Boos-John
b) auf Antrag der Fraktion Die Linke zu dem Thema: „Ausbildungsstart: Azubis unter Druck – Thüringen als Ausbildungsstandort entlasten und stärken“
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren im Parlament, aber natürlich auch online oder auf der Tribüne! Der Start für jeden Azubi in eine Ausbildung ist für junge Menschen immer schon ein wichtiger Schritt und natürlich auch ein einschneidender, denn er geht hinein in das Berufsleben, hinein in eine neue Verantwortung, häufig eben auch verbunden mit einem neuen Alltag, neuen Anforderungen und teilweise auch einem Umzug. Dass dieser Übergang für die jungen Menschen mit Belastungen verbunden sein kann, das ist entsprechend auch nicht überraschend. Und natürlich müssen wir ganz genau hinschauen, wenn junge Menschen sich dauerhaft überfordert fühlen oder wenn Rahmenbedingungen den erfolgreichen Abschluss einer Ausbildung erschweren. Völlig klar ist: Thüringen, wir alle brauchen unsere Auszubildenden. Sie sind die Fachkräfte von morgen und damit auch unsere Zukunft von morgen. Sie sind entscheidend für unsere Unternehmen und natürlich auch für unseren Wirtschaftsstandort. Der DGB-Ausbildungsreport 2026 für Deutschland – das ist mir nochmal wichtig – legt in diesem Jahr einen ganz besonderen Schwerpunkt auf die mentale Gesundheit. Das ist auch der Anlass der Aktuellen Stunde. Das Ergebnis der Befragung zeigt zwei Seiten. Einerseits ist eine deutliche Mehrheit mit ihrem Ausbildungsplatz zufrieden, aber gleichzeitig berichtet auch rund die Hälfte der Befragten von psychischen Belastungen. Mentale Schwierigkeiten können durch unterschiedliche Faktoren beeinflusst sein: auf der einen Seite durch den Beruf, durch diese neue Situation in der Berufsschule, im Betrieb, aber vielleicht auch in der überbetrieblichen Ausbildungsstelle, aber natürlich auch durch das Privatleben, das Gesellschaftsleben, Social Media, aber auch durch die gerade in den letzten Jahren anhaltenden gesellschaftlichen Krisen und globalen Krisen wie auch Kriege. Hinzu kommen natürlich auch Belastungen von außerhalb, wie finanzielle Sorgen. Mehr als ein Drittel der Probleme stehen auch im Zusammenhang mit der Wohnsituation. Wir haben das gehört. Natürlich müssen wir diese Zahlen ernst nehmen, aber wir müssen sie auch – und das ist mir wichtig – sachlich einordnen. Zum einen zeichnen andere aktuelle Befragungen – ich glaube, es ist immer wichtig, sich einen kompletten Überblick zu verschaffen – kein insgesamt negatives Bild der dualen Ausbildung. So zeigt die bundesweite Studie „Ausbildungsperspektiven 2026“ der Bertelsmann Stiftung, dass neun von zehn der befragten Auszubildenden mit ihrer Ausbildung zufrieden sind. Belastungen und eine insgesamt positive Bewertung der eigenen Ausbildung schließen sich also nicht unbedingt aus. Ich hatte schon gesagt, dass der DGB-Bericht auf einer bundesweiten Befragung fußt und ein Rückschluss auf die Situation in Thüringen insofern nur bedingt gezogen werden kann. Der Report zeigt aber trotzdem deutlich: Die Qualität der Ausbildung und insbesondere eine verlässliche Betreuung machen einen Unterschied, machen den Unterschied. Junge Menschen brauchen Ansprechpartner, die erreichbar sind, sie brauchen eine Ausbildung, die gut organisiert ist, sie brauchen klare Erwartungen, angemessene Verantwortung und Unterstützung, wenn Schwierigkeiten auftreten. Sie brauchen offene Kommunikation und müssen diese lernen. Sie müssen schauen, dass sie mit ihrem Ausbilder, und der Ausbilder natürlich mit ihnen, stets und ständig in Kommunikation sind. Eine Großzahl der Themen wird über die Ausbildungsbetriebe abgedeckt. Ich möchte sagen, dass viele Thüringer Unternehmen diese Verantwortung sehr ernst nehmen. So komme ich zu einer weiteren Studie bzw. einer Umfrage, die die IHK in Thüringen im dem Jahr 2026 erstellt hat. Da bewerten rund 92 Prozent der befragten Auszubildenden, dass das Betriebsklima in den Unternehmen positiv ist. 85 Prozent geben an, ein gutes Verhältnis zu ihren Ausbilderinnen und Ausbildern zu haben. 