thueringer-landtag.de ↗

Claudia Heber

CDU 25.06.2026 Sitzungen 8/48

Situation der Pflegefamilien und Pflegekinderhilfe in Thüringen

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Regierungsvertreter, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Zunächst einmal freue ich mich, dass wir uns alle bei dem Thema zumindest im Ziel einig sind, nämlich die Bedingungen für die Pflegekinder, für die Pflegeeltern hier in Thüringen zu verbessern. Ja, ich gebe es zu, ich habe auch sehr intensiv zugehört. Frau Maurer, lassen Sie mich kurz sagen, weil Sie gesagt haben, Sie sind mit den Familien in Kontakt. Das finde ich gut, das ist wichtig. Aber lassen Sie mich auch sagen: Wir hatten eine Zuschrift an die Ausschussmitglieder, ich habe den Selbsthilfeverband angerufen. Zuerst habe ich mich entschuldigt, weil es so lange gedauert hat und dann sagte mir die Dame: Frau Heber, Sie sind die Erste, die anruft. – Also in diesem Sinne sollten wir uns da alle ein Stückchen zurücknehmen, was diese Dinge angeht, wer da mit wem in Kontakt steht. Ich gebe zu, der Antrag ist nicht unmaßgeblich aus meiner Feder. Vielleicht auch, weil Sie gesagt haben, Frau Maurer, hier ist was verkehrt, das muss ein Selbstbefassungsantrag sein. Ja, man hätte das auch als Selbstbefassungsantrag machen können. Aber – und jetzt komme ich zum Schaufenster und in diesem Sinne auch zum Schaufenster im besten Sinne – ich finde, dass dieses Thema hier in das Haus gehört. Ich finde, dass wir darüber diskutieren müssen. Ich finde auch, das sage ich Ihnen auch ganz deutlich, das werden Sie im Antrag finden, das ist eine kleine Fußnote, aber die ist sehr wichtig. Denn aktuell wird ja auch im Bund über das Elterngeld gesprochen. Es gibt zwei Bundesratsinitiativen aus den Jahren 2024 und 2025, denen sich Thüringen angeschlossen hat. In diesen Bundesratsinitiativen wurde gefordert, dass Pflegeeltern auch die Möglichkeit haben, Elterngeld zu bekommen. Das ist eine Leistung des Bundes. Deshalb finde ich, ist es richtig, dass wir dieses Thema auch hier diskutieren und ich hoffe und ich wünsche mir sehr, dass wir dazu auch Ausführungen hören und vor allem auch hören, wie eventuell der Stand ist und was Pflegeeltern hier vielleicht erwarten können. Denn es ist nicht einfach, das kann Herr Steinbrück bei seinem Kollegen Mühlmann nachfragen, der uns ja heute Vormittag mit seiner Kenntnis zu den ganzen Zuständigkeiten erfreut hat. Denn das Problem der Zuständigkeiten ist tatsächlich ein Problem. Und genau dieses Problem der Zuständigkeiten hat der Kollege Hoffmeister auch erlebt. Ich habe es mir mal kurz rausgeholt. Ich habe hier ein Papier von den Pflegefamilienverbänden und da steht tatsächlich unter ganz vielen Punkten: „Verbindliche Weisungsbefugnis der Landesjugendämter gegenüber örtlichen Jugendämtern bei gravierenden Missständen“. Schauen Sie, da habe ich mir ein Kreuzchen hingemacht. Also wir werden dieses Thema diskutieren und wir werden uns dieser Sache auch annehmen. Ich möchte auch gleich noch vorwegsagen, weil mir das auch sehr wichtig ist: Mehr als 98 Prozent aller Kinder in Thüringen leben bei ihren leiblichen Eltern. Nur jedes 60. Kind lebt in einer stationären Einrichtung oder bei Pflegeeltern. Das sind in Thüringen kaum 2 Prozent. Wir haben die Zahlen vorhin schon gehört. Wir reden also bei Pflegekindern von weniger als 1 Prozent der Kinder und wir reden über ein Thema, das leider viel zu oft unter dem Radar läuft. Das ist meine Wahrnehmung und deshalb, finde ich, gehört es hier in das Parlament. (Beifall CDU, BSW) Ich gebe Ihnen noch ein paar Zahlen mit auf den Weg: Eine Heimunterbringung kostet uns pro Kind pro Monat ungefähr – das geht ab 5.000 Euro los, das kann auch deutlich mehr werden. Das heißt, wenn man das mal grob durchrechnet, sind das 200 Millionen Euro pro Jahr. Das heißt, eine Unterbringung in einer Pflegefamilie kostet nicht annähernd so viel, vielleicht ein Viertel, wenn überhaupt. Jedes Kind, das aus dem Heim in eine Pflegefamilie wechselt, spart uns also auch massiv Geld. Aber ich bin ja hier nicht als Finanzpolitikerin, sondern ich bin als Sozialpolitikerin hier. Ehrlicherweise werden wir nicht jedes Kind, das in einer stationären Einrichtung ist, in eine Pflegefamilie geben können. Aber viele Kinder, die in Heimen leben, würden sich über eine passende Pflegefamilie freuen. Ich habe mir, lassen Sie mich das