Taylan Kurt
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Berlinerinnen und Berliner! Die Tage werden kürzer, das Wetter wird immer kälter, und der Winter macht sich immer mehr bemerkbar in unserer Stadt. Auch wenn die Zeiten aufgrund der steigenden Preise gerade hart sind für viele Berlinerinnen und Berliner: Vergessen wir niemals, dass es Menschen in der Stadt gibt, für die das Leben noch herausfordernder ist, weil sie auf der Straße leben. Auch sie brauchen gerade jetzt unsere Solidarität, [Beifall bei den GRÜNEN – Vereinzelter Beifall bei der SPD – Beifall von Sandra Brunner (LINKE)] weil sie keine eigene Wohnung haben, in die sie heute Abend gehen können, weil für sie „Stay at Home“ nicht möglich ist, um sich vor Corona zu schützen, und weil für sie das Leben nicht in halbwegs geordneten Bahnen verläuft, sondern sie aus dieser Bahn herausgeworfen wurden. Damit dürfen wir uns niemals abfinden, und deshalb müssen wir alles dafür tun, um Wohnungs- und Obdachlosigkeit bis zum Jahre 2030 zu überwinden. Gestern habe ich bei der Stadtmission am Hauptbahnhof ausgeholfen. Ich habe mit angepackt, Sandwiches geschmiert, Eintopf ausgeschenkt und mit den vielen Ehrenamtlichen gesprochen, um auch von ihnen zu hören: Was müssen wir tun, um die Situation für Menschen, die wohnungs- und obdachlos sind, zu verbessern? – Eine Aussage kam dabei immer wieder vor: Der Zustand der Menschen verschlechtert sich dramatisch. Psychosen, aber auch Krisen sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass Menschen immer häufiger auf der Straße landen und dort auch bleiben. Das dürfen wir nicht hinnehmen. Wir müssen diesen wohnungs- und obdachlosen Menschen helfen, ihnen in Krisen besseren Schutz bieten, bessere Hilfe für sie organisieren und auch eine Brücke bauen in eine eigene Wohnung, um das Leben wieder in geordneten Bahnen leben zu können. Maßgeblich dafür sind die Kriseneinrichtungen in der Wohnungslosenhilfe in dieser Stadt. An dieser Stelle will ich mich ausdrücklich bei allen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern aus den Kriseneinrichtungen bedanken, die seit Jahren unter erschwerten Bedingungen alles dafür geben, wohnungslosen Menschen in Krisen bestmöglich zu helfen. – Danke! [Beifall bei den GRÜNEN – Vereinzelter Beifall bei der SPD und der LINKEN] Aber Dank allein hilft den Kriseneinrichtungen nicht, wir haben es gerade gehört. Schauen wir uns die Situation genau an: Vor Jahren hatten wir sechs Kriseneinrichtungen, heute nur noch zwei. Warum? – Weil wir einerseits ein Finanzierungssystem in der Wohnungslosenhilfe haben, das Kriseneinrichtungen benachteiligt, und andererseits die jahrelangen Hilferufe nicht ausreichend Gehör gefunden haben. Im Frühjahr musste die einzige Kriseneinrichtung für wohnungslose Frauen in Berlin schließen. Das ist eine sozialpolitische Katastrophe, denn Frauen verdienen immer und überall besonders unseren Schutz, gerade auf der Straße. Als Frau obdachlos zu sein, bedeutet, immer sexualisierter Gewalt ausgesetzt zu sein, nachdem sie diese meist schon erfahren haben. Als Frau auf der Straße zu leben, bedeutet, sich zu verstecken, sich nicht zu zeigen; aus Angst, aus Scham. Deshalb müssen wir alles dafür tun, damit diesen Frauen in Krisensituationen geholfen wird und die Kriseneinrichtung für wohnungslose Frauen so schnell wie möglich wieder eröffnet. Das war es aber nicht; wir wollen mehr. Wir wollen endlich, nach Jahren, das Finanzierungssystem bei den Kriseneinrichtungen nachhaltig gestalten und fordern die Evaluation der Finanzierung der Krisenhäuser, damit sie sich in Zukunft auf ihre Aufgaben konzentrieren können und nicht an ihre Finanzierung denken müssen. Es wird in Berlin immer Menschen geben, die sich in psychischen Krisensituationen befinden und sich aus ihrer eigenen Kraft nicht aus dieser Lage befreien können. Sie brauchen Hilfsangebote wie die Kriseneinrichtungen, auf die sie sich verlassen können. Die Kriseneinrichtungen sind der Schlüssel für wohnungslose Menschen in psychosozialen Krisensituationen. Damit sie gut funktionieren, brauchen wir daneben mittelfristig auch die Weiterentwicklung der Hilfen für Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten. Lassen Sie mich zum Schluss noch einen Satz sagen: Ich bin sehr froh, dass wir an dieser Stelle einen großen Konsens zwischen Koalition und Opposition hatten. Ich will mich dem Dank an Frau Dr. Jasper-Winter anschließen. – Danke, Maren! Das war super, dass du bei dem Thema so hartnäckig nachgebohrt hast. – Lasst uns alle zusammen daran arbeiten, Kriseneinrichtungen wirklich dauerhaft zu sichern! – Danke! [Beifall bei den GRÜNEN – Vereinzelter Beifall bei der SPD und der LINKEN]