85 Prozent der Auszubildenden würden ihren Ausbildungsbetrieb weiterempfehlen. Besonders positiv hervorgehoben werden eine gut organisierte Ausbildung, die Aussicht auf Übernahme nach dem Abschluss, Karriere- und Aufstiegschancen sowie eine attraktive Ausbildungsvergütung. Auch die Erreichbarkeit – das hatten wir eben hier auch – der Ausbildungsbetriebe ist für einen großen Teil der Befragten vergleichsweise gut. 64 Prozent benötigen für den Weg zum Ausbildungsbetrieb höchstens 30 Minuten, um die 20 Prozent bis zu 60 Minuten. Deshalb wäre es falsch, die Ergebnisse des DGB-Ausbildungsreports zu verallgemeinern und auf grundsätzlich unzureichende Ausbildungsbedingungen zu schließen. In Thüringen gibt es zudem auch ein Berufsschulnetz, dass Wohnortnähe und Ausbildungsqualität in möglichst berufsfreien Fachklassen so weit wie möglich miteinander verbindet. Dass das natürlich in ländlich geprägten Gebieten nicht immer leicht ist, ist völlig klar. In den anderen Fällen findet der Berufsschulunterricht in Blockwochen statt, um das zu organisieren, in denen die Auszubildenden die bereitgestellten Wohnheimplätze am Berufsschulort nutzen können. Für die im Bericht untersuchten meistfrequentierten Ausbildungsberufe erfolgt die Beschulung in Thüringen vergleichsweise wohn- und ausbildungsortsnah und an grundsätzlich gut ausgestatteten Schulen. Dennoch stehen aber die Schulträger vor den großen Herausforderungen, die Ausstattung angesichts des rasanten technologischen Fortschrittes, aber natürlich auch der Haushaltslagen, auf den aktuellen Stand zu halten. Bund und Länder haben hier in den vergangenen Jahren erhebliche Mittel, Sondermittel, zum Beispiel auch im Rahmen des Digitalpakts, zur Verfügung gestellt. Eine große Herausforderung stellt die Versorgung mit ausreichend qualifiziertem Lehrpersonal dar. Ja, wir hören das allenthalben. Angesicht des vergleichbaren hohen Altersdurchschnitts der Lehrkräfte erhält dieses Thema natürlich immer wieder zunehmende Brisanz. Ich darf aber sagen, dass Thüringen und hier das Thüringer Bildungsministerium auf diese Situation mit unterschiedlichen Maßnahmen, etwa der besseren Qualifikation von Seiten- und Quereinsteigern, der Entlastung von Lehrern von administrativen Aufgaben sowie auch einer stärkeren Ausrichtung der Lehrkräfte am Bedarf der Schulen und der Lehrkräfte arbeitet. Auch das Thüringer Ministerium für Soziales, Gesundheit, Arbeit und Familie hat beispielsweise den Thüringer Wegweiser für mentale und seelische Gesundheit auf den Weg gebracht. Er zeigt die Angebote in den Regionen auf. Das Ministerium entwickelt darüber hinaus gemeinsam mit Fachleuten zusammen einen rund um die Uhr erreichbaren telefonischen Krisendienst. Das alles, um beim Thema der mentalen Gesundheit auch zu unterstützen. Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich habe in meiner Laufzeit über 200 Auszubildende in den Berufsalltag geführt. Ich darf Ihnen sagen, wir haben in Deutschland, wir haben in Thüringen eine Vielzahl von unterschiedlichen Themen, die die Qualitätsstandards auch immer wieder hochhalten. Das ist eine Fülle von gut ausgebildeten Vertrauenslehrern in den Schulen, das ist der Ausbildungsschein der Ausbilder, der gemacht werden muss, das sind viele andere Punkte. Mehr Belastung sollten wir dann auch in die Unternehmen nicht reinbringen, damit sie eben die Zeit für und an den jungen Menschen auch aufwenden können. Wir sollten also die berufliche Bildung in Thüringen nicht schlechtreden. Wir haben, das möchte ich noch mal ausdrücklich sagen, eine Fülle von sehr engagierten Ausbildungsbetrieben, wir haben eine Fülle von attraktiven Ausbildungsberufen und wir haben junge Menschen, die sich ganz bewusst, zum Beispiel, wir haben das schon gehört, auch über den TiP ganz bewusst den Weg für eine berufliche Ausbildung wählen und von dieser überzeugt sind. Gemeinsam – Ausbildungsbetrieb, Ausbilder, Azubi, Lehrer, Vertrauenslehrer und alle anderen –, gemeinsam, zusammen ist man stark, kann man die Themen gut angehen und können wir hier in Thüringen qualitativ gute Zusammenarbeit in der Ausbildung verbringen, im Tagesgeschäft stets und ständig. Daran arbeiten wir weiter, auch mit unseren Kammern. Danke schön.
(Beifall CDU)
