Elisabeth Mengel-Stähle
b) auf Antrag der Fraktion Die Linke zu dem Thema: „Ausbildungsstart: Azubis unter Druck – Thüringen als Ausbildungsstandort entlasten und stärken“
Sehr geehrter Herr Landtagspräsident, sehr geehrte Abgeordnete, liebe Zuschauer auf der Tribüne und am Livestream, in diesen Wochen beginnen Tausende von Thüringern ihre Berufsausbildung. Sie ist der erste Schritt in das eigenständige Leben. Für unsere Handwerksbetriebe, für den Mittelstand und für die Industrie ist es die Grundlage ihrer Zukunft. Deshalb ist das Thema dieser Aktuellen Stunde berechtigt. Schauen wir zuerst auf die Fakten. Der aktuelle DGB-Ausbildungsreport hat rund 13.000 Auszubildende befragt. Es ist zwar keine Thüringer Erhebung, aber die Ergebnisse sind ein deutliches Warnsignal: 50,6 Prozent der Befragten fühlen sich psychisch belastet, fast jeder Zweite nennt seine finanzielle Situation, 35 Prozent die Wohnsituation, 35,4 Prozent leisten regelmäßig Überstunden und 41,7 Prozent der belasteten Auszubildenden haben niemanden, mit dem sie über ihre Probleme sprechen können. Besonders aufschlussreich ist auch ein anderer Befund. Sind Ausbilder immer erreichbar fühlen sich nur 8,5 Prozent der Azubis hoch belastet, sind sie hingegen selten oder nie erreichbar, sind es satte 36 Prozent. Das heißt, die Qualität der Ausbildung im Betrieb entscheidet über die Belastung junger Menschen. Und gestern kam der nächste Weckruf. Die neue PISA-Studie zeigt: Deutschlands 15-Jährige erreichen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften die niedrigsten Werte seit Beginn der Erhebungen. Etwa ein Drittel verfehlt beim Lesen und Rechnen die Mindeststandards. Rund ein Fünftel hat in keinem der drei Bereiche ausreichende Basiskompetenzen. Werte Kollegen Abgeordnete, wer heute über Ausbildungsstart redet, der muss auch über Ausbildungsreife reden. Denn was in der Schule versäumt wird, das fehlt später in der Berufsschule und im Ausbildungsbetrieb.
(Beifall AfD)
Doch wie sieht die Lage in Thüringen aus? Nach dem Start des Ausbildungsjahrs sind noch immer 2.383 Lehrstellen ohne Bewerber und gleichzeitig gelten jedoch 1.524 junge Menschen weiter als ausbildungssuchend. Das Ausbildungsangebot ist um mehr als 11 Prozent gesunken. Wir haben also kein einfaches Zahlenproblem, sondern ein Passungsproblem. Ein Passungsproblem bei Beruf, bei Region, bei Erreichbarkeit und bei den Voraussetzungen. Nun zur Aktuellen Stunde der Linken: Sie beschreiben reale Probleme, aber Ihr Instrument, das überzeugt nicht. Ein Azubiwerk mit eigener Organisation, Beratungsangeboten, Freizeitprogramm, Beteiligungsstrukturen und Jahreskonferenzen schafft zunächst Zuständigkeiten und Verwaltung. Aber es schafft keine einzige Wohnung, es schafft keinen Busfahrplan und es schafft auch keine zusätzlichen Ausbilder.
(Beifall AfD)
Und das sage nicht nur ich. Die Landesregierung hat dieses Modell auf Beschluss des Landtags geprüft. Das Ergebnis? Es ist rechtlich möglich, fachlich aber nicht befürwortet. Die Begründung: Auszubildende sind über viele Lernorte verteilt, die Bedarfe sind regional völlig unterschiedlich und es entstehen Verwaltungskosten und Doppelstrukturen. Damit komme ich zur Koalition: Die CDU, das ehemalige BSW und die SPD haben im Mai 2025 in diesem Haus gesagt, wir prüfen, wir denken vom Bedarf her und wir nutzen das Förderprogramm „Junges Wohnen“ auch für Azubis. Und meine Frage lautet heute schlicht: Wo sind die Ergebnisse? Die Prüfung liegt vor, der Bedarf ist bekannt, aber ein Bericht ist eben keine Wohnung und ein Prüfauftrag ist auch kein Berufsschulunterricht. Wir sollten ehrlich benennen, was jungen Menschen tatsächlich hilft. Erstens, Wohnen dort schaffen, wo es fehlt, an Berufsschulstandorten mit Blockunterricht, und zwar durch Nutzung und Sanierung bestehender Gebäude gemeinsam mit Schulträgern und kommunalen Wohnungsunternehmen. Zweitens, Mobilität. Wer im ländlichen Raum früh in seinem Betrieb sein muss, der braucht eine bezahlbare Lösung. Dazu gehört ein verlässlicher öffentlicher Personennahverkehr. Dazu gehört aber auch ein Führerschein, den sich junge Menschen mit Blick auf die exorbitant gestiegenen Benzinkosten noch leisten können.
(Beifall AfD)
Drittens, Berufsschulen. Die GEW warnt, dass Fachlehrkräfte kaum noch zu gewinnen sind. Aber ohne Fachlehrer und ohne verlässlichen Unterricht ist jede Ausbildungsoffensive wertlos. Viertens, die Ausbildungsqualität im Betrieb. Auszubildende brauchen Anleitung und feste Ansprechpartner und nicht dauerhafte Lückenfüllerarbeiten. Und fünftens, die Betriebe müssen entlastet werden. Wer ausbildet, verdient Unterstützung und weniger Bürokratie, nicht neue Abgaben. Werte Kollegen Abgeordnete
