Steffen Schütz
Das Auerwild in Thüringen retten – Lebensraum stärken, Gefahr reduzieren, Bestand erhöhen
Herr Präsident, sehr geehrte Abgeordnete, liebe Frau Kollegin, Sie werden es mir verzeihen, dem Thema „Auerhuhn“ habe ich mich bisher gastronomisch und vor allen Dingen verkehrlich genähert. Insofern ist es vielleicht auch gut, dass der Verkehrsminister hier Abbitte leistet und einen Vortrag hält. Ich tue das sehr gern für meinen Kollegen Tilo Kummer. Der ursprüngliche Lebensraum des Auerwilds umfasst in erster Linie die kalten Klimazonen, habe ich gelernt, in der Taiga Nord- und Osteuropas, daneben auch die ursprüngliche Nadelwaldzone der Alpen und Mittelgebirge. Auch Auerwild benötigt als Nahrungsgrundlage im Sommer Beeren, Insekten und Ameisenpuppen. Im Winter ernähren sich die Vögel fast ausschließlich von Fichten- und Kiefernnadeln. Bevorzugte Habitate sind deshalb lichte, nadelbaumgeprägte Wälder, die gut zu durchfliegen sind, mit reichlich beerenstrauchgeprägter Bodenvegetation. Manchmal wünsche ich mir, ich wäre Umwelt- und Energieminister.
(Zwischenruf Abg. Schubert, Die Linke: Welche Bodenvegetation?)
Gefährdungen ergeben sich insbesondere durch den Klimawandel und damit einhergehender Verkleinerung des Lebensraumpotenzials durch Prädatoren wie Fuchs, Marder oder Wildschwein und durch Nahrungskonkurrenz bei hohen Schalenwildbeständen. Zusätzlich wirkt eine ganzjährige Beunruhigung in den Lebensräumen durch Tourismus oder Holzernte nachteilig auf das Auerwild. Bundesweit werden nur die Auerwildbestände im alpinen Bereich sowie im Bayerischen Wald als relativ stabil und überlebensfähig eingeschätzt. Allerdings existieren in den zusammenhängenden Nadelwäldern Nord- und Osteuropas große und stabile Auerwildbestände mit mehreren Millionen Tieren, sodass das Auerwild weltweit nicht als vom Aussterben bedroht gilt. Die Thüringer Landesforstverwaltung engagiert sich seit mehreren Jahrzehnten für den Erhalt des Auerwilds in Thüringen. Die Erhaltungsmaßnahmen sind dabei auf drei Handlungsfelder ausgerichtet: Erstens Habitatverbesserung/Biotoppflege, zweitens Prädatorenmanagement und drittens Stützung des freilebenden Bestands. Ohne diese Erhaltungsmaßnahmen wäre der Auerwildbestand mit hoher Wahrscheinlichkeit in Thüringen bereits erloschen. Zum Handlungsfeld 1, der Habitat-Verbesserungen und Biotoppflege: Das Potenzial für Auerwildlebensräume kann aufgrund des massiven Forstschadensgeschehens seit 2018 nur schwer abgeschätzt werden. Auch im Auerwildprojektgebiet kam es durch Dürre, Sturm, Insektenbefall zu erheblichen Veränderungen der Waldstrukturen in den Auerwildlebensräumen. Durch die Landesforstanstalt sind seit 2020 keine weiteren Auflichtungsmaßnahmen in den Auerwildlebensräumen durchgeführt worden, um eine zusätzliche Destabilisierung der Wälder zu vermeiden. Weitere Auflichtungen der geschädigten Bestände erscheinen angesichts der Waldschadenssituation unsinnig. Inwieweit die im Zuge der Wiederbewaldung entstehenden vielfältigen Waldstrukturen aus verschiedenen Baumarten dem Auerwild zugutekommen würden oder werden, ist gegenwärtig nicht abschließend beurteilbar. Fest steht jedoch, dass