen, als sei nichts passiert. Das ist nicht zumutbar! [Beifall bei der FDP – Vereinzelter Beifall bei der SPD, den Grünen, der CDU und der Linken] Natürlich wäre es auch schön, wenn es auf Friedhöfen mehr Orte gäbe für diejenigen, die ihr Kind nicht beerdigen konnten. Abschließend: Ich würde mir wünschen, dass wir mehr Sichtbarkeit für betroffene Mütter und Väter schaffen und gemeinsam, überfraktionell daran mitwirken, ihre Situation zu verbessern. Das Schweigen muss aufhören, und die Diskussion um Verbesserungen beginnen. Es ist Zeit. Dies hier kann der Anfang einer Debatte sein. – Vielen Dank! [Beifall bei der FDP – Vereinzelter Beifall bei der SPD, den Grünen, der CDU und der Linken]
