Holger Grießhammer
Sehr geehrter Herr Vizepräsident, liebe Kolleginnen und Kollegen, Hohes Haus! Wenn ich morgens um 06:30 Uhr in meinen Betrieb gehe, dann finde ich dort viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die meistens auch schon vor mir die Firma betreten haben, die dabei sind, die Fahrzeuge zu bestücken, die den ganzen Tag auf Leitern, auf Gerüsten stehen, die bei Wind und Wetter, im Frühjahr, im Herbst bei doch niedrigen Temperaturen fleißig für uns schaffen und arbeiten. Nach achteinhalb Stunden kommen die relativ müde zurück. Sie haben am Freitag ihre 40-Stunden-Woche wunderbar absolviert. Wie fühlen sich die Menschen in der Pflege, die hart arbeiten, die die Menschen drehen müssen, die einfach auch körperlich aktiv sind? Wie mögen sich diese Menschen fühlen, wenn sie die derzeitige Debatte im Land verfolgen? – Diesen Menschen sagen unser Ministerpräsident Markus Söder, unser Bundeskanzler und auch viele andere in der Union: Liebe Leute, arbeitet doch mal eine Stunde länger; strengt euch mehr an, wir müssen wieder mehr leisten. Verzichtet doch im Krankheitsfall auf die Lohnfortzahlung, und die Teilzeit ist nur eine Lifestyle-Debatte. – Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, und noch viel besser ist: Wir müssen alle noch länger als bis zum 65. Lebensjahr arbeiten. Wir müssen noch bis 70 und darüber hinaus arbeiten. Diese Debatte, liebe Kolleginnen und Kollegen, geht an der Realität vorbei. So erzeugt man kein Wirtschaftswachstum. (Beifall bei der SPD) Das ist eine Abwertung der arbeitenden Mitte. Es zeigt sich, dass hier wenig Praxiserfahrung vorhanden ist; denn es ist nicht so, dass mit mehr Druck auch mehr Leistung entsteht, liebe Kolleginnen und Kollegen. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter brauchen mehr Verlässlichkeit. Es darf kein Misstrauen im Raum stehen, sondern wir müssen unsere Mitarbeiter motivieren. Unsere Mitarbeiter kommen nicht in die Arbeit, weil sie gesund sind und ich ihnen drohe, wenn du nicht kommst, gibt es irgendwelche Sanktionen. Nein, sie kommen zur Arbeit, sie stehen jeden Tag ihren Mann und ihre Frau, weil sie fair behandelt werden, weil sie wissen, wenn ich krank bin, gehe ich zum Arzt und kann zu Hause bleiben, weil sie wissen, wenn das Kind eine Betreuung braucht, finden wir eine Lösung, und weil sie wissen, dass Leistung respektiert wird. Und das, liebe Kolleginnen und Kollegen, stellt die Union gerade in Frage. (Beifall bei der SPD) Die Wahrheit ist, dass wir in Bayern bereits am Limit sind. Im Schnitt werden pro Woche 41,4 Stunden gearbeitet, und wir sind hier in Bayern führend. Das Problem ist nicht der fehlende Fleiß. Das Problem sind die nach wie vor fehlende Kinderbetreuung und der Investitionsstau in der Infrastruktur. Es fehlt an Digitalisierung. Die Energiewende wurde ausgebremst und vieles mehr. Wer Karenztage einführt, sorgt nicht für weniger Krankheit, nein, er sorgt dafür, dass die Praxen überfüllt und Ärzte überfordert und überlastet sind. Die Menschen kommen krank zur Baustelle, machen mehr Fehler und sind nicht motiviert. Das, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist gefährlich, unsozial und am Ende auch teurer. (Beifall bei der SPD) Wer Menschen mit der Lifestyle-Debatte diffamiert, hat nie erlebt, wie Eltern zwischen der Kita, dem Schichtplan und am Ende auch dem Geldbeutel oder dem Kontoauszug jonglieren müssen. Viele Menschen in Bayern würden gerne mehr arbeiten, aber sie können es einfach nicht. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn ich am Morgen das Werkzeug für meine Mitarbeiter kaputtmachen und ihnen mitgeben würde, dürfte ich mich nicht wundern, wenn die Leistung nicht stimmt. Wir müssen in Bayern für gutes Werkzeug sorgen, dann geht es auch wieder aufwärts. (Beifall bei der SPD) Was Bayern braucht, sind gute Arbeitsbedingungen, faire Regeln, faire Löhne und verlässliche Rahmenbedingungen. Wir brauchen kein Arbeitnehmer-Bashing. Wir brauchen keine Symbolpolitik auf dem Rücken der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. (Beifall bei der SPD) Die arbeitende Gesellschaft hält unser Land am Laufen. Sie verdient Respekt, Sicherheit und eine verlässliche Politik, die versteht, wie der Alltag der Menschen in Bayern aussieht. Dafür stehen wir als SPD. (Beifall bei der SPD) Liebe Kolleginnen und Kollegen, es muss ein Ruck durch unser Land gehen. Wir haben das vom früheren Bundespräsidenten gehört. Ich glaube, wir müssen aufhören, hier negative Bilder zu zeichnen. Wir müssen jetzt in die Aufbruchsstimmung kommen, und das gelingt nicht, indem wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Tag zu Tag neu diffamieren. (Beifall bei der SPD)