ausdrücklich sagen, beides angeschaut. Ich war da, ich war vor Ort. Und ich kann Ihnen sagen, dass sich an beiden Orten liebevoll um die Kinder gekümmert wird, die aus unterschiedlichen Gründen nicht bei ihren Eltern sein können. Lassen Sie mich auch sagen, diese Kinder haben alle, wirklich alle einen Rucksack, mal klein, mal riesig groß, Bindungsstörungen inklusive. Wir reden über FASD, die fetale Alkoholspektrumstörung. Wir reden über psychische Auffälligkeiten, wir reden über Verhaltensprobleme, aber wir reden unter anderem auch über Gewalterfahrung, Traumata und über sexuellen Missbrauch. Wir haben das schon gehört, in der Einrichtung ist professionelles Personal mit pädagogischer Ausbildung im Schichtdienst für die Kinder da – emotional anspruchsvoll und mit den üblichen Schwierigkeiten, Personal zu finden. Ein Paar hingegen, das sich entscheidet, ein Pflegekind aufzunehmen, weiß in der Regel nicht, wie groß der Rucksack ist und was darin steckt. Pflegeeltern müssen Biografiearbeit leisten, aber auch Hilfeplangespräche führen. Pflegeeltern müssen oft den Umgang mit den leiblichen Eltern organisieren und absichern. Pflegeeltern leben immer in der Ungewissheit, dass das Kind jederzeit wieder aus der Familie herausgenommen werden kann. Und Pflegeeltern spiegeln mir gelegentlich das Gefühl, dem einen oder anderen Sachbearbeiter vom Jugendamt nicht gut genug zu sein. Wie oft habe ich gehört: Die machen das doch nur des Geldes wegen. Nein, das tun sie nicht. Man muss verdammt viel intrinsische Motivation haben, um ein fremdes Kind aufzunehmen und ihm ein liebevolles und stabiles Heim zu geben. (Beifall CDU, BSW, SPD) In keinem Gespräch wurde mehr Geld gefordert. Wenn ich danach gefragt habe, ging es um die Bürokratie bei der Beantragung. Es ging um die Frage, warum der eine Landkreis so viel bezahlt, der andere weniger und warum es hier anders läuft. Es geht einfach um Gerechtigkeit. Und das schauen wir uns einfach mal genauer an. Wir haben tatsächlich auch das Problem, diese Zahlen herauszubekommen. Deshalb machen wir das auf diesem Weg. Es ging auch um die Frage der Elternzeit, ich habe das gerade schon erwähnt. Aber es ging immer in erster Linie um die Kinder, wie lange es gedauert hat, bis sie endlich vermittelt wurden, die Abstimmung mit den Behörden, unterschiedliche Sichtweisen des Jugendamts, das Aufenthaltsbestimmungsrecht, die schleppende Bearbeitung durch die Vormundschaftsstellen, den Umgang mit den leiblichen Eltern und auch Probleme, Behandlungen und Therapien zu bekommen – Frau Maurer hat es erwähnt –, oder eben auch die langen Wartezeiten bei der Diagnostik. Pflegefamilien sind fiskalisch ein Gewinn – und mehr noch: ein Segen für die Kinder. Aber ganz ehrlich: Wer tut sich das an? Kann ich nach meiner Erfahrung, nach meinen Gesprächen allen Ernstes empfehlen, sich als Pflegefamilie anzubieten, vielleicht auch noch als Bereitschaftspflegefamilie? Bereitschaftspflege heißt nämlich, innerhalb weniger Stunden loszufahren und die Kinder aus unterschiedlichsten Krisensituationen aufzunehmen. Die Kinder bleiben dann dort, bis eine passende, dauerhafte Pflegestelle gefunden wird, denn der Platz muss schnell wieder frei werden. Stellen Sie sich vor, mehr als 70 Kinder würden zu Ihnen Mama und Papa sagen. So eine Familie habe ich kennengelernt. Manches Kind war nur wenige Tage dort, andere viele Monate. Sie wissen nie, wann der Anruf kommt. Sie haben über Beschwernisse berichtet, die mir so gar nicht bewusst waren. Und ganz lieben Dank euch beiden für eure Offenheit, ein herzliches Dankeschön. Ich habe das Leuchten in euren Augen gesehen, wenn ihr über die Kinder erzählt habt. Ich habe die Freude gespürt, wenn eines eurer Kinder eine liebevolle Pflegefamilie gefunden hatte und eine so seltene Adoption geglückt ist. Ich weiß nicht, wie man es emotional schafft, aber ich weiß, dass jeder Tag bei euch für die Kinder ein Segen ist, ein Gewinn für einen besseren Start ins Leben und für die Chance auf eine gute Zukunft. (Beifall CDU) Ihr tut mehr jeden Tag, als wir hier mit unseren schlauen Reden tun können. Meine Redezeit ist vorbei, weil ich noch auf die anderen eingegangen bin. Aber ich hoffe, das Thema ist angekommen. Ich freue mich jetzt auf die Ausführungen der Landesregierung und auf gute Beratungen im Ausschuss. Danke schön. (Beifall CDU, BSW, SPD)

Alle Reden von Claudia Heber Protokoll ↗