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Schenk

08.10.2026 Sitzungen 8/57

b) Personal und Ressourcen entlasten – Patientensteuerung, Patientenschutz und Prävention im Thüringer Gesundheitswesen stärken

Verehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete, wir haben uns am Anfang alle gefragt – ich denke, das zeigt auch die intensive Beratung mit den beiden Anträgen –, was es bedeutet, nicht mehr gesund zu sein. Viele von Ihnen sind bestimmt auch schuldig, wenn Sie Geburtstagskarten bekommen haben, auf denen in erster Linie erst mal alles Gute und gute Gesundheit gewünscht wurde, festzustellen, dass man solche Wünsche vor allem dann überliest und einfach so auf den Schreibtischstapel liegt, wenn es einem gerade gut geht. Deswegen tut es not, genau darüber zu sprechen, welche prägende Bedeutung es eben haben kann, wenn die eigene Gesundheit einen verlässt und wenn das im schlimmsten Fall sogar ein chronisches Leiden ist. Ich glaube, unsere breite Selbsthilfe-Landschaft hat kürzlich bei der Verleihung des Selbsthilfepreises wieder gezeigt, wie intensiv das am Ende dann nicht nur den Betroffenen oder die Betroffenen umtreibt, sondern in der Regel ganze Familien, viele Angehörige und alle, die eben damit zu tun haben, vielleicht das zu tun haben, was wir uns alle wünschen, die Gesundheit wiederherzustellen, Heilung zu erreichen oder eben mit dem Defizit, das man hat, so gut leben zu können, dass Teilhabe noch möglich ist. Die intensive Debatte hier hat gezeigt, dass Gesundheit eben im besten Sinne, im grundsätzlichsten Sinne ein Grundlagenthema ist, denn ohne Gesundheit ist eben vieles, was wir als ganz selbstverständlich betrachten, wenn wir uns Gesundheit wünschen und das so ein bisschen überlesen, nicht möglich. Ich freue mich, dass hier auch Gesundheit nicht nur körperlich betrachtet wird, sondern wir auch seelische Gesundheit adressieren, die ist sicherlich auch ein Gut, das es zu pflegen gilt und wo nicht nur Eigenverantwortung greift. sondern es eben auch darauf ankommt, und das wurde in den Redebeiträgen deutlich, dass wir hier nicht darüber sprechen, dass eine Person inkompetent ist, weil sie sich schlicht nicht genug aufgerafft hat, sich um ihre Gesundheit zu kümmern, sondern dass es natürlich eine staatliche Verantwortung dafür gibt, einen Rahmen zu organisieren, in dem man sich überhaupt gesundheitskompetent verhalten kann. Insofern ist es ein wirklich wichtiger Ansatz, die Gesundheitskompetenz des Einzelnen zu stärken und Gesundheitskompetenz als genau das zu verstehen, was in den vorliegenden Dokumenten deutlich wird, nämlich als die Fähigkeit, Gesundheitsinformationen, seien sie nun digital, analog oder im Arztgespräch, nicht nur zu finden, sondern vor allem zu verstehen, zu bewerten und – dann kommt der relevante Schluss – sie im Alltag auch anzuwenden. Das ist eben eine zentrale Grundlage, um überhaupt Teilhabe im Gesundheitssystem zu ermöglichen, um informierte Entscheidungen zu treffen, um Therapien verantwortungsvoll umsetzen zu können und eben auch Gesundheitsangebote. sinnvoll für sich nutzen zu können. Da mag es schon ein bisschen verwundern, wenn man jetzt darüber spricht, dass die Familie das alles ja regeln könnte. In einer Studie der TU München haben 75 Prozent der erwachsenen Menschen in Deutschland angegeben, dass sie Schwierigkeiten haben, mit Gesundheitsinformationen umzugehen. Ich nehme mal an, unter den 75 Prozent waren auch Eltern. Deswegen geht es nicht darum, dass man dann individuelles Verschulden hat, dass man schlicht und ergreifend zu „blöd“ ist, das zu verstehen – ich setze das bewusst in Anführungsstriche –, sondern dass man