Moritz Kalthoff
Effektives Starkregenmanagement für Thüringen
Sehr geehrter Herr Präsident, werte Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete, noch mal liebe Zuschauerinnen und Zuschauer auf der Tribüne, aber ganz besonders – Frau Hoffmann, gut zuhören – liebe Gemeinderäte in Kranichfeld, die gerade mit zuschauen, und auch lieber Bürgermeister Jörg Bauer, es ist so, dass wir diesen Antrag schon vorbereitet hatten, bevor die Anhörung geschehen ist. Man kann uns das hier unterstellen, aber mein Beispiel, das uns den Anlass gegeben hat, in diese Arbeit einzusteigen, ist ein Ereignis, was sich jetzt in zwei Wochen jähren wird. Und zwar, gehen wir in den Sommer 2025 in Kranichfeld. Auf der Niederburg findet bei bestem Wetter das Rosenfest statt: ausgelassene Stimmung, fröhliche Menschen, Familien feiern gemeinsam, ein wunderbarer Sommertag in Thüringen. Doch wenige Stunden später ändern sich die Realitäten schlagartig. Regen setzt ein, Sirenen heulen, Keller laufen voll. Straßen stehen unter Wasser, Feuerwehr und Rettungskräfte kämpfen gegen die Wassermassen. Wieder einmal trifft ein Starkregenereignis die Stadt Kranichfeld. Dann Mai 2026 in Nordthüringen: Wieder ähnliche Bilder, wieder überflutete Straßen, wieder vollgelaufene Häuser. Wieder Menschen, die innerhalb weniger Minuten einen Teil ihrer Sicherheit und ihres Eigentums verlieren. Genau diese beiden Beispiele – zwei Beispiele von vielen – machen deutlich, Starkregen ist längst kein Ausnahmeereignis mehr. Es ist in Thüringen angekommen und deshalb reden wir heute auch nicht über abstrakte Zukunftsszenarien, sondern über konkreten Bevölkerungsschutz im Hier und Jetzt. Denn es bleibt uns nichts anderes übrig, als der Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Der Klimawandel ist längst keine abstrakte Bedrohung mehr, die uns irgendwann in ferner Zukunft einholen wird. Er findet hier und jetzt statt und seine Extremeffekte fordern uns täglich heraus. Die meteorologische Entwicklung der letzten Jahre und Jahrzehnte zeichnet hierbei ein erschreckend klares Bild. Die Wissenschaft prognostiziert es seit Langem und die Wetterdaten der jüngeren Vergangenheit bestätigen es unmissverständlich: Starkregenereignisse werden in Zukunft mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit weiter zunehmen. Die physikalischen Gesetzmäßigkeiten, die dahinterstehen, bestätigen diese Beobachtung. Und jetzt für Sie, Herr Dietrich, das habe ich extra rausgesucht: Eine wärmere Atmosphäre kann pro Grad – also Sie haben gestern von 1 Grad geredet – 7 Prozent mehr Wasserdampf aufnehmen. 7 Prozent mehr Wasserdampf bedeutet bis zu 14 Prozent intensiveren Starkregen – die Intensität, es gab eine interessante Studie dazu, die das belegt hat, dass es genauso passiert, weil die Wolken dann schlagartig wie eine Wasserbombe abregnen. Also wenn wir früher in den Sommermonaten mit klassischen erfrischenden Gewitterschauern rechnen konnten, erleben wir heute diese regelrechten Wasserbomben, die ganze Landstriche in kürzester Zeit unter Wasser setzen. Diese Dynamik hat sich in den letzten Jahren massiv beschleunigt. Starkregen ist zu einer der größten und gleichzeitig am schwersten kalkulierbaren Naturgefahren für unsere Infrastruktur und Bevölkerung geworden. Das Heimtückische an diesen Ereignissen ist ihre fundamentale Unvorhersehbarkeit. Anders als bei den klassischen Flusshochwassern an der Saale oder an der Werra, bei denen sich die Pegelstände über Tage ankündigen und den Einsatzkräften wertvolle Vorlaufzeit für Sandsackwälle und Evakuierungen bieten, schlägt Starkregen ohne Vorwarnung zu. Er kann jede Gemeinde, jeden Hang und jedes Dorf im Freistaat gleichermaßen treffen und das völlig unabhängig davon, ob ein Fluss in der Nähe ist oder nicht. Innerhalb von Minuten verwandeln sich harmlose Straßen in reißende Sturzbäche und auch die Versicherungsstatistiken sprechen hierzu eine eindeutig alarmierende Sprache. Etwa die Hälfte aller versicherten Überflutungsschäden in Deutschland gehen mittlerweile auf das Konto von Starkregen. Ein absoluter Schutz gegen diese Naturgewalten ist technisch und wirtschaftlich schlicht unmöglich. Das müssen wir hier so ehrlich aussprechen. Aber genau diese Unvermeidbarkeit verpflichtet uns zu einer konsequenten, vorausschauenden Anpassung an die Klimafolgen. Wir müssen unsere Städte und Dörfer klimaresilienter umbauen. Wir müssen lernen, mit den Extremen zu leben und ihre Auswirkungen durch ein professionelles Risikomanagement so weit wie möglich abzufedern. Klimaanpassung ist praktischer Bevölkerungsschutz und genau das rückt unser Antrag in den Fokus. Wir orientieren uns bei diesem Vorhaben an den bewährten und erfolgreichen Prinzipien des klassischen Hochwasserrisikomanagements. Der Schlüssel zum Erfolg liegt dabei ganz klar auf der kommunalen Ebene. Denn dort entsteht der Schaden und dort muss auch die Vorsorge greifen. Unsere Städte, unsere Gemeinden dürfen mit diesen komplexen Aufgaben jedoch nicht allein gelassen werden. Viele ehrenamtliche Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sowie kleinere Gemeindeverwaltungen sind schlicht überfordert, wenn es um die Erstellung hochkomplexer Risikoanalysen geht. Deshalb fordert unser Antrag die Landesregierung auf, die Thüringer Kommunen flächendeckend und intensiv bei der Initiierung eines maßgeschneiderten Starkregenrisikomanagements zu unterstützen. Der wichtigste Baustein hierbei sind lokale Starkregengefahrenkarten. Wir müssen den Verantwortlichen vor Ort digitale präzise Werkzeuge an die Hand geben, auf denen metergenau simuliert werden kann, wie sich das Wasser bei einem Extremunwetter verhält, welche Senken volllaufen und welche Gebäude besonders gefährdet sind. Nur auf der Grundlage einer solchen systematischen Analyse der Gefährdungs- und Schadenpotenziale können Feuerwehr, Katastrophenschutz und Stadtplanung wirksame Schutzmaßnahmen ergreifen und dazu auch noch das Bewusstsein der Bevölkerung schärfen. Wir müssen ebenso gezielt Anreize für einen verbesserten Wasserrückhalt in der Fläche schaffen. Unsere Land- und Forstwirtschaft spielt hierbei eine Schlüsselrolle. Durch eine erosionsmindernde, nachhaltige Flächenbewirtschaftung können wir dafür sorgen, dass der Boden wie ein natürlicher Schwamm wirkt, der die Wassermassen aufsaugt, anstatt sie ungebremst in die nächsten Wohngebiete abfließen zu lassen. Lassen Sie uns dieses wichtige Fundament gemeinsam gießen. Daher bitte ich Sie um Zustimmung zu diesem Antrag. Vielen Dank.
(Beifall CDU, BSW, SPD)
