bayern.landtag.de ↗

Benjamin Adjei

GRÜNE 29.10.2025 Sitzungen 19/62

Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir haben in den letzten Wochen vor der Sommerpause einen bildungspolitischen Rückschritt mit Ansage erlebt. Während die Schulen in Bayern schon längst auf dem Weg in eine digitale Zukunft sind, zieht die Staatsregierung ganz plötzlich die Handbremse, und zwar ohne Vorwarnung, ohne Konzept und vor allem auch ohne Vertrauen in die Lehrkräfte und die Schulfamilie. Mit der Entscheidung, die Tablets erst ab der 8. Klasse in den Schulen einzuführen, führen Sie Bayerns Schulen zurück in die Kreidezeit, und das ausgerechnet in einem Land, das von sich behauptet, immer in Richtung Zukunft und Innovation zu denken. Schulen haben in den letzten Jahren pädagogische Konzepte entwickelt. Sie haben Lehrkräfte weiterentwickelt, fortgebildet, Eltern mit eingebunden, Geräte bestellt und Software beschafft. (Unruhe – Glocke des Präsidenten) All diese Planungen werden jetzt über Nacht infrage gestellt. Das ist nicht nur ein organisatorisches Desaster, nein, das ist eine Missachtung der Arbeit von Lehrerinnen und Lehrern, die sich auf den Weg gemacht haben, die Schule moderner und zukunftsgewandter zu gestalten. (Beifall bei den GRÜNEN) Liebe Kolleginnen und Kollegen, nein, Medienbildung ist kein Nice-to-have, sie ist vielmehr eine Grundkompetenz genauso wie Lesen, Schreiben und Rechnen. In einer Zeit, in der Kinder schon in der Grundschule mit Algorithmen, Filtern und Desinformation konfrontiert sind, ist es unsere Pflicht, sie stark zu machen, und zwar in der Schule als einem geschützten Raum mit pädagogischer Begleitung. Wer meint, Kinder vor digitalen Medien schützen zu müssen, indem man sie ihnen vorenthält, verkennt: Bildung heißt Befähigen und nicht Fernhalten. (Beifall bei den GRÜNEN) Unsere Lehrkräfte wissen doch am besten, welche Methoden und Medien wann sinnvoll eingesetzt sind. Lassen Sie uns also ihre pädagogische Verantwortung stärken, statt sie durch zentrale Verbote zu entmündigen. In der Debatte kommt immer wieder ein Verweis auf Schweden – wir waren als Ausschuss vor einigen Tagen in Schweden. Dort wird tatsächlich über leichte Korrekturen beim Thema Digitalisierung in den Schulen diskutiert. Es gibt dort aber eine ganz andere Ausgangslage. In Schweden gibt es mittlerweile Schülerinnen und Schüler, die in ihrer Schullaufbahn kein einziges analoges Lehrbuch mehr zu Gesicht bekommen haben. In Schweden wird in diesen Extremfällen etwas nachkorrigiert. Man geht dort von 100-prozentiger Digitalisierung zurück zu einer 95-prozentigen, weil dort erkannt wurde, dass beide Medienformate – digitale wie auch analoge – im Schulalltag für ein gutes Lernumfeld notwendig sind. Darum geht es. Es geht nicht um das eine oder das andere, sondern es geht darum, beides sinnvoll zu nutzen. So weit sind wir hier in Bayern noch gar nicht. So ein Feintuning von 100 % auf 95 % geht gar nicht, weil wir hier in Bayern nichts zum Feintunen haben. (Beifall bei den GRÜNEN) Der wirkliche Grund hinter dieser Entscheidung ist am Ende nicht die Pädagogik, mit der dann immer argumentiert wird, sondern das ist vor allem die Haushaltspolitik. Wir haben heute auch schon wieder sehr intensiv über Finanzen und Haushaltsmittel gesprochen. Wenn jedes Kind ab der fünften Klasse ein Tablet in die Hand bekommt, dann braucht es nach drei Jahren ein neues. Genau das will man sich jetzt sparen. Am Ende geht das auf Kosten der Bildungsgerechtigkeit, und das darf nicht sein, liebe Kolleginnen und Kollegen. (Beifall bei den GRÜNEN) Die Leidtragenden dieses Kurswechsels sind am Ende die Kinder, die kein eigenes Gerät zu Hause haben. Das sieht man übrigens auch daran, welche Schulen jetzt besonders betroffen sind. 90 % der Realschulen, die am Programm "Digitale Schule der Zukunft" teilgenommen haben, und sogar 92 % der Mittelschulen starten mit der Ausstattung 1 : 1 in der fünften, sechsten oder siebten Klasse. Denen nehmen Sie jetzt ihre Konzepte, ihre Ideen, ihre Pädagogik weg und schreiben ihnen aus München, aus der Staatskanzlei, aus dem Ministerium heraus vor, (Tanja Schorer-Dremel (CSU): So ein Quatsch!) was sie in Zukunft zu machen haben. Das geht nicht, liebe Kolleginnen und Kollegen. (Beifall bei den GRÜNEN) Wer Chancengleichheit ernst meint, darf Medienkompetenz nicht vom Einkommen der Eltern und vom Elternhaus abhängig machen. Deshalb fordern wir mit diesem Antrag, Bildungsgerechtigkeit, digitale Kompetenzvermittlung schon ab der fünften Klasse wieder voll mit aufzunehmen. Uns geht es dabei nicht um Technikfetischismus. Ganz im Gegenteil: Wir wollen eine kluge und verantwortungsvolle Medienpädagogik, die die Kinder und die Lehrkräfte durch ein verbindliches medienpädagogisches Gesamtkonzept in allen Schularten stärkt, eine solide Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte und endlich Verlässlichkeit statt Zickzackpolitik. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wer heute Kreidezeit predigt, nimmt den Kindern von morgen die Zukunft. Deshalb sagen wir ganz klar: Wir brauchen –

Alle Reden von Benjamin Adjei Protokoll ↗