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Stephan Tiesler

CDU 06.02.2026 Sitzungen 8/37

Dringender Regulierungsbedarf des Waschbärbestands in Thüringen zum Schutz von Artenvielfalt und Kulturlandschaft im Freistaat

Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren, der Waschbär – Procyon lotor –, im älteren deutschen Sprachgebrauch auch Schupp genannt, ist ein Kleinbär aus Nordamerika – hochintelligent, anpassungsfähig und ein ausgeprägter Kulturfolger. Dass wir uns heute mit ihm beschäftigen, ist aber keine Laune der Natur, sondern das Ergebnis menschlichen Handelns. Zwischen – und jetzt muss ich Herrn Thomas berichtigen –, nicht 1934, sondern zwischen 1927 schon und 1934 gelangten mehrere Waschbären in Deutschland in die Freiheit, zunächst durch Entkommen aus Gehegen, später sogar durch Auswilderung. Damals glaubte man, die heimische Fauna zu bereichern und jagdlich nutzbar zu machen. Was fehlte, war ökologisches Wissen. Dieses Wissen haben wir heute, und daraus erwächst heute Verantwortung. Heute wissen wir, dass Ökosysteme äußerst empfindlich auf gebietsfremde Arten reagieren. Invasive Neozoen können Nahrungsketten destabilisieren – wir haben es vorhin auch beim Einbringen gehört –, Brutplätze zerstören und lokale Populationen massiv unter Druck setzen. Das gilt auch für den Waschbären, mag er noch so niedlich sein. Studien etwa aus Brandenburg zeigen, dass ganze Brutkolonien, beispielsweise von Kormoranen, verschwinden können, wenn sich Waschbären in unmittelbarer Nähe ansiedeln. Wäre schon mal eine Lösung für den Kormoran. Auch Fledermäuse, Amphibien und Bodenbrüter geraten unter zunehmenden Druck. Diese Erkenntnisse sind fachlich belegt und dürfen nicht ignoriert werden. Auch in Thüringen nehmen die Nachweise und Sichtungen zu. Der Waschbär ist angekommen und er wird bleiben. Die entscheidende Frage ist also nicht, wo wir ihn wahrnehmen, sondern wie wir sachlich und verantwortungsvoll mit dieser Realität umgehen. Derzeit erfolgt die Regulierung überwiegend über jagdliche Entnahmen. In mehreren Bundesländern unterliegt der Waschbär dem Jagdrecht, in Hessen gibt es sogar eine Schonzeit. Doch man muss ehrlich sagen, die bisherige Bejagung hat die Ausbreitung nicht verhindert. Waschbärpopulationen reagieren auf Entnahmen mit – Herr Thomas hat es schon gesagt – erhöhter Reproduktionsleistung, und gerade im urbanen Raum stößt auch die Jagd auf rechtliche und praktische Grenzen. Und damit sind wir jetzt beim Antrag der AfD. Sie stellen zunächst richtig fest, dass sich der Waschbär weiter ausbreitet. Doch schon die Annahme, eine konsequente Bejagung sei das effektivste Mittel zur Bestandsregulierung, greift zu kurz. Populationsökologie ist eben komplex – einfache Lösungen gibt es hier nicht. Meine Damen und Herren, ich frage mich zudem: Warum kommt dieser Antrag ausgerechnet jetzt? Wir haben im letzten Plenum den Doppelhaushalt 2026/2027 beschlossen. Dort hätte es die Möglichkeit gegeben, Mittel für Monitoring, Forschung oder die gezielte Unterstützung der Jägerschaft bereitzustellen. Diese Gelegenheit wurde nicht genutzt. Jetzt nach Abschussprämien zu rufen, wirkt daher weniger wie ein durchdachtes Konzept, sondern eher wie nachträgliche Symbolpolitik. (Beifall CDU, BSW, SPD) Hinzu kommt eine weitere Leerstelle. Warum greifen Sie ausgerechnet den Waschbären singulär heraus? Dieses Vorgehen erinnert – wir haben es gerade gehört – stark an die früheren Debatten, etwa zum Thema „Wolf“. Auch dort hat die AfD sehr frühzeitig die Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht gefordert, ohne