Christian Tischner
Schreibschrift statt Tablets – für bewährte Methoden beim Schriftspracherwerb
Meine sehr geehrten Damen und Herren, sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Besucherinnen und Besucher auf der Tribüne und am Livestream, ich glaube, wir sind uns einig darüber, Sprache ist der Schlüssel zu Bildung und er ist natürlich der Schlüssel zu gesellschaftlicher Teilhabe. Die Kinder müssen lesen können, sie müssen schreiben können, sie müssen rechnen können. Das ist die Grundlage für ihren weiteren Bildungsweg und dafür, dass sie eben erfolgreich in unserer Gesellschaft leben können, daran teilnehmen können. Ja, die Entwicklung in den vergangenen Jahren, die gibt Anlass zur Sorge. In Deutschland und auch in Thüringen erreichen immer mehr Schülerinnen und Schüler die Mindeststandards im Fach Deutsch nicht und damit müssen wir uns eben auch ernsthaft auseinandersetzen. Ich glaube, es ist nicht der richtige Weg, so wie es Herr Jankowski von der AfD gerade getan hat, die Schuld bei den Lehrerinnen und Lehrern und bei ihrer Methodik zu suchen. Denn wenn man nach den Gründen fragt, ist es, glaube ich, komplexer. Ein Thema ist schon angesprochen worden, der Medienkonsum der Schülerinnen und Schüler, der meiner Meinung nach nicht hauptsächlich als Problem in der Schule zu suchen ist, sondern der eher im Alltag, in der Freizeit bei Kindern und Jugendlichen zu sehen ist. Lesen, Schreiben und Rechnen hat die Thüringer Landesregierung zum zentralen Anliegen erhoben und entsprechend wurden auch die Lehrpläne im vergangenen Jahr überarbeitet. Eines möchte ich aber gleich zu Beginn ganz klar sagen: Eine Belehrung von rechts, wie unsere Grundschulen den Kindern das Schreiben beizubringen haben, brauchen diese Schulen eben nicht.
(Beifall CDU, Thüringen.Gerecht, SPD)
Der Antrag erweckt nämlich den Eindruck, Thüringen habe die Schreibschrift aus dem Lehrplan gestrichen oder Handschreiben durch die Tablets ersetzt. Das stimmt nicht. Das Gegenteil ist der Fall: Die Schreibschrift ist im Thüringer Lehrplan fest verankert worden. Diese Entscheidung habe ich persönlich getroffen und gleichzeitig auch den Weg der Methodik schülerorientiert eröffnet. Ein Faktencheck: Was stand bisher im Lehrplan, im Lehrplan von 2010? Dort stand – ich zitiere –: „Der Schüler eignet sich in einem Schreiblehrgang die Druckschrift an.“ Punkt. „Zu altersgemäßen Schreibanlässen kann er sich offen und gebunden äußern.“ Das ist das, was kritisiert worden ist, auch von Frau Gerbothe und von Herrn Hoffmeister. Was steht nun im Lehrplan? „Schülerinnen und Schüler erlernen eine unverbundene oder teilverbundene Erstschrift. Davon ausgehend muss der Übergang von einer eher kontrollierten zu einer dynamischen Bewegung im Sinne der motorischen Verbundenheit ermöglicht werden. Zum Erwerb einer verbundenen,“ – das ist ja das, was Herr Hoffmeister gerade beschrieben hat mit Schulausgangsschrift – „flüssigen, gut lesbaren individuellen Handschrift kann eine Übergangsschrift dienen, die bewegungsgünstig und formklar ist.“ Und dann geht es noch mal um das Digitale: „Digitales Schreiben ergänzt“ – steht ganz deutlich im Lehrplan – „den Handschreibunterricht zeitgemäß.“ Er ersetzt ihn nicht und erhebt ihn eben auch nicht zur Priorität. Wenn wir heute hier über Schreibkompetenz reden, ist es, glaube ich, auch wichtig, über Lesekompetenz zu sprechen. Meine Damen und Herren, der Lehrplan gibt also klar das Ziel vor, dass Kinder eine flüssige, eine motorisch verbundene und eine gut lesbare Handschrift entwickeln. Das ist das Ziel. Da können wir uns alle selber überprüfen, wie erfolgreich das am Ende war. Beispiele sind genannt worden. Aber es ist das Ziel und daran arbeiten unsere Lehrerinnen und Lehrer gerade in der Grundschule tagtäglich sehr intensiv. Der Lehrplan schreibt allerdings nicht eine einzige, für alle verbindliche Schreibschrift vor. Das ist ein wichtiger Unterschied und der entspricht eben auch der heutigen Schülergeneration. Und das ist eben halt auch unsere Realität. Schauen Sie einmal zu Ihrem Nachbarn: Ich gehe davon aus, dass er eine andere Handschrift hat, als Sie sie haben. Der Lehrplan sieht also vor, dass Kinder