die forstwirtschaftliche Nutzung nicht an Intensität zunimmt. Das Auerwild konnte durchaus von der zurückliegenden intensiven naturfernen und Nadelbaum orientierten Kahlschlagsbewirtschaftung in der Vorwendezeit profitieren. Mit dem Übergang zur naturnahen Waldbewirtschaftung und der Förderung heimischer Laubbäume entwickeln sich die Wälder allerdings wieder zu schattigeren Beständen. Diese naturnahen Waldstrukturen sind für das Auerwild weniger geeignet. Hinsichtlich der Einflüsse von Windkraftanlagen auf das Auerwild ist festzuhalten, dass das Auerhuhn aufgrund seiner Flughöhe nicht als kollisionsgefährdete Vogelart gelistet ist. Mit der Einrichtung von EU-Vogelschutzgebieten, die für den Ausbau der Windenergie nicht in Anspruch genommen werden, ist zudem eine ausreichende Schutzwirkung geschaffen worden. Zum Handlungsfeld 2, Prädatoren-Management: Durch ThüringenForst wird seit vielen Jahren ein gezieltes Prädatoren-Management in den vom Auerwild genutzten Lebensräumen durchgeführt. Die Bejagung von Raubsäugern wurde zuletzt intensiviert, um den Reproduktionserfolg zu erhöhen. So wurde die Anzahl, der für das Prädatoren-Management benötigten Arbeitsstunden um ein Drittel erhöht. Derzeit befinden sich 76 Fallensysteme in Betrieb. Alle Fallensysteme sind mit Lebendfangfallen und Fallenmeldern ausgestattet. Zum Handlungsfeld 3, der Stützung des freilebenden Bestands: Bereits 1989 wurde die Auerwildaufzuchtstation in Langenschade – das ist ja heute schon genannt worden – im heutigen Forstamtsbereich SaalfeldRudolstadt in Betrieb genommen. 2012 wurde die Anlage saniert und neu errichtet. In der Station werden Jungvögel aufgezogen und in geeignete Waldgebiete in Thüringen ausgewildert. Durch fortlaufende Ergänzung des Zuchtbestands mit skandinavischen Wildfängen und Schenkungen von Auerhennen und Auerhähnen von Tierpaten aus Frankreich sowie der Schweiz wurde ein genetischer Flaschenhalseffekt verhindert. Zur Stützung des Auerwildbestands wurden im Zeitraum 2010 bis 2025 insgesamt 520 Auerhennen und Auerhähne in Thüringen ausgewildert. Dabei stammten die Tiere sowohl aus der Aufzucht in Langenschade, als auch aus Wildfängen. Zuletzt wurden im Jahr 2022 aus der Region Südlappland in Schweden 40 Auerhennen und im Jahr 2023 nochmals 50 Hennen nach Thüringen eingeführt. Diese Vorhaben konnten als forstliche Förderprojekte im Rahmen der ELER-kofinanzierten investiven Waldumweltmaßnahmen realisiert werden. Zusammenfassend gestatten Sie mir bitte folgende Hinweise: Insgesamt wurden in Thüringen seit der politischen Wende große Anstrengungen unternommen, um das Auerwild in Thüringen zu erhalten. Insbesondere ThüringenForst hat diesbezüglich erhebliche personelle und finanzielle Ressourcen eingesetzt. Selbst mit Auswilderung pendelt sich der Auerwildbestand in Thüringen aber seit Jahren bei 20 bis 30 Tieren ein. Bisher konnte trotz der aufwendigen Erhaltungsmaßnahmen keine sich selbst tragende Auerwildpopulation in Thüringen etabliert werden. Die Fortführung der intensiven Erhaltungsbemühungen muss vor diesem Hintergrund auch anhand der verfügbaren Ressourcen beurteilt werden. Vielen Dank.
(Beifall CDU, BSW, SPD)
