Julia Post
Sehr geehrter Herr Vizepräsident, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe junge Gäste auf der Besuchertribüne! Wenn wir heute fragen, was die Jugend in Bayern zählt, dann reden wir nicht nur über eine Altersgruppe, sondern wir reden über die Zukunft und darüber, ob die Jugend in diesem Haus überhaupt vorkommt. Junge Menschen spüren sehr genau, wenn Politik im Tagesgeschäft stecken bleibt, wenn sich alles darum dreht, wer recht hat – die vorangegangene Debatte war ein schönes Beispiel dafür –, statt darum, was richtig ist, wenn wir hier über Verfahren sprechen, während sie draußen darüber nachdenken, ob sie sich das Leben, das wir ihnen vererben, überhaupt noch leisten können, ob es, Stichwort Klimakrise und Krieg, überhaupt noch Platz für ihre Träume gibt. Viele von ihnen wünschen sich nicht einfach nur neue Inhalte, von denen wir heute schon viel gehört haben, sondern sie wünschen sich ein neues "Wie", (Beifall bei den GRÜNEN) eine Politik, die zuhört, die gestaltet statt verwaltet, die Verbindungen schafft, wo heute Gräben sind. Sie wollen, dass Politik wieder eine Richtung hat, dass sie nicht nur Programme, sondern ein Zielbild und ein Zukunftsnarrativ bietet. Kolleginnen und Kollegen, wenn wir ehrlich miteinander sind: Das fehlt uns allen viel zu häufig. Am Samstag haben uns hier die Podiumsgäste des Kongresses "Jugend und Politik" dazu deutlich ins Gewissen geredet. Wir diskutieren uns an Einzelmaßnahmen müde, wir streiten um Paragrafen; aber wir verlieren viel zu häufig das große "Warum" aus dem Blick. Politik, so wie sie heute funktioniert, ist wie ein System, das in kurzen Takten atmet: Sitzungswoche, Umfrage, Schlagzeile und Shitstorm; aber Zukunft braucht einen langen Atem. Sie braucht Langfristigkeit, Zutrauen und die Bereitschaft, nicht alles sofort zu bewerten, sondern gemeinsam zu entwickeln. Viele junge Menschen erleben genau das Gegenteil: Dass Politik aufhört, dort zuzuhören, wo sie noch keine fertige Antwort hat, dass sie Verwaltung ihrer selbst geworden ist statt Werkstatt für das Morgen. Wenn wir das ändern wollen, dann müssen wir uns als politischer Betrieb verändern, nicht nur in unseren Themen, sondern auch in unserer Kultur. Wir brauchen eine Politik, die Zukunft nicht nur beschreibt, sondern möglich macht, die den Mut hat, Komplexität nicht zu verstecken, sondern zu gestalten, die Menschen nicht nur beteiligt, sondern ihnen etwas zutraut. Die Zukunft entsteht zwischen uns, nicht in Parteiprogrammen oder Sitzungsordnungen, sondern in Beziehungen, in Begegnungen, in Vertrauen. Wir brauchen wieder eine Erzählung, die größer ist als unsere nächste Pressemitteilung, eine Politik, die sagt: Es geht nicht um Verwalten des Bestehenden, sondern um das Gestalten des Möglichen. Was heißt das konkret? Erstens. Wir müssen Räume schaffen, in denen junge Menschen mitreden können, bevor entschieden ist. Wir brauchen nicht Alibi-Beteiligung, sondern Mitgestaltung. Zweitens. Wir brauchen einen anderen politischen Takt: weniger Getriebenheit, mehr Richtung, strategisch langfristige Ziele, die nicht alle zwei Jahre verworfen werden. Drittens. Wir müssen wieder lernen, Politik zu erzählen, nicht in Floskeln, sondern in Geschichten, die Sinn und Richtung geben. Wir müssen Zukunft wieder spürbar machen; denn wer keine Geschichte mehr erzählt, wird irgendwann selbst zu keiner mehr gehören. Die Jugend in Bayern zählt viel; aber sie wird sich abwenden, wenn wir ihr nur mit dem Gestern antworten. Es ist gut, dass die Jugend heute Thema der Aktuellen Stunde ist; aber in der jetzigen Funktionslogik von Politik frage ich mich: Wer von ihnen bekommt es heute überhaupt mit, dass wir gerade über sie sprechen? Zukunft entsteht nicht aus Angst, sondern aus Zutrauen, nicht, wenn wir sie anderen überlassen, sondern wenn wir sie gemeinsam denken. Was zählt daher die Jugend in Bayern? – So viel, wie wir ihr zutrauen. Vielleicht ist das genau der Maßstab, an dem wir uns auch selbst messen sollten. (Beifall bei den GRÜNEN)