zunächst eine unverbundene oder teilverbundene Erstschrift erlernen können. Die methodische Entscheidung obliegt dann dem pädagogischen Konzept unserer Lehrkräfte. Von dort aus müssen sie zu einer flüssigen und dynamischen Schreibweise finden. Eine Übergangsschrift kann ihnen dabei helfen, eine verbundene, gut lesbare und persönliche Handschrift dann auch zu entwickeln. Entscheidend ist also nicht, dass jeder Buchstabe immer sichtbar mit dem nächsten verbunden ist. Ich gehe davon aus, das machen Sie auch nicht. Auch eine teilverbundene Schrift kann flüssig und motorisch verbunden geschrieben werden. Das ist das Ziel, so wie wir es wahrscheinlich auch alle seit Jahrzehnten tun. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen zudem, dass teilverbundene Schriften besonders schnell geschrieben werden können. Ich würde abermals vermuten, dass auch alle Kolleginnen und Kollegen hier im Landtag genau diese Art von Schreibschrift verwenden. Worauf es ankommt, ist eine Handschrift, die leserlich ist, die flüssig ist und automatisiert ist. Am Ende der vierten Klasse sollen die Kinder in einem angemessenen Tempo und mit einer guten, lesbaren, individuellen Handschrift auch schreiben können. In der Tat ist es natürlich auch eine Aufgabe, der sich unsere Lehrerinnen und Lehrer tagtäglich stellen. Das ist das Ziel unseres Lehrplans. Die im Antrag genannten Vorteile des Handschreibens, etwa für die Feinmotorik oder die Entwicklung des Schreibens sind wichtig, sie beziehen sich auf das Handschreiben allgemein, sie belegen nicht, dass nur eine bestimmte Schreibschrift genau diese Wirkung entfaltet. Für den Einstieg in den Schriftspracherwerb ist eine Druckschrift oft hilfreich, weil sie den Kindern vielleicht auch aus den Lesebüchern vertrauter ist. Von dort können sie ihre Handschrift direkt zu einer verbundenen Schrift oder über eine Übergangsschrift weiterentwickeln. Das ist auch die weitläufige Praxis in unseren Schulen. Wenn Sie sich die Schulbücher anschauen, ob es Klett oder Mildenberger oder wer auch immer ist, genau diese Verlage setzen auf diese Methodik hin zur Schreibschrift. Der Lehrplan bringt es auf den Punkt: Maßgeblicher als die gewählte Schriftform ist die Qualität des Handschreibunterrichts. Kinder müssen schreiben üben und ihre Schrift weiterentwickeln können und Lehrkräfte müssen beobachten, sie müssen unterstützen und sie müssen dabei begleiten. Darum geht es: um guten Unterricht, um das regelmäßige Üben und um eine Handschrift, die für das einzelne Kind auch tatsächlich funktioniert. Eine starre Vorgabe bestimmter Buchstabenformen hilft dabei wenig. Auch die Schreibschriften, die der Antrag als Vorbild nennt, sind nicht vollständig verbunden und auch Erwachsene schreiben häufig teilverbunden. Zum zweiten Punkt Ihres Antrags: Auch beim Einsatz digitaler Geräte geht es nicht um das Entweder-oder. Das haben fast alle Vorredner schon herausgearbeitet. Der Thüringer Lehrplan stellt Handschreiben und digitale Medien nicht gegeneinander. Handschreiben bleibt wichtig. Handschreiben hat die Priorität. Digitales Schreiben kann es ergänzen. Wenn ich sehe, wie hier im Raum digitale Endgeräte von allen genutzt werden, dann ist es, glaube ich, ein vernünftiger, pragmatischer Weg, dass wir auch in der Schule davor die Augen nicht verschließen. Welche Methode des Schrifterwerbs im Unterricht passt, das entscheidet die Lehrkraft nach Ziel, nach Inhalt und nach Situation. Das ist auch gut so, weil wir hohes Vertrauen in die Kompetenz unserer Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer haben. Unser Anspruch muss sein, dass unsere Kinder sicher, flüssig und natürlich leserlich schreiben lernen und zugleich verschiedene Zugänge zum Schreiben kennenlernen. Priorität haben Stift und Papier, aber natürlich müssen wir auch Medienbildung klug einbinden. Die Schreibschrift steht wieder fest und klar im Thüringer Lehrplan. Das hat diese Landesregierung umgesetzt. Entscheidend ist jetzt, dass sie im Unterricht auch gut vermittelt wird und regelmäßig geübt wird. Die Lesen-Schreiben-Rechnen-Garantie wirkt. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
(Beifall CDU, Thüringen.Gerecht, SPD)
