Laura Neugebauer
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kollegen! Werte Zuschauende! Mit diesem Antrag beweist die AfD mal wieder, was die meisten von uns schon längst wussten: Neben den einfachsten Grundsätzen der Naturwissenschaft hat die AfD auch nicht die leiseste Ahnung von Sozial- und Geisteswissenschaften. Denn trotz eines Uniabschlusses im Lebenslauf scheinen die Universität und der Wissenschaftsbetrieb manchen in Ihren Reihen sehr fern zu sein. Die AfD glaubt an das Märchen der linken Cancel Culture, die an den deutschen Hochschulen angeblich umgehe. Studierende dürfen laut der AfD nicht mehr ihre Meinung sagen und was sie denken, und Forschende dürfen schon gar nicht mehr frei forschen. Dass das Quatsch ist, weiß jeder Mensch, der in den letzten Jahren mal das Innere einer Hochschule gesehen hat, einer Veranstaltung gefolgt ist, anstatt seine Aufmerksamkeit auf Telegramgruppen zu richten. Bevor ich Sie aber an Ihre Telegramgruppen verliere, hier schon mal vorneweg das Resümee: Der vorliegende Antrag und seine Begründung sind ein Paradebeispiel für ein mangelndes Wissenschaftsverständnis und selbstverständlich grundsätzlich abzulehnen. [Beifall bei den GRÜNEN und der LINKEN – Vereinzelter Beifall bei der SPD] Doch Ihren Antrag einfach als Unsinn abzutun, greift zu kurz. Denn dass die AfD getreu ihrer Gesinnung an Hochschulen und in Wissenschaft tatsächlich einschränken will, was das kritische Denken und Debatte ist, wird hier klar. Klar zu erkennen ist diese Motivation beispielsweise auch an den Studien, die zur Begründung dieses Antrag dienen. So beschäftigt sich die Studie „Is Free Speech in Danger on University Campus?“ den Autoren und der AfD zufolge mit der Akzeptanz Studierender in den Teilgebieten der Redefreiheit. Aber stimmt das überhaupt? – Lassen Sie uns mal gemeinsam die Variablen anschauen, auf die die Studierenden reagieren sollten: Wenn eine Person denkt, dass es biologische Differenzen in Ausstattung mit Talenten zwischen Männern und Frauen gibt, wenn eine Person gegen jegliche Form der Migration in ihr Land ist, wenn eine Person glaubt, dass der Islam unvereinbar mit westlichen Lebensweisen ist, wenn eine Person denkt, dass Homosexualität unmoralisch und gefährlich ist. Die Studierenden wurden unter diesen Prämissen gefragt, ob die jeweilige Person an den Universitäten unterrichten bzw. einen Vortrag halten dürfe, sowie, ob sie dafür wären, Bücher solcher Personen aus den Bibliotheken zu entfernen. Schlussfolgerungen auch, die Redefreiheit sei einschränkt, ziehe der Autor aus der Frage, ob Studierende sich je so gefühlt haben, als würde ihre Meinung abgelehnt, oder ob sie schon mal für ihre kontroverse politische Meinung kritisiert worden seien. Wer sich diese Variablen anschaut, merkt recht schnell, was die Autoren eigentlich gemessen haben. Dementsprechend schreibt auch Lars Meier in seiner Replik zur Studie von Matthias Revers und Richard Traunmüller: … man muss es präziser fassen, getestet wurde, ob es möglich ist, sich am Fachbereich der Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt rassistisch, antifeministisch und homophob äußern zu können, ohne Widerspruch befürchten zu müssen. Doch die Fehldarstellungen der AfD basieren selbstredend auf noch weiteren methodischen Fehlern, die aus der Studie munter übernommen und durch eigene Fehlannahmen ausgebaut wurden. Leider ist hier zu wenig Zeit, um der AfD einen Crashkurs in sozialwissenschaftlichen Forschungsmethoden zu geben, von einer Einführung in die Grundlagen des Selbstverständnisses der Sozialwissenschaften oder dem Positivismusstreit mal ganz zu schweigen. [Zuruf von Marc Vallendar (AfD)] Als fachpolitische Sprecherin meiner Fraktion für außerschulische Bildung empfehle ich Ihnen aber wärmstens unsere städtischen Bibliotheken. Auch das Grimm-Zentrum ist hier um die Ecke und hat heute noch bis 24 Uhr geöffnet. [Beifall bei den GRÜNEN und der LINKEN – Vereinzelter Beifall bei der SPD]