die damaligen rechtlichen Realitäten zu berücksichtigen. Zu diesem Zeitpunkt unterlag der Wolf noch einem besonders hohen Schutzstatus auf europäischer Ebene – wir erinnern uns –, und eine nationale Aufnahme ins Jagdrecht hätte damals weniger geholfen, als vielmehr rechtliche Konflikte, Vollzugsprobleme und falsche Erwartungen erzeugt. Und erst nachdem sich jetzt der europäische Schutzstatus verändert hat und der Wolf jetzt zeitnah in das Bundesjagdgesetz aufgenommen wird, bestehen heute tatsächlich rechtssichere und praktikablere Handlungsspielräume. Das zeigt: Für Entscheidungen entscheidend sind der richtige Zeitpunkt, der passende Rechtsrahmen und eine realistische Einschätzung der Wirkung – nicht der schnelle Ruf nach vermeintlich einfachen Instrumenten. (Zwischenruf Abg. Abicht, AfD: AfD wirkt!) Auch beim Waschbären droht nun dasselbe Muster. Ein einzelnes öffentlichkeitswirksames Beispiel wird herausgegriffen und mit klar klingenden Forderungen versehen, ohne es in ein übergeordnetes, fachliches, abgestimmtes Gesamtkonzept zum Umgang mit invasiven Arten einzubetten. Was kommt als Nächstes? Der Goldschakal dann im April, der Marderhund im Juni, und im September sprechen wir über den Fischotter? (Zwischenruf Abg. N. Hoffmann, AfD) Ich weiß, deswegen sagte ich es. Was wir brauchen, ist ein anderer Ansatz: wissenschaftlich fundiertes Monitoring, realistische Zieldefinitionen, der Schutz besonders sensibler Lebensräume, die konsequente Verhinderung weiterer Ausbringung und eine sachliche, nüchterne Debatte ohne Alarmismus. (Beifall CDU) Meine Damen und Herren, lassen Sie mich klar sagen: Eine vollständige Ausrottung invasiver Arten – ich denke, da sind wir uns alle einig – ist auf der kontinentalen Ebene faktisch unmöglich. Das gibt es auf Inseln, aber die sind eben abgeschlossene Räume. Thüringen ist keine Insel. Die Jägerschaft leistet bereits heute einen wichtigen Beitrag. Sie verdient unsere Anerkennung und verlässliche Rahmenbedingungen, aber sie darf nicht zum Reparaturbetrieb für politisch vereinfachte Lösungen gemacht werden. Der Antrag der AfD suggeriert Handlungsfähigkeit, liefert aber keine tragfähige Gesamtstrategie. Er reduziert ein komplexes ökologisches Problem auf Abschusszahlen und Prämienlogik. Das ist weder nachhaltig noch verantwortungsvoll. Meine sehr geehrten Damen und Herren, weil wir das Thema aber ernst nehmen, werden wir es nicht bei der Ablehnung dieses Antrags belassen. Die Brombeerkoalition wird zeitnah einen Selbstbefassungsantrag vorlegen, der die Problematik invasiver Arten nicht isoliert am Beispiel des Waschbären, sondern im gesamtökologischen Zusammenhang betrachtet. (Unruhe AfD) Dabei geht es um ein landesweites wissenschaftlich fundiertes Management invasiver Arten mit klaren Prioritäten, belastbarem Monitoring und realistischen, rechtssicheren Handlungsoptionen. Der Waschbär wird dabei selbstverständlich eine Rolle spielen, aber nicht als singulärer Stellvertreter eines sehr viel größeren Problems. Unser Ziel ist keine Symbolpolitik, sondern eine fachlich belastbare Umweltpolitik, die Naturschutz, Jagd, Landwirtschaft und urbane Räume zusammendenkt. (Beifall CDU, BSW, SPD) Deshalb lehnen wir den AfD-Antrag ab. Und zum Ende noch an alle Nicht-Jäger und NichtVegetarier: Der Waschbär schmeckt sehr lecker. Zur Unterstützung der Jagd auf den Waschbären vielleicht mal an den heimischen Jäger wenden und fragen; Rezepte kann man sich im Internet heraussuchen – eine sehr leckere Sache. Vielen Dank. (Beifall CDU, BSW, SPD)

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