natürlich in diesem Informationsdschungel, der einen ja auch in einer Lage trifft, in der man eben schon krank ist, also seine wesentliche Teilhabe als gefährdet sieht, natürlich oft überfordern muss. Das hat nicht nur etwas mit dem individuellen Bildungsstand zu tun, sondern auch mit der Frage, ob man eben zum Beispiel die Ressourcen hat, bestimmte Informationen abzurufen und zu verstehen. Da geht es um Fachtermini, da geht es um Erreichbarkeit, da geht es um chronische Erkrankungen, da geht es um multiple Medikamente, da geht es um Wechselwirkungen, da geht es um die persönliche Verantwortung, die man hat. Ich glaube, es ist richtig, Gesundheitskompetenz in diesem Zusammenhang nicht als eine personale Fähigkeit allein zu sehen, sondern eben als ein relationales gesamtheitliches Konzept, wo wir eben als Staat strukturelle und gesellschaftliche Bedingungen schaffen müssen, die es uns möglich machen, gesundheitskompetent zu handeln und das dann natürlich auch in unserer eigenen Familie weiterzugeben. Die Förderung der Gesundheitskompetenz in Thüringen steht nicht ganz am Anfang, deswegen ist es hier wichtig, noch mal die Landesgesundheitskonferenz in den Fokus zu rücken, die bereits sehr viele Grundsätze formuliert hat, grundsätzliche Gesundheitsziele, die über alle Lebensphasen hinweg denkt und ganz konkret Gesundheits- und Vorsorgekompetenz betont und damit am Ende soziale Teilhabe fördert. Ich möchte mal ein aktuelles Beispiel nennen. Man kann hier der Stadt Jena noch mal gratulieren, die gerade auf Basis einer Befassung in der Landesgesundheitskonferenz, nämlich zur „Stillfreundlichen Kommune“, den Prozess durchlaufen hat und damit jetzt die zweite „Stillfreundliche Kommune“ in Thüringen ist. (Beifall Die Linke) Da werden manche vielleicht schmunzeln und fragen: Was hat das jetzt mit mir zu tun? Sehr viel, weil Familienfreundlichkeit gerade da greifbar und sichtbar wird, wo man sagt, Stillen ist eine Superkraft, die Frauen haben. Natürlich muss es ihnen gesellschaftlich ermöglicht werden, zum Beispiel diese Kompetenz überhaupt zu leben. Dabei geht es eben auch darum, ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, in dem das eben selbstverständlich ist, Informationen bereitzustellen und ich wünsche mir, dass noch mehr Kommunen – Erfurt war die erste zertifizierte Kommune – diesen Weg gehen. Ich finde, da zeigt sich, welche strukturelle Bedeutung es hat, wenn in der Landesgesundheitskonferenz diverse Projekte der Gesundheitsförderung und Bildung gemeinsam formuliert und aufgestellt werden. Ich möchte an dieser Stelle allen fleißigen Akteurinnen und Akteuren der Landesgesundheitskonferenz für ihr Engagement danken. Auch das Thema „Digitalisierung“ wurde hier vielfach gestreift. Wie immer hat ein Thema zwei Seiten. Es gibt einerseits die Herausforderungen, die dadurch entstehen. Da gibt es zahlreiche Studien, zum Beispiel den Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz aus dem Jahr 2021, der in seinen Forschungsergebnissen klar unterstreicht, dass viele fehlende Fähigkeiten im Umgang mit digitalen Informationen, aber auch einen Mangel an Zugang zur Technik beklagen und – das ist gerade bei Gesundheitsinformationen sehr zentral – vertrauenswürdige Quellen nicht eindeutig identifizieren können. Auf der anderen Seite – und das wurde hier von vielen Rednerinnen und Rednern betont – gibt es natürlich viele Potenziale, die E-Akte, das E-Rezept, Videosprechstunden, Online-Portale, all diese Dinge, die auch Wohnortnähe noch mal ganz anders greifbar machen und es natürlich auch – gerade, wenn wir an die Videosprechstunde beim Kinderarzt denken – für Eltern einfacher macht. Ich