Carolin Gerbothe
Gemeinsam lernen, gemeinsam wachsen – Schulpflicht wirksam durchsetzen
Sehr geehrter Herr Landtagspräsident, werte Abgeordnete, sehr geehrte Besucherinnen und Besucher auf der Tribüne und am Livestream, stellen Sie sich vor, es ist Freitagfrüh, kurz nach sieben. Emilia, acht Jahre, geht nicht mehr zur Bushaltestelle, an der sie sonst mit anderen Kindern auf den Schulbus gewartet hat. Sie geht auch nicht mehr in die Grundschule. Eigentlich war Emilia Schülerin der 3. Klasse, fest eingebunden in ihre Klassengemeinschaft, doch ihr neuer Lernort, das ist jetzt der Schreibtisch in ihrem Kinderzimmer. Ihr Platz neben der besten Freundin im Bus bleibt leer. Kein gemeinsames Spielen auf dem Pausenhof mehr, vielleicht auch kein warmes Mittagessen mehr. Warum? Die Eltern von Emilia haben sich aus persönlichen Gründen entschieden, dass ihre Tochter künftig ausschließlich zu Hause beschult werden soll, weil sie der Meinung sind, Schule sei nicht mehr notwendig, weil eine bloße Bildungspflicht ausreiche. Die Situation ist fiktiv, aber sie ist erschreckend nahe an den Forderungen der AfD, sehr geehrte Damen und Herren. Die allgemeine Schulpflicht ist eine der größten zivilisatorischen Errungenschaften unseres Landes.
(Beifall CDU)
Sie sorgt dafür, dass Herkunft nicht über Zukunft entscheidet, dass jedes Kind gesehen wird, dass jedes Kind dieselbe Chance erhält. Lesen, schreiben, rechnen – das sind entscheidende Grundkompetenzen für das Leben. Genauso wichtig sind aber auch Teamfähigkeit, Toleranz und das Lernen im Miteinander.
(Beifall CDU)
Bildungspflicht würde bedeuten, dass Eltern ihre Kinder aus persönlichen Gründen aus dem Schulalltag entziehen könnten. Was könnten den wohl so persönliche Gründe sein? Die AfD behauptet seit Jahren, unsere Schulen würden Schülerinnen und Schüler politisch indoktrinieren. Das reicht dann sicherlich als persönlicher Grund aus. Doch für die frühkindliche Entwicklung ist Gemeinschaft essenziell. Gemeinsames Lernen, der Austausch unterschiedlicher Meinungen und diese auch auszuhalten, das Zusammentreffen verschiedener Lebensrealitäten, sehr geehrte Damen und Herren, das ist doch Demokratie im Kleinen. Genau deshalb reden wir heute nicht über irgendwelche organisatorischen Fragen, wir reden über das Fundament, das Fundament unseres demokratischen Zusammenlebens. Wir reden über Kinder, über Chancen, über Teilhabe und vor allen Dingen über Zukunft und wir müssen darüber sprechen, was der Fall Emilia für die Zukunft unseres Landes bedeuten könnte. Was wird aus einem Kind, das fortan zu Hause unterrichtet wird, das keine Schulgemeinschaft erlebt, das nicht am Schwimmfest teilnehmen kann und auch nicht mehr Teil der Theater AG ist? Wer aus einer Schulpflicht eine reine Bildungspflicht machen will, individualisiert Bildung vollständig. Das klingt auf den ersten Blick harmlos, vielleicht sogar ein Stück weit freiheitsliebend. Aber die Wahrheit ist doch, am Ende trifft es nicht die starken Kinder aus stabilen Verhältnissen, es trifft die schwächsten in unserer Gesellschaft, die Kinder, die Unterstützung brauchen, die Kinder, deren Eltern vielleicht überfordert sind, die Kinder, die zu Hause keine Förderung erfahren, die Kinder, die nur in der Schule das warme Mittagessen bekommen, und auch um eine Vertrauensperson zu finden oder überhaupt einmal zu hören: Du kannst was aus deinem Leben machen. Diese Kinder verlieren wir zuerst.
