Josef Lausch
Sehr geehrtes Präsidium, liebe Kolleginnen, liebe Kollegen! Unsere bayerische Heimat besteht aus Sicht vieler Nichtbayern hauptsächlich aus Klischees: Bier und Frankenwein, Tracht und Blasmusik, Gemütlichkeit und auch Grantigkeit, Berge, Seen, Schlösser samt Märchenkönig. Zugegeben, wir selbst sind daran nicht ganz unschuldig; aber ganz ehrlich: Wir haben diese Klischees auch ganz bewusst eingesetzt, um davon zu profitieren. Nicht umsonst ist Bayern Tourismusland Nummer eins. Ein Klischee, das gerne von norddeutschen Bundesländern verbreitet wurde und wird, ist, dass Bayern bis 1945 ein reines Agrarland gewesen sei. (Johannes Becher (GRÜNE): Worum geht es denn jetzt gerade eigentlich?) Erst durch Wirtschaftswunder und viel Geld aus dem Länderfinanzausgleich, das bis in die 1980er-Jahre hinein nach Bayern geflossen ist, sei Bayern zu dem attraktiven Wirtschaftsstandort geworden, der es heute ist und, wenn es nach uns geht, auch bleiben soll. Nebenbei bemerkt: Wir haben von 1950 bis 1987 umgerechnet 3,39 Milliarden Euro aus dem Länderfinanzausgleich erhalten, seitdem aber 108 Milliarden Euro eingezahlt. (Johannes Becher (GRÜNE): Es geht um Kernfusion!) – Um aber mit dieser unsäglichen Mär vom rückständigen Agrarland Bayern aufzuräumen, möchte ich nur einige wenige Beispiele technischer Errungenschaften Bayerns nennen, und die nächste technische Errungenschaft soll die Kernfusion sein, lieber Kollege. (Johannes Becher (GRÜNE): Ach so, dann kommen wir doch noch dazu!) – Wir kommen doch noch dazu, aber ich hätte Ihnen mehr Geduld zugetraut. Der erste Globus der Welt ist 1492 in Nürnberg konstruiert worden, genauso wie die erste Taschenuhr, das Nürnberger Ei, in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Um 1619 wurde weltweit die erste Pipeline gebaut, eine Soleleitung von Bad Reichenhall nach Traunstein, und 1810 sogar bis nach Rosenheim verlängert. 1835 – das Modell steht draußen im Steinernen Saal – wurde die erste Eisenbahnverbindung im ganzen deutschsprachigen Raum in Bayern auf der Strecke von Nürnberg nach Fürth eröffnet. 1830 hat der Oberfranke Carl von Linde in München eine Kältemaschine, den ersten Kühlschrank, zur Kühlung von Bier erfunden. (Lachen des Abgeordneten Johannes Becher (GRÜNE)) 1882 fand die erste Gleichstrom-Übertragung weltweit von Miesbach nach München statt. 1883 lief der erste Dieselmotor in Augsburg. Eine technische Meisterleistung Bayerns war es, als vor genau 100 Jahren das Walchenseekraftwerk eröffnet wurde. 1956 hat ein gewisser Rudolf Hell, ein geborener Oberpfälzer, das erste praktikable Faxgerät erfunden. Genau deswegen haben wir Bayern auch das Recht, das Fax als museumsreif zu bezeichnen. Diese Liste ließe sich noch beliebig fortsetzen. Die Industriezentren Augsburg, Nürnberg, München usw. haben schon früh im 19. Jahrhundert bewiesen, dass wir sowohl Agrar- als auch Industriestandort sein können – eine Tatsache, auf die die Bayerinnen und Bayern durchaus stolz sein dürfen. Und nicht zuletzt, um zum Thema Kernfusion zu kommen, (Beifall) darf ich auf das sogenannte Atom-Ei Garching hinweisen, das 1957 der erste Kernreaktor in Deutschland war. Genau deshalb sehen wir uns in einer großen Verpflichtung unseren Vorvätern gegenüber, bei den technischen Entwicklungen jetzt auch in Bayern voranzugehen. Meine Kollegen Roland Weigert und Rainer Ludwig von den FREIEN WÄHLERN haben in der letzten Legislaturperiode in diesem Hause schon mehrmals zur Kernfusion gesprochen und sich vehement für diese Themen eingesetzt, wofür ich den beiden großen Dank aussprechen möchte. Aber blicken wir auf aktuelle Entwicklungen zu diesem Thema: Die Bundesregierung hat im März 2024 angekündigt, bis 2029 eine Milliarde Euro in die Forschung zur Kernfusion zu investieren. Das ist hinsichtlich des vorhandenen Potenzials leider viel zu wenig. Außerdem wurde diese Milliarde nur angekündigt. (Zuruf des Abgeordneten Johannes Becher (GRÜNE)) Das Bundesforschungsministerium finanziert damit insbesondere die Forschung am Max-Planck-Institut, am Karlsruher Institut für Technologie und am Forschungszentrum Jülich, allerdings nach meinem Dafürhalten in einem leider sehr überschaubaren Rahmen. Aber blicken wir ins Ausland, wo aktuell weltweit ein Wettlauf zur Kernfusion stattfindet: In Frankreich ist mit