Martina Gießübel
Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Das Bildungsniveau unserer Kinder hat sich verändert. Das zeigen die aktuellen IQB-Ergebnisse; Sie sind darauf eingegangen, Frau Triebel. Aber seien wir ehrlich: Alles kann der Staat nicht machen. Da sind auch die Eltern gefragt. Da möchte ich einmal einhaken. Auch ich bin Mutter eines Sohnes. Mein Kind hat eine ganz normale Vorschule in der Kita genossen, wie das jetzt überall gemacht wird, und das war ausreichend. Aus ihm ist auch etwas geworden. (Gabriele Triebel (GRÜNE): Sehr schön!) Die GRÜNEN fordern in ihrem Dringlichkeitsantrag eine verpflichtende Vorschule, jetzt für alle Kinder am Vormittag mit verbindlichen Lerninhalten, und zudem einen Umbau der Ministerien. Das Kultusministerium soll künftig auch für die frühkindliche Bildung zuständig sein. Ich verstehe Ihren Wunsch nach einer schnellen Lösung, aber so zack, zack, wie Sie das hier fordern, wird es nicht funktionieren. Unsere Kleinsten brauchen für ihre ersten Bildungserlebnisse nicht eine kleine Vorschule für alle, sondern sie brauchen starke Beziehungen, individuelle Anregungen – das heißt viel Sprache im Alltag, Spielen, Singen, Entdecken – und natürlich auch motivierte Fachkräfte, die Zeit für sie haben. Das ist der Kern unseres Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplans und des LehrplanPLUS: klare Orientierung, aber Gestaltungsfreiheit für die Teams und die Erzieherinnen vor Ort. Die bayerischen Leitlinien bilden dabei die Brücke von der Kita bis zum Ende der Grundschulzeit, gemeinsam gedacht und gemeinsam verantwortet. Wir haben die Sprachstandserhebungen in Bayern. Hier werden alle Viereinhalbjährigen auf ihre Deutschkenntnisse getestet. Das ist kein Selbstzweck, sondern der Startschuss auch für Förderung dort, wo sie gebraucht wird. Im Fokus stehen Deutsch und die alltagsintegrierte Sprachbildung. Im letzten Jahr vor der Einschulung besuchen ohnehin mittlerweile schon 95 % der Kinder eine Kita. 5 % erreichen wir noch nicht. Da müssen wir schauen, dass wir an die Eltern rankommen und ihre Kinder auch in die Kita bringen. Eine starre Vormittagsbeschulung für alle würde wieder Personal binden, ohne den Kindern mit echtem Förderbedarf spürbar mehr Zeit zu schenken. Gute Bildung entsteht nicht, indem wir Namensschilder an Ministerien austauschen. Sie entsteht in den Gruppen und Klassen an der Basis. Mit genug Personal, gut qualifiziert, mit kleinen Gruppen und multiprofessionellen Teams schaffen wir es, an den Defiziten der Kinder zu arbeiten. Genau dort setzen wir an. Sozial- und Familienministerium und Kultusministerium arbeiten schon längst gut zusammen beim Ganztag, beim Übergang von der Kita zur Grundschule und beim Vorkurs Deutsch. Wir können hier wieder Strukturdebatten führen; das ist ganz klar. Die Erfahrung lehrt uns aber, dass ein Ressortumbau neue Unsicherheiten und Reibungsverluste schafft und zusätzlich Zeitaufwand und Bürokratie erzeugt. Das wollen wir nicht. Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder und der LehrplanPLUS geben Ziele und Kompetenzen vor. Über die Ausgestaltung entscheiden die Teams vor Ort, basisnah, jeweils genau nach Bedarf. Jede Gruppe ist anders, und auch jedes Kind ist anders. Feste Vormittagsschienen und Standardlehrpläne wären keine moderne Frühpädagogik. Die ganztägige Bildung und Betreuung im Grundschulalter ist in der Kinder- und Jugendhilfe verankert. Frau Triebel, Sie haben gesagt, Bildung findet nicht nur im Unterricht statt; da gebe ich Ihnen recht. Es gibt schon wahnsinnig tolle Angebote, wie die Elternbegleitung, bei der man auch mit den Eltern arbeitet, Mehrgenerationenhäuser oder Asylhelferkreise. Da wird ebenfalls Bildung für die Kinder ermöglicht. Diese Vielfalt ist eben auch eine Stärke Bayerns, und sie passt zu den ganz unterschiedlichen Lebenslagen der Familien. Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Schullandschaft hat sich in den vergangenen Jahren nicht nur in den urbanen Räumen spürbar verändert. Es gibt vielfältigere Lerngruppen, mehr Mobilität, unterschiedliche Sprachstände, zusätzliche Aufgaben bei Inklusion und Ganztag. Das ist jeden Tag eine Riesenherausforderung für die Erzieherinnen und Lehrer, denen ich heute an dieser Stelle einmal herzlich für ihren großartigen Einsatz danken möchte. (Beifall bei der CSU und den FREIEN WÄHLERN) Ich bin viel in meinem Stimmkreis unterwegs. In meiner Heimatstadt Schweinfurt haben wir Grundschulen und Kindergärten mit einem Migrationsanteil von fast 95 %. Diese Realität dürfen wir natürlich auch nicht aus den Augen verlieren. Daraus ergeben sich besondere Herausforderungen, die zu bewältigen sind. Unsere Antwort ist aber gerade deshalb nicht ein Einheitsmodell für alle, sondern passgenaue und gezielte Unterstützung dort, wo sie besonders nötig ist. Die einschlägige Forschung betont einen frühen Beginn, die Sicherung des Zugangs für alle, hohe Qualität, gut ausgebildetes Personal, kleine Gruppen. Das wirkt auch. Die Forschung fordert gerade nicht eine verpflichtende Vormittagsvorschule mit starren Inhalten und standardisierten Lehrplänen für alle. Genau deshalb setzen wir als CSU-Fraktion auf Zugang plus Qualität plus passgenaue Förderung statt auf eine Vorschulpflicht für alle. Ich bin der Überzeugung, das gelingt uns mittlerweile auch ganz gut. Der Dringlichkeitsantrag will einen Booster, würde in unseren Augen aber das Gegenteil bewirken. Kleine Kinder brauchen ihre Eltern – das möchte ich noch einmal ganz besonders betonen –, feste verlässliche Beziehungen, Zeit, Sprache im Alltag, individuelle Förderung und gut ausgestattete Teams. Sie brauchen nicht einen Pflichtvormittag und schon gar nicht bürokratische Reformen. Deshalb lehnen wir Ihren Antrag ab. Wir arbeiten weiter mit voller Kraft mit Kommunen, Trägern, Fach- und Lehrkräften und natürlich mit den Eltern für unsere Kinder. (Beifall bei der CSU und den FREIEN WÄHLERN)
