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Anke Wirsing

BSW 25.06.2026 Sitzungen 8/48

Situation der Pflegefamilien und Pflegekinderhilfe in Thüringen

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, werte Gäste am Livestream, es geht um Pflegefamilien, um Pflegeeltern. Das sind die, die zumindest in meinem Bewusstsein die Einzigen sind, die 24/7 arbeiten, die keine Freizeit haben, keine geregelten Pausen – nichts. Wir sprechen hier in Thüringen von Pflegefamilien, die momentan rund 2.000 Kinder in ihrer Betreuung haben, oft mit schweren Vernachlässigungen, erfahrener körperlicher oder auch psychischer Gewalt, Verlust, traumatischen Erfahrungen und vielem mehr. Diese Kinder brauchen weit mehr als nur ein Dach über den Kopf oder Essen auf dem Teller. Sie brauchen verlässliche Bezugspersonen, Anteilnahme, Geborgenheit, Vertrauen, Verständnis und Liebe, also ein echtes Zuhause. Pflegeeltern können das leisten. Als Gesetzgeber müssen wir jedoch feststellen, die Rahmenbedingungen für diese wertvolle Arbeit stehen vor massiven Herausforderungen. Jugendämter und Experten berichten unisono von zunehmenden Schwierigkeiten bei der Gewinnung neuer Pflegefamilien und das bei gleichzeitig steigenden Bedarfen. Schauen wir uns die Realität an. Schon heute sind in Thüringen fast doppelt so viele Kinder in stationären Einrichtungen untergebracht wie in Pflegefamilien. Es besteht aus unserer Sicht hier aktuell absolut Handlungsbedarf. Wir wollen, dass Kinder in familiären Strukturen aufwachsen können. Deshalb müssen wir die Herausforderungen von Pflegefamilien jetzt offensiv adressieren und ihre Bedürfnisse ins Zentrum der politischen Debatte richten. Genau darum geht es in dem Antrag der Koalition. Schließlich haben die Kinder in Familien in aller Regel bessere Entwicklungs- und Teilhabechancen. Das sagt uns nicht nur der gesunde Menschenverstand, das belegen auch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen. Die Forschungsergebnisse sind eindeutig. Ehemalige Pflegekinder entwickeln sich in Heimen nicht ganz so, was soziale Bindungen anbelangt, wie in einer Pflegefamilie. Sichere Bindungen sind aber die fundamentale Grundlage für schulischen und beruflichen Erfolg, für psychische Stabilität und eine echte gesellschaftliche Teilhabe. Hierzu kommt laut Daten des Bundesamts für Statistik, Kinder verbleiben deutlich länger in Pflegefamilien als in stationären Einrichtungen. Sie wachsen also in stabilen, kontinuierlichen Verhältnissen auf. Auch das hilft ihnen maßgeblich, mit ihren traumatischen Vorerfahrungen umgehen zu können und wieder Vertrauen vor allen Dingen in Erwachsene entwickeln zu können. Dabei geht es mir ausdrücklich nicht darum, Heime oder Wohngruppen schlechtzureden. Auch sie leisten in Thüringen eine hervorragende, wertvolle und absolut unverzichtbare Arbeit. Viele Erzieherinnen und Erzieher, viele Sozialpädagogen engagieren sich dort Tag für Tag für die Kinder, um ihnen zu helfen. Aber seien wir ehrlich, eine professionelle, im Schichtdienst organisierte Einrichtung kann eine intakte Familie nicht ersetzen. Wir brauchen also mehr Pflegefamilien, auch um die soziale Gerechtigkeit in unserem Land zu stärken und insbesondere Kinder aus schwierigen Verhältnissen faire Startchancen ins Leben zu geben. Doch die Realität zeigt, wer Bedingungen verbessern will, muss erst einmal wissen, wo der Schuh überhaupt drückt. Wer mehr Familien gewinnen will, muss diejenigen stärken, die bereit sind, diese enorme Verantwortung zu übernehmen. Sie brauchen kompetente Ansprechpartner, ausreichende Beratungsangebote, kontinuierliche Fortbildung und verlässliche, gerechte finanzielle Rahmenbedingungen. Genau hier setzt der Antrag auch an. Der Landtag stellt heute fest, dass wir eine tiefgehende Bestandsaufnahme brauchen. Wir bitten die Landesregierung um einen umfassenden Bericht zur Situation der Pflegekinderhilfe in Thüringen, und zwar in drei Kernbereichen: Erstens: die Beratungs- und Unterstützungsstruktur. Wir müssen wissen, wie es um die personelle Ausstattung der Pflegekinderdienste in Thüringer Jugendämtern bestellt ist. Gibt es landesweite Mindeststandards für die Beratung und die Begleitung? Wir hören von erheblichen Unterschieden zwischen den Landkreisen und den kreisfreien Städten, was die Intensität der Betreuung angeht. Das darf nicht vom Ort abhängen. Jede Familie in Thüringen hat das Recht auf die gleiche Qualität und die hochwertige entsprechende Unterstützung. Zweitens geht es um die finanziellen Leistungen. Es gibt eklatante Unterschiede bei der Höhe und der Ausstattung des Pflegegelds und der Sätze für die Bereitschaftspflege zwischen den einzelnen Kommunen. Wir müssen prüfen, welche landeseinheitlichen Vorgaben oder Empfehlungen es gibt, wo dringender Anpassungsbedarf besteht. Gerade bei der Bereitschaftspflege, wo Familien rund um die Uhr von jetzt auf gleich Kinder in Not aufnehmen, brauchen wir adäquate finanzielle Leistungen, die diese ständige Einsatzbereitschaft auch absichert und wertschätzt. Drittens: die Gewinnung und die rechtlichen Rahmenbedingungen. Wie sieht die aktuelle Versorgungslage konkret aus, welche Maßnahmen greifen vor Ort, um neue Familien zu gewinnen? Hier ist der Bund ja schon ein bisschen vorangeschritten mit seiner Kampagne „Zeit, die prägt“ und auch die Bundesratsinitiativen der Jahre 2024 und 2025, insbesondere zur Einführung eines Pflegegelds für Pflegefamilien, sind Meilensteine, die wir hier in Thüringen bewerten und auch unterstützen müssen. Sehr geehrte Damen und Herren, mit der geforderten Berichterstattung lösen wir natürlich nicht alle Probleme von heute auf morgen. Aber wir schaffen die notwendige Transparenz, um eine fundierte, datenbasierte Grundlage für die richtigen politischen Entscheidungen für die Zukunft treffen zu können. Und wir senden auch heute hier – wenn auch leider ein bisschen spät und ohne Publikum – ein ganz klares Signal an alle Pflegefamilien aus: Ihre Arbeit wird gesehen, Ihre Leistung wird von diesem Hohen Haus zutiefst anerkannt

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