Christian Tischner
Rückenwind für junge Menschen, die das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg erlangen möchten – Thüringenkolleg Weimar erhalten: Aufnahmestopp aufheben und Strukturen sichern
Meine sehr geehrten Damen und Herren! Sehr geehrter Herr Jankowski, wir haben ja nicht viele Gemeinsamkeiten, aber dass wir im Grunde nicht auf dem direkten Weg das Abitur gemacht haben, sondern durchaus wissen, wie es läuft, über den zweiten Bildungsweg das Abitur zu machen, das verbindet. Deswegen in der Tat: Es geht nicht um das Ob des zweiten Bildungswegs in Thüringen, sondern es geht um das Wie. Das Kolleg bleibt als Schulform erhalten. Der zweite Bildungsweg zum Abitur wird in Thüringen künftig an mehreren Standorten möglich sein, mit vollem BAföG-Anspruch. Diese Neustrukturierung wird nötig, weil das Thüringenkolleg Weimar seit Jahren vor strukturellen Problemen steht, die einen geordneten Schulbetrieb zunehmend gefährden. Die Schülerzahl ist von 178 im Schuljahr 2007 auf 63 im Schuljahr 2025/2026 zurückgegangen. Das entspricht inzwischen einem Lehrerverhältnis von 1 zu 5. Und, liebe Frau Große-Röthig, Sie kennen sich ja ein bisschen aus mit Schüler- und Kinder-ErzieherVerhältnissen. Das ist besser als im U3-Bereich in den Kindergärten, die Ihnen ja so lieb sind.
(Beifall BSW)
Danke. Die Zahl der Abiturabsolventen ist im selben Zeitraum von 44 auf zuletzt 18 gesunken. Mehr als ein Drittel der Fächer kann mangels Lehrkräften nicht angeboten werden. Der Unterrichtsausfall lag bei rund 25 Prozent. Das ist deutlich mehr, als manche Regelschule hat. Und Sie wissen, das ist unser Sorgenkind. Das Kolleg kann seinen Fächerkanon mit 13 Planstellen nicht eigenständig aufrechterhalten und ist deshalb bereits heute auf Abordnungen von anderen Gymnasien angewiesen. Wir haben also nicht ein Finanzproblem, wir haben vor allem ein Qualitätsproblem. Der Thüringer Rechnungshof hat 2015 und erneut im aktuellen Prüfzyklus – Sie haben es gerade ausgeführt – die strukturellen Probleme dokumentiert und das Bildungsministerium erneut zum Handeln aufgefordert. Zehn Jahre hat niemand an Lösungen gearbeitet – im Gegenteil, Herr Hey –, sie wurden blockiert, sodass nun im Grunde endlich auch gehandelt werden muss. Festzuhalten ist aber auch: Es gab zu keinem Zeitpunkt eine Entscheidung gegen den zweiten Bildungsweg. Im Februar hat das zu diesem Zeitpunkt zuständige Referat mitgeteilt, dass das Zusageverfahren am Standort Weimar zunächst ausgesetzt wird. Diese Entscheidung bezog sich allein auf rechtsverbindliche Zusagen. Parallel dazu hat mein Haus an einer Lösung gearbeitet, die ich dem Bildungsausschuss am 13. März in öffentlicher Sitzung vorgestellt habe, die ich Ihnen heute erläutere und gern auch noch einmal, wie zugesagt, im Bildungsausschuss dann präsentieren werde. Das Ministerium hat diesen internen Strukturprozess mit dem Ziel eingeleitet, den Zugang zum Abitur auf dem zweiten Bildungsweg im allgemeinen Schulsystem im Interesse der Kollegiaten dauerhaft und tragfähig zu sichern. So werden Kollegs an beruflichen Gymnasien in mehreren Regionen Thüringens angegliedert. Die Kollegiaten bleiben Schüler des Kollegs mit eigenem Bildungsgang nach der Kollegordnung, eigenen Aufnahmevoraussetzungen und vollem – das war den Kollegiaten besonders wichtig – elternunabhängigen BAföGAnspruch. Das sind über 900 Euro als Zuschuss im Sinne eines nicht rückzahlbaren Darlehens. Sie nutzen die Kurs- und Personalinfrastruktur der beruflichen Gymnasien. Ziel ist es, den zweiten Bildungsweg über den bisherigen Einzelstandort in Weimar hinaus zugänglich zu machen. Die organisatorische Anbindung an berufliche Gymnasien ermöglicht somit eine enge Verzahnung mit den dort bestehenden Oberstufenstrukturen und erleichtert die Sicherstellung der curricularen Anforderungen der gymnasialen Oberstufe auch im