ITER der weltweit fortgeschrittenste Prototyp eines Fusionsreaktors mit Beteiligung von 35 Staaten im Bau, darunter die EU, China, die USA usw. Allerdings soll dieser ITER nur die technische Machbarkeit eines Fusionskraftwerks demonstrieren. Eine Stromerzeugung ist nicht geplant. In Großbritannien ist es im Oktober 2023 einem europäischen Forscherteam unter Mitwirkung des Max-Planck-Instituts aus Garching gelungen, aus 0,2 Milligramm Brennstoff 69 Megajoule Energie zu erzeugen. Das entspricht ungefähr dem Energiewert von 2 Kilogramm Braunkohle. In den Vereinigten Staaten wurde im November 2022 ein Experiment zur Kernfusion mit Lasern statt Magneten durchgeführt, wobei erstmals mehr Energie freigesetzt als reingeschossen wurde. Dies gilt allerdings nur, wenn man die Energie zur Herstellung des Lasers herausrechnet – also kein wirklicher Durchbruch, aber doch ein großer Schritt. Am Ende ist es – ganz aktuell – am südkoreanischen Forschungszentrum KSTAR zwischen Dezember und Februar 2024 gelungen, für 48 Sekunden mehr als 100 Millionen Grad Celsius zu erzeugen. Damit wurde ein neuer Rekord aufgestellt. Allerdings werden für eine stabile Energieerzeugung circa 150 Millionen Grad Celsius benötigt, eine schier unvorstellbare Temperatur. Aber zurück zur Kernfusion in Bayern. Das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching und Greifswald gehört zu den international renommiertesten Instituten im Bereich Kernfusion. Mit 1.100 Mitarbeitern gehört es zu den größten Zentren der Magnetfusionsforschung der Welt. Auch bayerische Unternehmen sind am Bau des Prototyps ITER in Frankreich beteiligt: Siemens, die Acentrix GmbH und die NKM GmbH. Auch an der LMU wird ein Projekt zur laserindizierten Trägheitsfusion mit 2,5 Millionen Euro gefördert. Im September 2023 hat die Bayerische Staatsregierung einen hervorragenden bayerischen Masterplan zur Förderung der Kernfusion und neuartiger Kerntechnologien vorgestellt. Dieser besteht aus fünf Punkten: Etablierung einer Expertenkommission, Errichtung eines bayerischen Fusionsclusters, Ausbildungsoffensive an den Hochschulen, die Auflage eines bayerischen Fusionsförderprogramms und die Initiative für eine nationale Gesamtstrategie der Kernfusion. Das Max-Planck-Institut erhält 6 Millionen Euro Förderung aus dem Staatshaushalt. Insgesamt soll dieser Masterplan mit 100 Millionen Euro gefördert werden. Über ein Dutzend bayerische Firmen forschen bereits in diesem Zentrum. Fordern wir deshalb die Bundesregierung auf, es unserer Staatsregierung gleichzutun, ebenfalls die Forschung mehr zu unterstützen und endlich eine vernünftige Rahmengesetzgebung zu erlassen, (Martin Wagle (CSU): So weit sind wir noch nicht!) obwohl sich "vernünftig" und "Ampel" eigentlich ausschließen. (Beifall bei den FREIEN WÄHLERN) Noch einmal: Wir brauchen eine Rückversicherung, um die energiepolitische Zukunft Bayerns zu sichern. Deshalb lautet auch die Überschrift unseres Dringlichkeitsantrags: "Die Entwicklung der Kernfusion kraftvoll voranbringen". Wir FREIEN WÄHLER werden zäh und verbissen für die Umsetzung des bayerischen Masterplans kämpfen. Wir sind uns sicher, dass diese 100 Millionen Euro dafür intelligenter eingesetzt sind als für ein suspektes Start-up, das in Baden-Württemberg keine Förderung erhält und in Bayern Investitionen von 17 Millionen Euro monatlich benötigt. Die Kernfusion ist durchaus förderwürdig. Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, ich bin ein einfacher Mann und bestimmt kein Wissenschaftler, aber selbst mir ist klar, dass die Verwirklichung und wirtschaftliche Nutzung der Kernfusion alles andere als trivial sein wird, dass noch lange Jahre an Forschung nötig sein werden und dass höchstwahrscheinlich bei Weitem nicht alle hier in diesem Saal noch davon profitieren werden. Aber nur wer einen Baum pflanzt, obwohl er weiß, dass erst seine Enkel davon profitieren werden, der hat verstanden, was Nachhaltigkeit bedeutet. (Beifall bei den FREIEN WÄHLERN sowie Abgeordneten der CSU – Zuruf des Abgeordneten Felix Locke (FREIE WÄHLER)) Wir sind es unseren Vorfahren, unserem Land und unseren Nachkommen schuldig, keine sich bietende Chance ungenutzt verstreichen zu lassen. Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Wir bitten um Zustimmung. (Beifall bei den FREIEN WÄHLERN)