finde, da wird auch noch einmal deutlich, dass Digitalisierung eben Herausforderung und Chance ist. Chance aber nicht nur für demografisch herausgeforderte Regionen, sondern für alle, die sich einen einfachen kompetenten Zugang wünschen. Denken Sie zum Beispiel an das Projekt „PERIKOV“, das wir kürzlich im UKJ an das Netz genommen haben, wo der Experte, die Expertin quasi so erscheinen kann, ein Telekonzil in einem anderen Krankenhaus und es deswegen möglich wird, trotz Krankenhausreform, trotz Fach- und Arbeitskräftemangel, trotz anderer Schwierigkeiten zu erreichen, dass man überall im Land sehr gute Versorgung für sein spezielles medizinisches Problem erhält. Am Ende geht es natürlich auch um Patientensteuerungen. Ich finde, der Abgeordnete Zippel hat zu Recht darauf hingewiesen, dass man hier immer auch fragen muss, warum sind denn Menschen fehlgesteuert, steht da am Anfang der böse Wille eines Missbrauchs bei einem Telefonanruf? Das ist sicherlich auch möglich, aber eher die Ausnahme. Die Regel ist doch, dass Patientinnen und Patienten schlicht nicht wissen, wo sie sich hinwenden sollen und dass strukturierte Versorgungspfade am Ende unnötige Arztkontakte und natürlich auch reduzierte Fehlversorgung erreichen können und Orientierung über die Lotsenfunktion in unserem komplexen Gesundheitssystem ermöglichen. Am Ende, möchte ich also sagen, ist der Wunsch nach einer integrierten Landesstrategie ressortübergreifend nicht nur nachvollziehbar, er ist berechtigt und sinnvoll. Ressortübergreifend heißt auch: alle Lebensphasen mitdenken, und das bedeutet am Ende auch, strukturierte Ziele zu setzen, die am Ende auch eines sein müssen – evaluierbar. Denn es nützt nichts, sich Ziele zu formulieren, von denen man am Ende nicht weiß, ob sie einen tatsächlichen Effekt auf die Gesundheitsversorgung hatten. Ich denke, wir haben uns auch schon in einigen Schritten voran bewegt. Das Gesetz für den Öffentlichen Gesundheitsdienst ist ein solches Beispiel, in dem wir erreichen wollen, die Gesundheitskompetenz zu stärken. Alle ÖGD-Mitarbeiterinnen und mitarbeiter leisten jetzt schon einen wesentlichen Beitrag dazu, ‑ dass Gesundheitskompetenz nahbar, vor Ort, in der Kommune, wo wir leben, erreichbar wird. Denken Sie an das Kind, das aus dem Kindergarten nach Hause kommt und Ihnen von einem großen grünen Krokodil berichtet, das mit einer Zahnbürste das Zähneputzen unterrichtet hat. Denken Sie an Impfzugänge, denken Sie an all die Möglichkeiten, die der ÖGD hat, und ich weiß, auch hier – darüber haben wir schon oft geredet – kann das nicht die Familie. Es geht um eine gemeinsame Verantwortung für Gesundheitskompetenz und eben auch darum, am Ende auf Dinge aufmerksam zu machen, die neu sind. Denken Sie an veränderte Impfempfehlungen oder auch an individuelle Beratung, wenn es darum geht, Zugang zu einem bestimmten Angebot zu finden. Ich freue mich, dass wir hier fraktionsübergreifend feststellen können – bis auf eine Fraktion –, dass es ein wichtiges Anliegen ist, dass wir das Ziel weiterverfolgen wollen und ich denke, man kann insgesamt festhalten, wir tragen hier dem gemeinsamen Ziel Rechnung, Gesundheitskompetenz ist kein individuelles Verschulden. Es ist eine Frage, ob wir strukturelle Rahmenbedingungen geschaffen haben, die es uns ermöglichen, nicht nur durch ein System zu navigieren, das schwierig ist, sondern auch kompetent zu entscheiden, wo wir eigentlich hin navigieren wollen. In diesem Sinne sind die Anträge zu begrüßen und ich freue mich über das breite Interesse – akustisch war es nicht so hörbar – an der Gesundheitspolitik. Vielen Dank. (Beifall CDU, Die Linke, Thüringen.Gerecht, SPD)

Protokoll ↗