Kolleg. Dieses Modell ist kein Experiment. Im Saarland ist das Kolleg seit 1958 erfolgreich an das wirtschaftswissenschaftliche Gymnasium angegliedert, mit gemeinsamer Schulleitung, gemeinsamem Kollegium und vollem BAföG-Anspruch. Durch die institutionelle Kooperation werden vorhandene schulische Strukturen effizient mitgenutzt, ohne dass parallele eigene Strukturen für den Bildungsgang des Kollegs vorgehalten werden müssen. Die spezifische Ausrichtung des Kollegs auf erwachsene Lernende wird mit den organisatorischen und fachlichen Strukturen der beruflichen Gymnasien verbunden. So kann langfristig ein bedarfsgerechtes Angebot zum Erwerb der allgemeinen Hochschulreife auf dem zweiten Bildungsweg auch und gerade in der Fläche unseres Freistaats entstehen. Zusätzliche Kapazitäten an den beruflichen Gymnasien werden voraussichtlich nicht erforderlich sein. Die Kollegiaten werden entsprechend der für sie geltenden Rahmenstundentafeln in bestehende Kurse integriert. Damit bleibt das Kolleg als eigenständige Schulart erhalten, der Anspruch auf elternunabhängiges BAföG bleibt bestehen. Die Vorgaben der Kultusministerkonferenz hinsichtlich des zweiten Bildungswegs werden erfüllt und der Zugang bleibt auch für Bewerber ohne Realschulabschluss über eine Eignungsprüfung möglich. Die erarbeitete Zeitschiene dieser strukturellen Veränderungen sieht vor, dass das Thüringenkolleg Weimar im Schuljahr 2026/2027 letztmalig neue Kollegiatinnen und Kollegiaten aufnimmt. Alle Eingeschriebenen können planmäßig in der ihnen bekannten Kollegstruktur abschließen. Die neue Struktur wird für dann beginnende Kollegiatinnen zum Schuljahr 2027/2028 starten. Dafür wird die Thüringer Kollegordnung entsprechend angepasst. Die Gespräche mit Schulträgern und Schulämtern laufen. Aus der Stadt Weimar und von einzelnen Schulleitungen aus Weimar, aber auch aus den Schulamtsbereichen Nord- und Südthüringen liegen bereits konstruktive Signale vor und ich kann auch sagen, dass weitere drei Landräte inzwischen sehr deutliches Interesse angemeldet haben. Die formellen Vereinbarungen können erst geschlossen werden, wenn die restlichen und konzeptionellen Grundlagen stehen. Daran arbeitet mein Ministerium mit Nachdruck. Der vorliegende Antrag fordert außerdem ein Konzept für kostengünstiges Wohnen für junge Erwachsene im zweiten Bildungsweg. Dieses Anliegen ist nachvollziehbar, doch wir sollten dabei die bestehenden Realitäten auch nicht ausblenden. Das Wohnheim am Thüringenkolleg in Weimar besteht zunächst weiterhin. Gleichzeitig erhalten die Kollegiatinnen ein elternunabhängiges BAföG, das bereits eine wichtige Grundlage für ihre finanzielle Absicherung darstellt. Das BAföG der Kollegiaten ist in der Höhe mit dem der Studierenden auch voll vergleichbar und auch Studierende suchen sich Wohnungen. Hinzu kommt ein wichtiger struktureller Ansatz. Die beabsichtigte Angliederung des Kollegs am beruflichen Gymnasium soll dazu beitragen, Bildungsangebote stärker in die Fläche zu bringen. Ziel ist es, die Erreichbarkeit eben gerade zu verbessern, die Wohnortnähe herzustellen und Fahrtwege tatsächlich dann auch zu verkürzen. Zugleich setzen wir bewusst auf vorhandene Strukturen. Das Angebot des Kollegs soll möglichst an größeren beruflichen Gymnasien angesiedelt werden, die bereits über die notwendige Infrastruktur, beispielsweise auch Wohnheime, verfügen. Unser Ziel ist es also, den zweiten Bildungsweg nicht nur sozial abzusichern, sondern auch räumlich besser zugänglich zu machen, in der Fläche und nah an den Lebensrealitäten der Lernenden. Wir geben dem Kolleg eine Struktur, die zu Thüringen passt. Der zweite Bildungsweg wird damit nicht abgeschafft, er wird gestärkt. Deshalb bin ich den Koalitionsfraktionen auch dankbar, die mit ihrem Alternativantrag genau diesen Weg beschreiten. Danke schön.
(Beifall CDU, BSW, SPD)
